Stand: 29.05.2019 16:15 Uhr

Lügde: Dritter Beschuldigter war kein Mitläufer

Bild vergrößern
Im Missbrauchsfall Lügde stand bislang Andreas V. als Hauptverdächtiger im Fokus.

Bisher galt Mario S. als Mitläufer im Fall des mutmaßlich massenhaften Kindesmissbrauchs im nordrhein-westfälischen Lügde. Doch nach Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" ergibt sich nun ein ganz anderes Bild: Mario S. soll sich etwa 20 Jahre lang an verschiedenen Orten an Kindern vergangen haben: unter anderem auch auf einem Spielplatz in Steinheim, einem Partykeller und einer Baumarkttoilette. Der Kindesmissbrauch spielte sich also offenbar nicht nur auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen ab.

Die ersten Taten soll Mario S. bereits mit 15 Jahren begangen haben - und damit lange bevor er den bisher als Haupttäter geltenden Andreas V. aus Lügde kennenlernte. Aus dem übergriffigen Jugendlichen von damals ist offenbar ein notorischer Sexualstraftäter geworden.   

Viele Kinder schwiegen bis zur Verhaftung

Das große Ausmaß der Taten von Mario S. wurde auch den Ermittlern offenbar erst nach seiner Verhaftung klar. Im ersten Haftbefehl gegen Mario S. Anfang 2019 war zunächst lediglich vom Vorwurf zur "Beihilfe zum schweren sexuellen Missbrauch" die Rede. Mehrere Kinder sollen in ihren ersten Vernehmungen bestritten haben, dass auch Mario S. ihnen etwas angetan hätte. Erst nach dessen Verhaftung am 11. Januar 2019 offenbarten sich die Kinder ihren Eltern. So berichtete eine Mutter gegenüber NDR, WDR und SZ: "Er wurde verhaftet, und urplötzlich fingen die Kinder an zu reden. Das war irgendwie so eine Art Befreiung für die, da kann uns nichts mehr passieren, die sind weg. Und dann haben sie geredet wie ein Wasserfall."

162 Einzeltaten

Bild vergrößern
Mario S. hatte eine Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde angemietet.

In einer Presseerklärung schreibt das Landgericht Detmold von 162 Taten an 17 Kindern, die Mario S. begangen haben soll. Der 34-Jährige galt in der öffentlichen Wahrnehmung bisher als Mitläufer des vermeintlichen Haupttäters Andreas V., gegen den die Staatsanwaltschaft Detmold bereits Anklage erhoben hat. Der Verteidiger von Mario S. sagte gegenüber NDR, WDR und SZ, er habe nach der ersten Akteneinsicht den Eindruck gehabt, "dass es sich hier nur um einen Mitläufer handeln kann". Aber mit fortschreitendem Aktenstudium habe er diesen Eindruck korrigieren müssen. "Man muss sagen, dass sich die gegenüber meinem Mandanten angeklagten Taten fast annähern, an die des immer so bezeichneten Haupttäters", so der Verteidiger Jürgen Bogner.

Ein Netz aus Kindern

Der alleinstehende Gelegenheitsarbeiter baute sich über Jahre ein weitreichendes Netz von Kindern auf. Schon als Jugendlicher missbrauchte er wohl einen Nachbarsjungen auf einem Spielplatz in seiner Heimatstadt Steinheim. Schon früh lockte er offenbar Kinder in den elterlichen Partykeller und tat ihnen dort sexuelle Gewalt an. Ab 2010 mietete er eine Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen - zuerst gemeinsam mit einem Freund, später bezog er seine eigene Parzelle. Auch dorthin soll er ständig Kinder eingeladen und teils schwer missbraucht haben.

Der "Kindermagnet" auf dem Campingplatz

Bild vergrößern
Mario S. soll auf dem Campingplatz häufig Kinder mit seinem Rasenmähertraktor herumgefahren haben.

Ein Bild, an das sich viele Camper im Nachhinein erinnern: Mario S., der auf einem Rasenmähertraktor über den weitläufigen Campingplatz fährt. Im Anhänger: fröhliche Mädchen und Jungen. Vor seiner Parzelle, sagen Zeugen, hätten immer Kinderräder in verschiedenen Größen geparkt. Eine Mutter beschreibt ihn als "Kindermagnet", immer seien Kinder um ihn gewesen.

