Stand: 17.10.2018 21:05 Uhr

IS-Kämpfer: Miliz plante Anschlag in Deutschland

von Volkmar Kabisch, Georg Mascolo und Amir Musawy

Es hätte ein Blutbad in Deutschland geben sollen. So jedenfalls der Plan einer Gruppe deutscher Islamisten des sogenannten Islamischen Staates. Der Plot scheiterte schließlich. Doch nun versuchen deutsche Sicherheitsbehörden, die komplexen Planungen aufzuklären. Mit Reportern von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" sprach ein deutscher Islamist, der an der Anschlagsplanung direkt beteiligt war. Oguz G. war nach NDR Informationen zwischen 2014 und 2015 Schriftführer im Verein Deutschsprachiger Islamkreis e.V. Der Moscheeverein wurde 2017 durch das niedersächsische Innenministerium verboten. Im laufenden Strafprozess vor dem Oberlandesgericht Celle gegen Ahmad A., der unter dem Namen Abu Walaa in Hildesheim predigte, könnte Oguz G. ein wichtiger Zeuge über die Vorgänge in der Moschee werden.

Er sitzt auf einem Plastikstuhl und sucht mit unruhigen Augen den Raum ab. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis die Reporter von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" den Mann besuchen durften. Er heißt Oguz G., ist 39 Jahre alt, großgewachsen. G. stammt aus Hildesheim. Im Oktober 2017 ergab er sich kurdischen Kämpfern in den Gefechten um die Islamistenhochburg Rakka. Seither sitzt er in einem Gefängnis in Nordsyrien und hofft, baldmöglichst nach Deutschland zurückkehren zu können.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl.

IS plante großen Terroranschlag in Deutschland

Hallo Niedersachsen -

Islamisten unter anderem aus Hildesheim haben vor zwei Jahren offenbar einen großen Anschlag in Deutschland geplant. So hat es ein Anhänger des Terrornetzwerks "Islamischer Staat" dem NDR berichtet.

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Eine Art Quartiermacher der Dschihadisten

Oguz G. verließ Hildesheim 2015, war dann zunächst Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Irak. Später siedelte er mit seiner Frau ins syrische Rakka über. Dann wurde Oguz G. Teil eines mörderischen Plans. Gemeinsam mit Marcia M., seiner zum Islam konvertierten Frau, waren sie eine Art Quartiermacher der Dschihadisten, die in Deutschland einen großen Anschlag planten und ein verheerendes Blutbad anrichten wollten. "Ich bin da reingerutscht", sagt er heute. Als er vom eigentlichen Plan erfuhr, habe er versucht, "aus der Sache wieder rauszukommen".

Frauen in Deutschland sollten Kämpfer heiraten

Die Geschichte beginnt im Jahr 2016. Damals, so schildern es deutsche Sicherheitsbehörden, entstand beim IS so etwas wie der Wunsch, Deutschland enger in den Fokus zu nehmen und auch hierzulande nach kleineren Attacken einen großen Anschlag zu versuchen. Zuvor, im November 2015, hatte es zunächst Paris und dann 2016 Brüssel getroffen. Es ist der Moment, in dem ein "Bruder" auf Oguz G. zugeht und von einer "Spezialmission" erzählt, für die er auserwählt worden sei. Der Niedersachse möge bitte Frauen in Deutschland suchen, die bereit wären, Kämpfer zu heiraten und zu beherbergen - zur Tarnung. Marcia M., inzwischen eingeweiht von ihrem Mann, nimmt mit Frauen in der norddeutschen Salafisten-Szene Kontakt auf.

Ermittler sind den Planern auf der Spur

Was Marcia M. nicht weiß: Die angeschriebene Glaubensschwester in Deutschland ist eine Quelle des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Ein glücklicher Zufall für die Sicherheitsbehörden. "Für uns war die Faktenlage in diesem Fall sehr konkret und auch belastbar. Das ist häufig nicht der Fall", sagt Generalbundesanwalt Peter Frank im Gespräch mit NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Nun können die Ermittler, die mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst zusammenarbeiten, recht genau nachvollziehen, was der IS plant. 

