Stand: 18.07.2019 16:49 Uhr

Fall Lügde: Ein Urteil nach Recht und Gesetz

Zwei Jahre Haft auf Bewährung - so lautet das erste Urteil im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal im nordrhein-westfälischen Lügde nahe der Landesgrenze zu Niedersachsen. Das Urteil gegen den 49-jährigen Heiko V., der per Webcam beim Missbrauch von Kindern zugesehen hat und bei dem kinderpornografisches Material gefunden wurde, ist auf viel Kritik gestoßen. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt.

Ein Kommentar von Sylvia Münstermann, WDR

Jetzt ist also das erste Urteil gefallen. Das Landgericht Detmold hat den Angeklagten Heiko V. wegen Anstiftung zum schweren sexuellen Kindesmissbrauch, Beihilfe zum sexuellen Missbrauch und wegen des Besitzes von kinder- und jugendpornografischen Materials wie Bilder und Videos verurteilt. Die Richter verhängten trotz des enormen öffentlichen Drucks eine Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden konnte.

Für viele ist es ein unverständliches Urteil, ein Skandal angesichts dessen, was auf dem Campingplatz in Lügde vorgefallen sein soll. Doch das Urteil ist richtig. Der Angeklagte war nie in Lügde - und er ist für die Taten der beiden anderen Angeklagten nicht verantwortlich zu machen. Er hat sich per Webcam an den Taten beteiligt. Das ist schlimm genug. Doch Heiko V. aus Stade ist nach dem zu beurteilen, was ihm nachgewiesen werden kann und welche persönliche Schuld ihn trifft.

Die Taten sind unterschiedlich zu gewichten

Er hat sich Kinderpornografie angeschaut - das ist widerlich. Er hat sich so an der sexuellen Ausbeutung derjenigen beteiligt, die unseren Schutz am nötigsten haben. Die Vorsitzende Richterin beschrieb die Gesichter der missbrauchten Kinder: gezeichnet von Angst, Ekel und Verzweiflung.

Aber die Taten von Heiko V. sind anders zu gewichten als die der mutmaßlichen Haupttäter von Lügde. Der Angeklagte hat die Kinder nicht selbst missbraucht, er hat früh gestanden und er ist therapiebereit. Wer jetzt sagt, der Mann muss ins Gefängnis, muss wissen: Er kommt auch irgendwann wieder heraus. Es sei denn, diejenigen, die jetzt Skandal schreien, möchten ihn für immer wegsperren.

Anspruch auf ein faires Verfahren

Um es klar zu sagen: Auch wenn es sich um abscheuliche Taten handelt, haben auch Straftäter wie Heiko V. einen Anspruch auf ein faires Verfahren und ein angemessenes und dem Gesetz entsprechendes Urteil. Die Taten sind schrecklich, gewiss, aber es ist auch erschreckend, wie schnell wir bereit sind, die Grundsätze eines rechtsstaatlichen Verfahrens über Bord zu werfen.

Erste Anzeichen richtig deuten

Und wer jetzt nach härteren Strafen ruft, vergisst, dass der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren eine Reihe von Gesetzesverschärfungen vorgenommen hat.

Was viel besser klappen müsste, ist eine Vernetzung der Jugendämter, Kinderschutz-Einrichtungen und Polizeibehörden. Die ersten Anzeichen von Kindesmissbrauch müssen richtig gedeutet werden und entsprechende Hilfe sofort eingeleitet werden. Aufklärung und Bündelung der Kräfte ist das beste Mittel, um Kinder zu schützen. An einem Angeklagten wie Heiko V. ein Exempel zu statuieren, wäre falsch.

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NDR Info | Kommentar | 18.07.2019 | 17:08 Uhr

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