Stand: 28.08.2019 18:45 Uhr

Betrunkene Schwangere: Staat kann wenig tun

Die Polizei in Hannover greift an zwei Abenden hintereinander eine volltrunkene, schwangere 24-Jährige auf. Beide Male sorgen die Beamten für eine ärztliche Untersuchung der wohnungslosen Frau - gegen deren Willen. Mehr kann die Bundespolizei nach eigenen Angaben nicht tun. Am Mittwoch hat sich das niedersächsische Sozialministerium zu dem Fall geäußert. Die staatlichen Möglichkeiten seien in einem solchen Fall begrenzt, sagte Sprecher Uwe Hildebrandt. Denn anders als bei Kindern, die bereits auf der Welt seien, sei eine Inobhutnahme hier natürlich nicht möglich. Bestehe ein Kontakt zum Jugendamt - etwa, weil schon ältere Kinder da sind - würden die Mitarbeiter mit allen Mitteln versuchen, den Konsum von Drogen oder Alkohol zu verhindern.

Videos
06:39
Visite

So gefährlich ist Alkohol in der Schwangerschaft

30.07.2019 20:15 Uhr
Visite

Das Fetale Alkoholsyndrom gehört zu den häufigsten angeborenen Behinderungen. Schon ein Glas Alkohol in der Schwangerschaft kann zu schweren Schäden beim Ungeborenen führen. Video (06:39 min)

Rechtlich gilt ungeborenes Kind nicht als Person

Kann eine werdende Mutter dafür bestraft werden, dass sie ihrem ungeborenen Kind gesundheitlich schadet? Das Thema ist immer wieder Gegenstand von Debatten, sowohl in gesellschaftlicher als auch in strafrechtlicher Hinsicht. Wie Christian Lauenstein vom niedersächsischen Justizministerium am Mittwoch erläuterte, macht sich die Frau in einem solchen Fall nicht strafbar. Lauenstein zitierte aus dem Strafgesetzbuch (Paragraf 223): "Wer eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Das ungeborene Kind werde jedoch nicht als "Person" betrachtet.

Gericht: Schwangere kann Umgang mit Körper frei entscheiden

Das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen hatte sich 2017 mit der Frage befasst, wie Lauenstein weiter ausführte. Das Gericht stellte damals in einem anderen Zusammenhang fest, dass eine Schwangere selbst entscheiden kann, ob sie Alkohol zu sich nimmt. "Sie hat die grundrechtliche Freiheit, den Umgang mit ihrem Körper während der Schwangerschaft im Rahmen der geltenden Gesetze selbst zu gestalten - auch wenn dies aus der Sicht anderer möglicherweise unvernünftig oder sogar unethisch erscheint", heißt es in der Urteilsbegründung.

Videos
05:12
Hallo Niedersachsen

Leben mit dem fetalen Alkoholsyndrom

27.03.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Niels Schare hat das fetale Alkoholsyndrom, seine Mutter trank in der frühen Schwangerschaft Alkohol. Eins seiner Probleme: eine Lernschwäche. Video (05:12 min)

Zwangsweise ins Krankenhaus eingeliefert

Am Sonntagabend hatten Passanten im Hauptbahnhof Hannover die Bundespolizei auf die 24-jährige Frau hingewiesen. Sie hatte 4,23 Promille Alkohol im Blut. Zum Arzt wollte sie nicht, wurde aber zwangsweise unter Polizeibegleitung mit einem Rettungswagen in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) gebracht und dort ärztlich begutachtet. In der Nacht zu Dienstag trafen Bundespolizisten erneut auf die Frau: Ein Ladendetektiv in einem Geschäft im Hauptbahnhof hatte sie beim Stehlen erwischt. Diesmal wurden bei ihr 3,91 Promille gemessen. Es folgten eine neuerliche ärztliche Untersuchung sowie ein Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls.

Keine Gefährdung anderer festgestellt

Als sie die Schwangere zum zweiten Mal volltrunken antrafen, seien die Beamten "entsetzt" gewesen, teilte die Bundespolizei mit. Unternehmen könne man jedoch nichts weiter. "Die Kollegen stehen der Situation mehr oder weniger hilflos gegenüber", sagte Sprecher Martin Ackert. Sei die Frau untersucht worden und im sogenannten Schutzgewahrsam ausgenüchtert, werde sie freigelassen. Die Ärzte seien zu dem Schluss gekommen, dass die 24-Jährige keine Gefahr für sich selbst oder andere darstelle. Wie die Mediziner an der MHH diese Entscheidung begründet haben, dazu wollte sich die Hochschule am Mittwoch auf Nachfrage von NDR.de nicht äußern. Eine Pressesprecherin lehnte es auch ab, Auskünfte über die Kriterien zu geben, nach denen Ärzte in solchen oder ähnlichen Fällen entscheiden, ob eine Fremd- oder Selbstgefährdung vorliegt.

Weitere Informationen
Visite

Fetales Alkoholsyndrom verhindern

30.07.2019 20:15 Uhr
Visite

Das Fetale Alkoholsyndrom gehört zu den häufigsten angeborenen Behinderungen. Schon ein Glas Alkohol in der Schwangerschaft kann zu schweren Schäden beim Ungeborenen führen. mehr

Panorama 3

Alkohol in der Schwangerschaft: lebenslanger Schaden

15.01.2019 21:15 Uhr
Panorama 3

Kevin und Rene werden ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen sein. Der Grund: Ihre Mutter hat während der Schwangerschaft Alkohol getrunken, nun haben beide eine geistige Behinderung. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 28.08.2019 | 15:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:55
Hallo Niedersachsen

Der singende Wattwagenfahrer

Hallo Niedersachsen
04:17
Hallo Niedersachsen
08:02
Hallo Niedersachsen