Bevor er selbst eine Parzelle anmietete, habe sich Mario S. einen Wohnwagen mit einem langjährigen Freund geteilt. Auch dessen Enkelkinder sollen mehrfach zum Opfer von Mario S. geworden sein. Die anderen Jungen und Mädchen, die er missbrauchte, waren ebenfalls Kinder von Freunden, Bekannten und Camping-Nachbarn. Diese Kinder brachten nach einiger Zeit häufig ihre Geschwister oder Freunde mit - so fand Mario S. offenbar stets neue Opfer. Die Staatsanwaltschaft wirft S. auch den sexuellen Missbrauch eines geistig behinderten Jungen vor. Zudem soll er kinderpornografisches Material angefertigt haben, indem er Fotos und Videos von seinen Taten machte.

Die Ermittlungen haben auch ergeben, dass eines der Opfer von Mario S. wohl selbst zum Täter wurde: Ein heute 16-Jähriger steht inzwischen im Verdacht, selbst Kinder missbraucht zu haben. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Erste Anzeige schon 2004

Es stellt sich die Frage: Hätte Mario S. gestoppt werden können? Nach Recherchen von NDR, WDR und SZ hatte das Jugendamt Höxter offenbar bereits 2017 Hinweise : Weil ein Kind im September 2017 einer Mitarbeiterin des Jugendamts Höxter erzählt haben soll, dass es bei S. im Bett schlafe und der Mann es auf den Mund küsse, verbot die Behörde den Kontakt zu Mario S.. Zudem soll der Mutter des Kindes zur Auflage gemacht worden sein, es nicht allein zu Mario S. zu lassen. Das Jugendamt Höxter äußerte sich auf Anfrage nicht zu dem Vorgang.

Offenbar ermittelten Behörden auch schon früher gegen Mario S.. Bei der Staatsanwaltschaft Paderborn gingen bereits 2004 und 2013 Anzeigen wegen des Verdachts sexuellen Kindesmissbrauchs gegen S. ein. Die Verfahren sind aber offenbar eingestellt worden. 

Beschuldigter soll Entsetzen vorgetäuscht haben

Nach der Verhaftung von Andreas V. am 6. Dezember vergangenen Jahres soll Mario S. gegenüber Eltern von missbrauchten Kindern Entsetzen vorgetäuscht haben. Zusätzlich soll er befreundete Mütter von zu Opfern gewordenen Kindern nach deren polizeilichen Vernehmungen ausgefragt haben. Eine Mutter, die nach der Verhaftung von Andreas V. mit Mario S. redete, erinnerte sich: "Da hat er sich noch aufgeregt über Addy [Anm. d. Redaktion: gemeint ist Andreas V.], und wie der das alles tun konnte."

Marios S.' Verteidiger hält Andreas V. nach wie vor für den "Hauptinitiator" des Missbrauchs auf dem Campingplatz. Seinem Mandanten rät er zu einem Geständnis: "Bei 162 Taten sollte der richtige Weg sein, sich hier zu offenbaren gegenüber der Justiz, das heißt Ross und Reiter zu benennen, Farbe zu bekennen und nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund des Opferschutzes Geständnisse abzulegen."

Gutachten: Pädophile Störung

Ein psychiatrisches Gutachten kommt offenbar zu dem Schluss, dass Mario S. voll schuldfähig ist und bei ihm eine pädophile Störung bestehe. Das Gutachten sieht außerdem eine hohe Rückfallgefahr. Die Staatsanwaltschaft hat daher die Sicherungsverwahrung im Falle der Verurteilung von Mario S. beantragt. Die Anklage gegen Mario S. liegt beim Landgericht Detmold. Die Richter müssen nun über die Zulassung der Anklage entscheiden.

Weitere Informationen

Fall Lügde: Anklage gegen dritten Beschuldigten

Beim Landgericht Detmold ist die dritte Anklageschrift im Fall Lügde eingegangen. Nun prüft die Strafkammer, ob die Anklage gegen den dritten Tatverdächtigen zugelassen wird. (23.05.2019) mehr

Lügde: Prozessauftakt am 27. Juni

Der Prozess um den Missbrauchsfall Lügde soll im Juni beginnen. Das bestätigte ein Sprecher des zuständigen Landgerichts Detmold. Für die Verhandlung sind zwei Monate angesetzt. (18.05.2019) mehr

Anklage im Lügde-Fall: Erschütternde Details

Zwei Angeklagte, 22 Opfer und hundertfacher Missbrauch: Das Landgericht Detmold hat erstmals erschreckende Details aus der Anklage gegen die Beschuldigten im Lügde-Fall genannt. (17.05.2019) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 29.05.2019 | 16:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:52
Hallo Niedersachsen
03:20
Hallo Niedersachsen
04:20
Hallo Niedersachsen