Stand: 24.02.2019 08:58 Uhr

Pilze und Viren aus dem Braunschweiger Online-Shop

von Sabine Hausherr

Es ist ein Online-Shop der besonderen Art - hier gibt es keine Bücher oder Kleidung zu kaufen, sondern Bakterien, Pilze und Viren aller Art. Im Lager des Leibniz-Instituts Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) in Braunschweig werden zurzeit 353.552 Ampullen mit gefriergetrockneten Mikroorganismen aufbewahrt. Verschickt werden sie an Wissenschaftler aus aller Welt. In diesem Jahr feiert die DSMZ, Europas bedeutendstes Bio-Ressourcen-Zentrum, ihr 50-jähriges Jubiläum.

Bakterienkulturen in einer Petrischale.

Leibniz-Institut: Im Reich der Mikroorganismen

Hallo Niedersachsen -

Bakterien, Pilze, Viren: In der Sammlung des Braunschweiger Leibniz-Instituts lagern mehr als 66.000 Mikroorganismen, unter anderem für die Entwicklung von Medikamenten.

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Geliefert wird nur an Forschungseinrichtungen

Ob für die Entwicklung von Medikamenten gegen Krebs oder für die Bekämpfung von Krankenhauskeimen - Forscher brauchen für ihre Arbeit Bakterien, Pilze, Viren und Zellkulturen, an denen sie forschen und Tests durchführen können. Sie selbst zu züchten, wäre viel zu aufwendig. Deswegen bestellen Mikrobiologen aus der ganzen Welt in Braunschweig die Zutaten für ihre Experimente: Nicht nur Bakterien, auch Pflanzenviren, Bakteriophagen, Pilz-Stämme und menschliche Zelllinien wie Leukämiezellen.

Privatpersonen können bei diesem Online-Shop nicht bestellen. Geliefert wird nur an Forschungseinrichtungen, und auch da gelten strenge Auflagen. "Wir verpacken das sehr sorgfältig und verschicken das nur mit speziellen Kurierdiensten", sagt Geschäftsführerin Bettina Fischer. "Wir überprüfen die Kunden außerdem vorher und schauen, ob die Forschungseinrichtung die Ware überhaupt haben darf."

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Professor Jörg Overmann meint, dass gerade bei wichtigen Zukunftsthemen wie Antibiotika und Plastik Bakterien zunehmend eine Rolle spielen werden.
Bakterien, die Plastik abbauen und Strom erzeugen

Nach Ansicht des wissenschaftlichen Direktors der DSMZ, Professor Jörg Overmann, liegt ein enormes Zukunftspotenzial in Bakterien. "Bei Bakterien denken die meisten sofort an Krankheiten", sagt er. "Dabei sind nur 538 Bakterienarten überhaupt krankheitserregend." Demgegenüber stehe rund eine Milliarde ungefährlicher oder gar nützlicher Bakterien. So schätzt der Wissenschaftler, dass gerade bei wichtigen Zukunftsthemen Bakterien zunehmend eine Rolle spielen werden. "Es gibt Bakterien, die reinigen das Grundwasser oder schadstoffbelastete Böden." Andere Bakterien wiederum könnten Plastik abbauen oder zur Herstellung von Biokunststoffen genutzt werden. Wieder andere Bakterien produzieren Antibiotika. "An all diesen Beispielen sieht man, dass hier ein enormes Potenzial schlummert", sagt Overmann. So habe man bereits Experimente mit stromerzeugenden Bakterien gemacht. Auch hier müsse dringend weiter geforscht werden, so Overmann. "Wir haben hier eine einmalige Sammlung an Bio-Ressourcen, die in dieser Art und Qualität weltweit einmalig ist", betont Overmann.

Bakteriophagen: Hoffnung im Kampf gegen Krankenhauskeime

Über das Leibniz-Institut DSMZ

Das Leibniz-Institut DSMZ ist gemeinnützig anerkannt. Träger der DSMZ ist das Land Niedersachsen. Bei der DSMZ mit Sitz auf dem Science Campus Braunschweig-Süd sind insgesamt 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

Die Mikroorganismen werden aber nicht nur in alle Welt verschickt. Auch in Braunschweig wird an den Bakterien und Zellkulturen geforscht. Insgesamt einhundert Wissenschaftler arbeiten an der DSMZ, eine ist Christine Rohde. Die Mikrobiologin forscht an Bakteriophagen, also an Bakterienfressern, die irgendwann ein Mittel gegen multiresistente Krankenhauskeime sein könnten. "Sie könnten eine echte Alternative zu Antibiotika werden", sagt sie. Vor einiger Zeit hat sie bereits Phagen entdeckt, die gegen Krankenhausheime wirken. Zurzeit läuft die erste deutsche klinische Studie zusammen mit dem Fraunhofer-Institut ITEM in Braunschweig und der Charité in Berlin. Langfristig will Rohde ein Arzneimittel gegen Krankenhauskeime entwickeln, aber bis dahin sei es noch ein langer Weg.

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Die Mikroorganismen werden versandt, aber auch im Institut in Braunschweig wird an ihnen geforscht.
Hochgefährliche Bakterien werden nicht verschickt

Sehr gefährliche Erreger wie HIV, Ebola oder der Noro-Virus gehören zwar nicht zur Sammlung, dafür aber andere Krankheitserreger wie Salmonellen oder Legionellen. Aber auch exotische Bakterien aus der Tiefsee, die in den leuchtenden Fühlern von Fischen vorkommen, gehören zu der Sammlung, genau wie Bakterien aus arktischen Eishöhlen.

Die Bakterien werden gefriergetrocknet gelagert. Gibt man die kleinen Pellets aus den Ampullen in ein frisches Nährmedium, beispielsweise mit Salzen, Zuckern und Vitaminen, lösen sie sich auf und wachsen wieder. Das funktioniert mit Bakterien und Pilzen. Selbst nach Jahren noch können die Mikroorganismen so wieder herausgeholt und zum Leben erweckt werden. Zellkulturen werden in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius gelagert - bei höheren Organismen geht das bislang nicht.

Weitere Informationen

Phagen: Durchbruch gegen multiresistente Keime?

In Braunschweig forschen Biologen an Phagen: Mikroorganismen, die in der westlichen Medizin lange ignoriert wurden. Doch sie könnten die Antwort auf multiresistente Keime sein. (27.09.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 16.02.2019 | 19:30 Uhr

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