VIDEO: Zensur an der Leibniz Universität? China stoppt Lesung (3 Min)

Abgesagte Lesung in Hannover: Uni Duisburg übernimmt

Stand: 26.10.2021 14:46 Uhr

Eine zunächst abgesagte Lesung aus einer Biografie über den chinesischen Staatschef Xi Jinping findet nun doch statt - mit einer neuen Gastgeberin.

Die Online-Veranstaltung werde wie geplant am Mittwochabend abgehalten, sagte eine Sprecherin der Universität Duisburg-Essen. Veranstalter sei allerdings nicht das Konfuzius-Institut, sondern das Ostasien-Institut der Universität selbst, sagte eine Sprecherin der Hochschule am Dienstag. Die Universität werde den Einwahllink auf die Hochschulseite stellen. Die Lesung in Hannover wird dagegen nicht am Mittwoch stattfinden, wie eine Sprecherin der Universität mitteilte. Man sei mit dem Verlag in Absprache für einen neuen Termin. Das Konfuzius-Institut Hannover betonte am Dienstag, dass die Angelegenheit in den verantwortlichen Gremien geklärt werden soll.

Die an den Konfuzius-Instituten Duisburg und Hannover geplanten Lesungen waren zuvor abgesagt worden - offensichtlich nach Einflussnahme aus China.

Anweisung an Konfuzius-Institut: Lesung darf nicht stattfinden

Die Autoren der Biografie, Ex-"Spiegel"-Chef Stefan Aust und der langjährige China-Korrespondent Adrian Geiges, wollten ihr Buch "Xi Jinping - der mächtigste Mann der Welt" am Mittwoch per Online-Lesung parallel in Hannover und Duisburg vorstellen. Dann habe das veranstaltende Konfuzius-Institut die Anweisung aus China erhalten, dass diese Lesung auf keinen Fall stattfinden dürfe. Das sagte Geiges NDR Niedersachsen. Dabei gehe es gar nicht um einen möglicherweise kritischen Inhalt des Buches, so Geiges, sondern tatsächlich um den Kult, der um Xi Jinping herrsche. Er sei unantastbar - es dürfe nicht über ihn als normalen Menschen gesprochen werden. Diesen Kult gebe es schon lange in China, aber jetzt solle er offenbar auf Deutschland ausgeweitet werden.

"Nicht akzeptabel, befremdlich und unverständlich"

Die Leibniz Universität hatte bereits am Montag Stellung zu dem Fall genommen. Die Uni sei in keiner Weise und zu keinem Zeitpunkt über die Planung der Veranstaltung ihres Kooperationspartners, des Leibniz-Konfuzius-Instituts, informiert oder in die Absage involviert worden, teilte eine Sprecherin mit. Die Absage sei "nicht akzeptabel, befremdlich und unverständlich". Die Hochschulleitung werde "zeitnah das Gespräch mit dem Direktorium ihres Kooperationspartners Leibniz-Konfuzius-Institut e.V. suchen, um die mögliche weitere Zusammenarbeit zu überprüfen", hieß es weiter. "Jeglicher Versuch der politischen Einflussnahme auf Forschung, Lehre und Öffentlichkeitsarbeit der Leibniz Universität durch ausländische Regierungen ist dabei strikt zurückzuweisen."

Aust warnt vor "Diktatur"

Der Journalist Stefan Aust sitzt am 1. Juni 2021 im Saal des Literaturhauses während der Vorstellung und Lesung seiner Autobiografie "Zeitreise". © picture alliance/dpa Foto: Marcus Brandt
Ex-"Spiegel"-Chef Stefan Aust wollte aus seiner neuen Biografie über Xi Jinping lesen. (Archiv)

"Die Absage der Veranstaltung durch die beiden Konfuzius-Institute ist ein beunruhigendes und verstörendes Signal", sagte Verlegerin Felicitas von Lovenberg vom herausgebenden Piper-Verlag in einer Stellungnahme, die NDR Niedersachsen vorliegt. Aust reagierte ebenfalls: "Erstmals ist eine Diktatur dabei, den Westen wirtschaftlich zu überholen, und versucht jetzt auch, ihre gegen unsere Freiheit gerichteten Werte international durchzusetzen", sagte er laut Verlag.

Thümler: "Nicht akzeptabel"

Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) sagte zu dem Vorfall: "In Deutschland herrschen Wissenschafts- und Meinungsfreiheit. Jeder, der bei uns lebt und lehrt, sollte sich dessen bewusst sein. Daher ist die Absage der Vorlesung an den beiden Konfuzius-Instituten nicht akzeptabel." Zuerst hatte die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" (HAZ) über den Fall berichtet.

FDP stellt Anfrage an Ministerium

Die FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag hat mittlerweile eine Anfrage an das Wissenschaftsministerium gerichtet. Die chinesische Intervention sei ein "beunruhigender Eingriff in unsere Wissenschafts- und Kulturfreiheit", sagte der FDP-Abgeordnete Lars Alt. Bedenklich sei insbesondere der Grad chinesischer Kontrolle auf die Geschäftsführung der Konfuzius-Institute. Die Landesregierung müsse jetzt darlegen, in welchem Ausmaß Druck auf die Konfuzius-Institute ausgeübt wurde und inwieweit diese Form der Kooperation mit chinesischen Hochschulen in Niedersachsen noch haltbar sei.

Uni Hamburg kooperiert nicht mehr mit Konfuzius-Institut

Die Universität Hamburg zum Beispiel hatte 2020 ihre Zusammenarbeit mit dem Konfuzius-Institut beendet, weil die Gefahr einer Einflussnahme auf die Wissenschaft gesehen wurde.

Was sind die Konfuzius-Institute?

Konfuzius-Institute sind offizielle Kultur- und Bildungsinstitutionen, die von der Zentrale der Konfuzius-Institute, einer Unterabteilung des chinesischen Bildungsministeriums, gefördert werden. Weltweit gibt es rund 550 Institute, 19 sind in Deutschland ansässig - zwei davon in Niedersachsen: in Hannover und in Göttingen. Jedes Konfuzius-Institut wird in einer Kooperation zwischen einer lokalen und einer chinesischen Hochschule betrieben, im Fall des Leibniz-Konfuzius-Instituts Hannover (LKIH) sind dies die Leibniz Universität Hannover und die Tongji-Universität in Shanghai. Trägerverein des LKIH ist der Leibniz-Konfuzius-Institut Hannover e.V. Die Institute in Niedersachsen erhalten laut Wissenschaftsministerium keine Förderung aus dem Landeshaushalt. (Quelle: Leibniz-Konfuzius-Institut Hannover)

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 26.10.2021 | 13:30 Uhr

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