Stand: 09.10.2014 07:31 Uhr

"Viel Ausdauer" hat Hell den Nobelpreis gebracht

Eine Idee, die Ende der 80er-Jahre entstand, hat ihn endlich zum größtmöglichen Erfolg geführt: Stefan Hell bekommt den diesjährigen Nobelpreis für Chemie. "Im ersten Moment habe ich gedacht, das ist vielleicht ein Scherz", sagte Hell am Mittwoch. Dann aber habe er am Telefon die Stimme des Komiteevorsitzenden Staffan Normark erkannt. "Ich habe eine Weile gebraucht, das zu realisieren." Heute werde noch gefeiert: "Ich glaube, es wird ein langer Tag." Hell ist Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie und leitet die Abteilung Nano-Biophotonik. Der Forscher erhält die Ehrung gemeinsam mit den US-Amerikanern Eric Betzig und William Moerner.

Ehrung für Entwicklung hochauflösender Lichtmikroskope

Der 51-Jährige wird für seine bahnbrechenden Erfindungen im Bereich der Nanowissenschaften geehrt, genauer: für die Entwicklung der hochauflösenden Fluoreszenz-Mikroskopie. Hell hat Lichtmikroskope konzipiert, die Einblick in lebende Körperzellen gewähren. Laut Max-Planck-Institut können herkömmliche Lichtmikroskope keine Objekte darstellen, die weniger als 200 Nanometer voneinander entfernt liegen. Bei seinen sogenannten STED-Mikroskopen arbeite Hell deshalb mit einem Trick: Mithilfe eines speziellen Lichtstrahls werden nebeneinander liegende Bereiche sequenziell dunkel gehalten. So leuchten sie nicht zeitgleich, sondern nacheinander auf. Dadurch könnten Zellen letztlich mit einer bis zu zehnmal besseren Detailschärfe untersucht werden, so das Institut.

Verstehen, was in der Zelle abläuft

"Das ist deswegen für uns alle sehr wichtig, weil wir Krankheiten nur dann verstehen können, wenn wir genau wissen, was in der Zelle abläuft", erklärt Hell. "Dadurch, dass man jetzt schärfere Bilder aus lebenden Zellen gewinnen kann, wird man besser verstehen, was in der Zelle abläuft und auch deswegen besser verstehen, was sich abspielt, wenn etwas aus dem Ruder gerät, wenn eine Krankheit entsteht." Am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, wo Hell auch die Abteilung Optische Nanoskopie leitet, sucht er nach Möglichkeiten, die Technik auch in der Krebsforschung einzusetzen.

Nobelpreisträger lobt Forschungsstandort

"Sehr viel Ausdauer und der Glaube an die Sache" hätten letztlich zum Erfolg geführt, sagte Hell. Bereits seit Ende der 1980er-Jahre habe er über Möglichkeiten nachgedacht, die mögliche Auflösung von Lichtmikroskopen zu steigern. Er sei "sehr sehr froh, dass das Institut jetzt etwas zurückbekommt", sagte Hell am Nachmittag auf einer Pressekonferenz im Institut. "Wenn es dieses Institut nicht gäbe, hätte es diesen Nobelpreis nicht gegeben." Die Max-Planck-Gesellschaft sei einzigartig in der Art, wie sie Wissenschaft betreibe. Forscher hätten viel Freiraum. Ein Angebot der renommierten Universität Harvard in den USA hatte Hell vor einigen Jahren abgelehnt. Wenn es darum gehe, die besten Mitarbeiter zu gewinnen, sei die Gesellschaft "bei Harvard und Stanford sehr gefürchtet", erklärte Hell.

"Man rechnet nicht ernsthaft damit"

Von der Auszeichnung sei er überwältigt, berichtet Hell. "Ich saß an meinem Schreibtisch, als mich der Anruf aus Stockholm erreichte. Die Freude bei mir ist riesengroß. Es freut mich, dass die Arbeit von mir und meinen Mitarbeitern die höchste Auszeichnung erfährt, die man als Wissenschaftler erhalten kann." Hells amerikanischer Mit-Preisträger Eric Betzig äußerte sich ebenso wie Hell vollkommen überrascht von der Nachricht: "Ich bin wie gelähmt", sagte er. "Ich gucke seit einer halben Stunde auf meinen Computer, aber ich könnte genauso gut ins Nichts gucken." Jeder Forscher stelle sich vor, wie es wäre, den Nobelpreis entgegen zu nehmen, so Betzig: "Aber man rechnet doch nicht ernsthaft damit." Betzig ist zurzeit in München, um dort heute einen Vortrag zu halten - das werde er auch tun. Die Party werde verschoben: "Am Freitag hat meine Tochter Geburtstag. Da können wir gleich beide feiern", so der 54-Jährige.

Hell: Vielbeschäftigter Preisträger

Auch Hell hat drei Kinder, außerdem treibt er viel Sport und spielt Saxofon. Viel freie Zeit dürfte bei der intensiven Forschungsarbeit allerdings nicht übrig bleiben. "Es ist wichtig, dass man Spaß an der Sache hat", erklärte der Nobelpreisträger auf der Pressekonferenz. Die Forschung sei natürlich harte Arbeit, doch das, was er tue, mache ihm einen Heidenspaß. "Das positive Herangehen an die Probleme schafft auch Freiraum."

Heinen-Kljajic: "Dieser Nobelpreis ist absolut verdient"

Glückwünsche gab es am Mittwoch auch von der niedersächsische Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne): "Ich habe mich riesig gefreut und gratuliere Professor Hell ganz herzlich", teilte Kljajic mit. "Das ist ein außerordentlicher Erfolg für Professor Hell, für Niedersachsen und die Universität Göttingen. Dieser Nobelpreis ist absolut verdient, wir haben lange drauf gewartet. Dass der Preis an einen Forscher aus Göttingen geht, zeigt, dass wir in der Forschung stark aufgestellt sind." Es ist bereits das 14. Mal, dass ein Nobelpreis nach Göttingen geht. Zudem hatte erst vor einem Jahr der in Göttingen geborene Thomas Südhof ihn in der Kategorie Medizin erhalten.

Bereits mehrere Auszeichnungen für Hell

Stefan Hell wurde in Rumänien geboren, studierte ab 1981 an der Universität Heidelberg Physik und promovierte dort im Jahr 1990. Seit 1997 forscht er am Göttinger Institut. Hell hat bereits den Zukunftspreis des Bundespräsidenten gewonnen, den Kavli-Preis, den Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft und den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis. Die Nobelpreise werden am 10. Dezember - dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel - in Stockholm überreicht. Der Chemie-Nobelpreis ist mit acht Millionen Schwedischen Kronen dotiert, umgerechnet rund 880.000 Euro.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.10.2014 | 19:30 Uhr

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