VW verlangt Schadenersatz von Winterkorn und Stadler

Stand: 26.03.2021 15:00 Uhr

Im Zusammenhang mit dem Diesel-Skandal verlangt der VW-Konzern Schadenersatz von seinen beiden Ex-Top-Managern Martin Winterkorn und Rupert Stadler. Dies ist das Ergebnis einer mehrjährigen Prüfung.

Der Aufsichtsrat hatte am Freitag die Prüfungsergebnisse diskutiert. Das Gremium kam zu dem Schluss, Winterkorn und Stadler "wegen aktienrechtlicher Sorgfaltspflichtverletzungen auf Schadenersatz in Anspruch" zu nehmen. Wie viel Geld Winterkorn aus eigener Tasche an den VW-Konzern zahlen soll, ist zurzeit noch völlig offen.

Fahrlässige Kontrollversäumnisse?

Der Aufsichtsrat hatte sich zuvor von einer Kanzlei beraten lassen, die in dieser Woche ihren Abschlussbericht vorgelegt hatte. Die Juristen waren der Frage nachgegangen, ob Winterkorn, Stadler und möglicherweise auch noch weiteren damaligen Führungskräften vor dem Auffliegen der Affäre im September 2015 fahrlässige Management- und Kontrollversäumnisse vorzuwerfen sind. Im Fall anderer VW-Vorstandsmitglieder seien keine Verstöße festgestellt worden, hieß es am Freitag vonseiten des Konzerns.

Vorwurf: Winterkorn hat nicht für Aufklärung gesorgt

Anders beim damaligen VW-Chef Winterkorn. Er habe es unterlassen, nach einer Krisenkonferenz Ende Juli 2015 "die Hintergründe des Einsatzes unzulässiger Softwarefunktionen in 2,0-Liter-TDI-Dieselmotoren, die in den Jahren 2009 bis 2015 im nordamerikanischen Markt vertrieben wurden, unverzüglich und umfassend aufzuklären". Darüber hinaus habe er nicht dafür gesorgt, "dass in diesem Zusammenhang gestellte Fragen der US-amerikanischen Behörden umgehend wahrheitsgemäß und vollständig beantwortet werden", hieß es.

Winterkorn beteuert, "alles Erforderliche" getan zu haben

Winterkorn beteuerte in einer ersten Reaktion, sich vor dem Auffliegen der Diesel-Affäre korrekt verhalten zu haben. Über seine Anwälte ließ er am Freitag erklären, "alles Erforderliche getan und nichts unterlassen zu haben, was dazu geführt hätte, den entstandenen Schaden zu vermeiden oder geringer zu halten". Er wies den Vorwurf zurück, im Zusammenhang mit den Abgasmanipulationen seine Pflichten unzureichend wahrgenommen zu haben.

Beide Seiten werden über Summe verhandeln

Die Anwälte beider Seiten werden nun über die Summe verhandeln, die Winterkorn dem Konzern zahlen soll. Am Ende können beide Parteien außergerichtlich festlegen, wie viel der frühere Top-Manager an VW überweisen muss und wie viel eine Manager-Haftpflichtversicherung übernimmt. Einen ähnlichen Fall von Manager-Haftung hatte es bei Siemens gegeben: Weil dort im großen Stil Schmiergelder geflossen waren, zahlte Ex-Chef Heinrich von Pierer dem Konzern 2010 fünf Millionen Euro Schadenersatz. Im Fall von Winterkorn ist davon auszugehen, dass die Summe deutlich höher ausfallen wird.

Stadler ließ Motoren nicht untersuchen

Auch dem ehemaligen Audi-Chef Stadler wirft der Bericht der Kanzlei Versäumnisse vor: Er habe ab Ende September 2016 nicht dafür gesorgt, dass von Audi entwickelte größere Dieselmotoren "im Hinblick auf unzulässige Softwarefunktionen untersucht werden". Angaben des Konzerns zufolge sollen bei den VW-Töchtern Audi und Porsche Schadenersatzforderungen gegen die Ex-Manager Ulrich Hackenberg, Stefan Knirsch und Wolfgang Hatz geltend gemacht werden. Bereits geschehen sei dies bei dem früheren VW-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer.

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480 Millionen Dokumente gesichert

Mit dem Beschluss des Aufsichtsrats vom Freitag enden jahrelange Untersuchungen. Die vom Konzern beauftragte Kanzlei hatte dafür 65.000 Terabyte an Daten sowie mehr als 480 Millionen Dokumente gesichert, von denen 1,6 Millionen als relevant eingestuft wurden. Die Anwälte führten zudem mehr als 1.550 Interviews. VW sprach von der "umfangreichsten und aufwendigsten Untersuchung in einem Unternehmen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 26.03.2021 | 13:00 Uhr

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