Stand: 03.07.2017 12:08 Uhr

Opferschutz: Wenn es um Leib und Leben geht

von Tino Nowitzki
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Viele Menschen, die den letzten Ausweg im Operativen Opferschutz des LKA sehen, sind Opfer von häuslicher Gewalt.

Sie ist jung, fast noch ein Mädchen. Trotzdem hat sie vor einiger Zeit erfahren, dass sie heiraten soll: einen Mann, den sie nie getroffen hat und schon gar nicht liebt. Ihre Familie und ihre Kultur wollen es aber so. Sie reißt von zu Hause aus, zusammen mit ihrer echten Liebe, und versteckt sich. Ihre Familie sieht es als unendliche Schande, dem Versprechen der Heirat nicht nachkommen zu können und beschließt, die Tochter umbringen zu lassen. Ein "Ehrenmord"-Auftrag. In ihrer Angst und Verzweiflung wendet sich die junge Frau an die Polizei. Mit solchen Fällen sind die Beamten des Operativen Opferschutzes beim Landeskriminalamt Niedersachsen sehr oft konfrontiert. Das Programm wurde 2005 im LKA Hamburg eingeführt, 2016 bundesweit. Seit fünf Jahren beteiligen sich auch Beamte des LKA Niedersachsen daran. 100 Menschen - davon zwei Drittel Frauen, zumeist aus Zuwanderer-Familien - bangten im vergangenen Jahr so sehr um ihr Leben, dass sie im Operativen Opferschutz den letzten Ausweg sahen. Dort wird das alte Leben komplett gelöscht und ein neues erstellt. Doch die Hilfe birgt auch Gefahren.

Ein Drittel flieht vor "Ehrenmord"-Aufträgen

Etwa ein Drittel der bundesweit Betroffenen im Operativen Opferschutz sind Ziel eines sogenannten Ehrenmord-Auftrages. Andere Fälle drehen sich um häusliche Gewalt, Beziehungstaten oder beispielsweise um Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Oft kommen die Opfer aus Frauenhäusern, manchmal werden die Polizisten durch Ermittlungen auf sie aufmerksam, in anderen Fällen melden sich die Gefährdeten selbst. Nicht automatisch garantieren derartige Schicksale aber einen Platz im Operativen Opferschutz. "Wir können erst tätig werden, wenn Leib und Leben von Menschen konkret bedroht sind", sagt der Dienststellenleiter der zuständigen Abteilung beim LKA. Namentlich wollen er und seine Kollegen nicht genannt werden - Verschwiegenheit ist oberstes Prinzip im Opferschutz. Um die Bedrohungslage im Einzelfall ganz genau heraus zu bekommen, führen die Beamten mit jedem Schutzsuchenden ein Gespräch. Im Fall von "Ehrenmord"-Aufträgen sei die lebensbedrohliche Lage fast automatisch gegeben, so der 53-jährige Beamte. Bei häuslicher Gewalt müsse man hingegen klarer differenzieren.

Aus Backpfeife wird versuchte Tötung

Aber: Gewalt zu Hause steigere sich oft langsam. Was mit einer Backpfeife anfängt, könne dann auch in den Gebrauch von Hilfsmitteln übergehen, wie Aschenbecher, Steine und Messer: "Irgendwann kann es dann zum versuchten Tötungsdelikt kommen", sagt der LKA-Mann. Spätestens dann kann die Voraussetzung für die Teilnahme im Operativen Opferschutz gegeben sein. Dabei würde die Polizei in der Regel schon vorher tätig: Delikte werden geahndet oder - beispielsweise beim Stalking - Platzverweise ausgesprochen. In manchen Fällen wird auch versucht, dem Täter sein Verhalten auszureden. Wenn das alles nicht greift, sei Opferschutz der einzige Ausweg, sagt der Beamte. Die LKA-Leute stellen das Opfer dann vor eine schwierige Entscheidung: Die Bereitschaft, das alte Leben komplett zu verlassen und eine neue Identität wie eine zweite Haut überzustreifen.

Nur Deutsche dürfen ihren Namen ändern

Dann kann es ganz schnell gehen: Die Beamten melden die Person bei allen Behörden ab, lösen das Bankkonto und den Handy-Vertrag auf. Dazu muss das Opfer alle sozialen Kontakte abbrechen und die digitale Kommunikation kappen. Auch das Facebook-Profil wird eingefroren. "Es geht um schnelle Gefahrenabwehr", sagt der Leiter des Operativen Opferschutzes. Die zu schützende Person wird dann an einen von den Beamten bestimmten Ort in einem anderen Bundesland gebracht, wo Kollegen die Betreuung übernehmen. Denn die "Erfindung" einer neuen Person ist nicht so leicht. Das geht schon beim Namen los: "Denn entsprechend der deutschen Gesetzgebung dürfen grundsätzlich nur deutsche Staatsbürger in Deutschland ihren Namen ändern", so seine 47-jährige Kollegin. Immerhin: Auch anerkannten Flüchtlingen wird dieses Recht zugesprochen. Doch gerade die fänden aufgrund sprachlicher Barrieren nicht so leicht eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz. Auch hier mischen sich die Beamten ein und vermitteln oder organisieren Sprachkurse.