Höchste Priorität für den Fall

So schreibt Marcia M. im November 2016 der vermeintlichen Glaubensschwester: "Guck mal, es gibt Brüder, die jetzt kommen wollen." Daher solle sie ihr Handy von nun an nicht mehr abschalten. Die deutschen Sicherheitsbehörden fürchten, ein Anschlag könne unmittelbar bevorstehen. Im "Gemeinsamen Terrorismus-Abwehr-Zentrum" (GTAZ) bekommt der Fall höchste Priorität. Ende November schreibt Marcia M. dann: "Das Paket ist hängengeblieben". Es gab also offenbar Probleme.

Kurden verhaften die Deutschen

Im Januar dann eine weitere Nachricht von Marcia M.: Das Paket sei "gerade am Ballern". Offenbar sind die vermeintlichen Attentäter noch in Syrien im Kampfeinsatz. Die Kommunikation wird weniger, reißt schließlich ganz ab. Der Fall verliert an Brisanz. Das ändert sich erst vor gut einem Jahr. Damals verhaften Kurden bei der Erstürmung Rakkas ein deutsches Paar - Marcia M. und ihren Mann Oguz G. Die beiden hatten sich in den letzten Tagen der Gefechte um die einstige Hauptstadt der Terrormiliz ergeben. Sie kommen wie Dutzende andere Deutsche in Haft. Die beiden sagen zunächst gegenüber den Kurden, später auch vor Agenten des Bundesnachrichtendienstes aus. Sie gestehen ihre Beteiligung, nennen wichtige Fakten.

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Attentäter sollten Aussehen verändern

Seither setzen Ermittler Stück für Stück ein Bild der Anschlagsplanung zusammen. Demnach sollten insgesamt drei Teams von Attentätern nach Deutschland reisen. Diese hätten konkrete Anweisungen erhalten, wie sie sich zu verhalten haben. So sollten sie beispielsweise ihr Äußeres durch Haartransplantationen und durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln verändern, um bei der Einreise nach Deutschland nicht aufzufallen. Auf zwei in der Türkei verhaftete deutschstämmige Islamisten passt diese Beschreibung.

"Jagt euch in die Luft"

Die zweite Gruppe habe ebenfalls aus zwei Männern bestanden, darunter ein Mann, der sich Abu Qaaqa nannte. Dabei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um den ebenfalls aus Hildesheim stammenden Dominik W. Er war bereits 2014 nach Syrien ausgereist und hatte sich dort dem IS angeschlossen. Nun sollte er nach Deutschland zurückkehren und töten. Im Interview mit NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" sagte Oguz G.: "Ich habe halt solche Sachen mitbekommen, dass man sich zum Beispiel tätowieren soll. Einfach Tarnung." Am Ende habe es dann geheißen: "Geht zurück, um euch dann irgendwo in die Luft zu jagen."

Chef-Planer soll Schweizer gewesen sein

Wer zur dritten Gruppe gehörte, ist bis heute unklar. Allerdings konnten Marcia M., Oguz G. und ein weiterer Zeuge eine Aussage treffen, wer als Chef-Planer agiert habe. Ein Mann namens Abu Mussab al-Almani - "der Deutsche" also. Er soll es in der Abteilung für "Externe Operationen" der Terrormiliz, die auch hinter den Anschlägen in Paris und Brüssel stehen soll, weit gebracht haben. Fieberhaft ermitteln Fahnder. Inzwischen sind sie sich weitgehend sicher, dass der Deutsche gar kein Deutscher ist, sondern Schweizer. Thomas C. lebte aber bis zu seiner Ausreise 2013 in Frankfurt am Main. Vieles spricht dafür, dass Thomas C. inzwischen tot ist. Sicher ist das nicht. Deshalb laufen die Ermittlungen weiter. Und selbst wenn sich die Todesnachricht bestätige, so ein Ermittler, wisse man nicht, ob einige der Beteiligten noch immer aktiv sind. Und womöglich weiter Anschläge planen.

"Wir versuchen weiterhin, aller Beschuldigten habhaft zu werden", sagt Generalbundesanwalt Peter Frank. Gegen Oguz G. und Marcia M. wurde Haftbefehl erlassen, sie warten auf ihre Überstellung nach Deutschland.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 17.10.2018 | 19:30 Uhr

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