Stand: 24.01.2020 12:00 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Der Fall Lügde: Ein Jahr danach

Ende Januar 2019 berichtete der WDR als einer der ersten über den Verdacht des sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz bei Lügde (Nordrhein-Westfalen). Von der Polizei Lippe hieß es wenig später: "Die lippischen Ermittlungsbehörden arbeiten momentan akribisch an einer Vielzahl von Fällen, in denen Kinder schwer sexuell missbraucht wurden. Bislang stehen 23 Opfer fest." Am Ende werden zwei Männer zu langen Haftstrafen verurteilt: Sie haben sich laut Landgericht Detmold des sexuellen Missbrauchs an 32 Kindern schuldig gemacht. Insgesamt werden ihnen 271 Einzeltaten, darunter Vergewaltigungen, nachgewiesen. Einige der Gewalttaten sollen sie zudem gefilmt haben. Der Tatort: ein Campingplatz nahe des nordrhein-westfälischen Lügde, unweit der niedersächsischen Grenze.

Kritik am Jugendamt

Der Fall macht nicht an der Landesgrenze halt. Ein Mittäter der Verurteilten kommt aus Stade. Der 49-Jährige wird unter anderem wegen Beihilfe zum schweren Missbrauch von Kindern zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. In der Kritik steht auch das Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont. Es hatte ein damals sechsjähriges Mädchen bei dem Hauptangeklagten auf dem Campingplatz in Pflege gegeben. Zudem soll das Amt Hinweisen auf sexuellen Missbrauch nicht nachgegangen sein. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen drei Mitarbeiter des Jugendamtes.

Die Parzelle eines Angeklagten wegen Kindesmissbrauchs in Lügde wurde teilweise von der Polizei zerstört. © dpa - Bildfunk Foto: Guido Kirchner
Bei den Ermittlungen auf dem Campingplatz kam es zu schwerwiegenden Fehlern. (Archiv)
Haarsträubende Ermittlungspannen

Für Unverständnis und Wut sorgen auch zahlreiche teils haarsträubende Pannen bei den Ermittlungen der Polizei. Gleich mehrfach verschwinden Beweismittel. Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul (CDU) spricht gar von "Polizeiversagen" und einem "Debakel", das ihn "fassungslos" mache. Darüber hinaus bestätigt Reul, dass zunächst ein Polizeianwärter mit der Sichtung der Filme, Fotos und Software betraut war, der noch in der Ausbildung war. Der Leiter der Kriminalpolizei der Kreispolizeibehörde Lippe wird suspendiert; ein Untersuchungsausschuss wird ins Leben gerufen.

Politische Folgen des Falls Lügde

Der Fall Lügde hat auch politische Folgen. Das niedersächsische Innenministerium versetzt Hameln-Pyrmonts Landrat Tjark Bartels (SPD) wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand. Das Ministerium folgt damit dem Wunsch des Verwaltungschefs. Zuvor hatte Bartels im Oktober seinen Rücktritt aufgrund einer Burn-out-Erkrankung angekündigt. Er sah sich zuvor mehrfach harscher Kritik wegen der Vorfälle in Lügde ausgesetzt. Im Landtag in Hannover sprachen sich die Fraktionen von SPD und CDU für einen Vorstoß auf Bundesebene aus, um die Verjährungsfristen für Missbrauchstaten auszuweiten oder gleich ganz abzuschaffen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 30.01.2020 | 08:00 Uhr

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