Niemand darf eine Spur verfolgen können

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Vor allem im Falle von "Ehrenmord"-Aufträgen sei die Nachverfolgungsquote hoch, sagen Beamte des LKA.

Denn: "Misslungene Integration ist absolut gefährlich", so die LKA-Frau. Das gelte gerade für Menschen aus anderen Kulturkreisen. Oft seien die durch starke Familienverbände geprägt und das Überleben oder die Kontaktaufnahme auf eigene Faust kaum gewohnt. Misslingt die Ansiedlung an einem neuen Ort, sei das Risiko für eine Rückkehr in das alte und gewohnte Umfeld oder sogar zum Täter hoch. "Dort fühlen sie sich dann paradoxerweise sicherer", sagt die Beamtin. Doch auch unabhängig vom Kulturkreis gebe es ernste Herausforderungen: Damit niemand das Opfer an den neuen Ort zurückverfolgen kann, darf es ohne die Zustimmung der Beamten keine Verträge unterzeichnen und schon gar keine Kontakte in das alte Leben pflegen. Geht es um geschützte Mütter mit Kindern, sei das manchmal aber nur schwer zu vermeiden. Vor allem dann, wenn ein Vater beispielsweise nur die Mutter bedroht und die Kinder deswegen gerichtlich garantiert weiter sehen darf. "Kinder verplappern sich leichter und verraten Details aus dem neuen Leben", sagt die LKA-Beamtin. Auch die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes kritisiert, dass das Umgangsrecht oft schwerer wiegt als der Schutz der Frau und der Kinder vor dem gewalttätigen Ex-Partner oder der gewalttätigen Familie. Jugendämter und Familiengerichte sollten hier mitziehen, so eine Sprecherin.

Emotionen machen Opferschutz gefährlich

In dieser heißen Phase der neuen Identität sind die Beamten deswegen ständig für das Opfer da, planen teilweise sogar den gesamten Lebensweg vor. Überhaupt ist der Operative Opferschutz auf lange Zeit ausgelegt: die längsten Fälle laufen beim LKA Niedersachsen seit drei Jahren. Im Prinzip sei es so wie im Zeugenschutzprogramm, sagt der LKA-Dienststellenleiter. Allerdings gebe es einen entscheidenden Unterschied: die besondere emotionale Verbindung zwischen Gefährder und Opfer. Bei Zeugen von Verbrechen machten die Verfolger irgendwann einen Haken an die Sache - schließlich geht es um das Geschäft. Nicht so, wenn die Gefährder aus dem Familienkreis kommen: "Da handelt es sich ja um die eigene Tochter oder bei Paaren um die Frau mit den eigenen Kindern." Viele Täter würden es deswegen schwer ertragen, keinen Kontakt mehr zu ihnen zu haben. Die sogenannte Nachverfolgungsquote sei dementsprechend deutlich höher. Trotzdem basiert der Operative Opferschutz auf Freiwilligkeit: Will ein Mensch nicht mehr geschützt werden, wird ihm keine Hilfe aufgezwungen. Auch wenn die Beamten sehen, dass das Opfer sein neues Leben meistert und die Gefahr sich mindert, ziehen sich die Beamten zurück. Völlig unerreichbar sind sie trotzdem nicht.

"Man nimmt eine Menge mit nach Hause"

Bei laufenden Fällen sind die LKA-Frauen und Männer ständig an den Opfern und ihren Schicksalen dran, ohne als Polizisten sichtbar zu werden. Eher Betreuer als Polizisten seien sie deswegen auch, meint der Dienststellenleiter. Aber so viel Nähe macht betroffen: "Meine Kollegen nehmen eine Menge Eindrücke mit nach Hause." So, wie in einem aktuellen Fall, bei dem eine junge Frau aus Osteuropa von ihrem späteren Mann vor der Ehe vergewaltigt wurde. "Das muss man erst mal verdauen", so der LKA-Polizist. Und manchmal spielt für die Beamten auch Enttäuschung eine Rolle: "Besonders schlimm ist es, wenn wir eine Frau vor ihrem gewalttätigen Mann schützen und sie dann trotzdem noch Mitleid empfindet, wenn er eine Gefängnisstrafe bekommt", sagt seine Kollegin. Und auch wenn die Beamten finden, dass ihre Arbeit extrem wichtig ist - manchmal wünschten sie, sie wäre nicht nötig: "Im Grunde viktimisieren wir die Opfer ja ein zweites Mal", sagt der LKA-Dienststellenleiter. Eine bessere Welt wäre es, wenn es ausreichte, die Täter zu bestrafen.

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 25.11.2016 | 14:00 Uhr

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