Blick auf die Salimya-Moschee in Göttingen. © picture alliance/imageBROKER Foto: Thomas Robbin

Nach Rücktritt: Stockt interreligiöser Dialog in Göttingen?

Stand: 24.03.2021 11:36 Uhr

Viele Jahre suchte Mustafa Keskin als Vorsitzender der DITIB-Gemeinde in Göttingen den Dialog mit Christen und Juden. Nach Antisemitismus-Vorwürfen trat er im Februar zurück. Stockt der Dialog nun?

von Michael Brandt

"Bei Abraham zu Gast" - so hießen die gemeinsamen Feste des Runden Tisches der Abrahamsreligionen. Das ist ein Zusammenschluss von Vertreterinnen und Vertretern christlicher, jüdischer und muslimischer Gemeinden in Göttingen. Mustafa Keskin war dort nicht nur zu Gast, er war einer der Organisatoren. Die Feste fanden über mehrere Jahre statt, mitten in Göttingen beim Städtischen Museum. Als Vorsitzender der größten Moscheegemeinde in Göttingen war Keskin auch Redner - ob beim Jubiläum des Synagogenbaus oder beim Neujahrsempfang der katholischen Kirche. Immer wieder plädierte er für Frieden und Toleranz. Im Februar trat er dann plötzlich zurück.

Staatsanwaltschaft ermittelt

In den sozialen Netzwerken im Internet zeigte Keskin anscheinend ein anderes Gesicht. Der niedersächsische Landesverband der "Sozialistischen Jugend - Die Falken" wirft dem ehemaligen Vorsitzenden des deutsch-islamischen Moscheeverbands (DITIB) Göttingen unter anderem Hassbotschaften gegen Juden und Armenier vor. Keskin soll sie zwischen 2013 und 2021 bei Facebook und WhatsApp veröffentlicht haben. Auch antisemitische Verschwörungstheorien soll er bedient haben. Dem NDR liegen Bildschirmfotos der Posts vor. Ein Beispiel aus dem Jahr 2015 zeigt einen Jungen und einen israelischen Soldaten. Der Soldat wird dort auf türkisch als "jüdischer Hund" bezeichnet.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Keskin

Keskin scheint fast wie abgetaucht. E-Mails, SMS, Anrufe - trotz mehrmaliger Anfragen des NDR antwortet er nicht. Kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe hat er gegenüber der katholischen Nachrichtenagentur (KNA) eingeräumt, dass die Posts von ihm stammten. Er habe aber keine antisemitische Einstellung. Niemals würde er sagen, dass der Holocaust eine Lüge gewesen sei. Die umstrittenen Posts richteten sich vor allem gegen die israelische Politik. Und die würde er auch weiterhin kritisieren, sagte Keskin der KNA. Gegen die Vorwürfe wolle er juristisch vorgehen. Die Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelt inzwischen gegen Keskin. Ihm werde Volksverhetzung "durch antisemitische Propaganda" vorgeworfen, teilt Oberstaatsanwalt Andreas Buick auf Anfrage des NDR mit.

Sozialdezernentin der Stadt reagiert entsetzt

"Ich habe Herrn Keskin als jemanden erlebt, der absolut tolerant und offen ist und der ein ernsthaftes Interesse daran hat, einen interreligiösen Austausch mitzugestalten", sagt Petra Broistedt. Sie ist seit 2016 Sozialdezernentin der Stadt Göttingen und aktuelle Oberbürgermeisterkandidatin der SPD. Sie sei "bestürzt" über die Vorwürfe, betonte Broistedt. "Antisemitische Äußerungen gehen gar nicht." Noch im vergangenen Jahr bei der langen Nacht der offenen Gotteshäuser lachten Broistedt und Keskin gemeinsam auf einem Gruppenfoto. Die 56-Jährige möchte nun von der DITIB-Gemeinde in Göttingen hören, wie wichtig der Gemeinde der interreligiöse Austausch ist. "Mir ist er sehr wichtig“, betont Broistedt. Auch den DITIB-Landesverband sehe sie nun am Zug. Einige Mitglieder des "Runden Tisches der Abrahamsreligionen" hätten in einem persönlichen Gespräch mit Keskin der "Irritation und Verärgerung Ausdruck verliehen", nachdem die Vorwürfe gegen ihn publik geworden waren.

Runder Tisch hält sich bedeckt

In der Vergangenheit soll zum Beispiel auch der Gaza-Konflikt Thema am Runden Tisch gewesen sein. Das schreibt der Kirchenkreis Göttingen auf seiner Webseite. Ist niemandem etwas aufgefallen? Auf diese Frage und darauf, wie es in Zukunft mit dem Dialog weitergehen soll, will der Runde Tisch nicht antworten. "Wir haben uns gegen Interviews entschieden", schreibt Jaqueline Jürgenliemk auf Anfrage des NDR im Namen aller Mitglieder. Die Angelegenheit sei schwierig und bedürfe guter interner Abstimmung, so Jürgenliemk auf Nachfrage. Sie ist auch die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Göttingen. Unter den Mitgliedern des Runden Tischs herrsche eine Art "Schockstarre". Das ist aus Kirchenkreisen hinter vorgehaltener Hand zu hören. Die Zusammenarbeit mit der DITIB-Gemeinde Göttingen lässt der Runde Tisch derzeit ruhen.

DITIB Göttingen schweigt, Landesverband warnt vor Pauschalurteilen

Bei der DITIB-Gemeinde in Göttingen reagierte auch auf mehrmalige Anfrage des NDR niemand, beim Landesverband hingegen schon. "Was ihn geritten hat, kann ich jetzt nicht beurteilen. Das möchte ich auch nicht. Allerdings ist es auch wichtig, dass jetzt nicht nur wegen Herrn Keskin eine ganze Glaubensgemeinschaft in Verruf gerät", sagte Emine Oguz, die Geschäftsführerin des DITIB-Landesverbandes Niedersachsen und Bremen. Daher sieht sich der Landesverband nun selbst in der Pflicht. Es seien unter anderem Seminare für Gemeindemitglieder geplant. Dazu sei man auf den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen zugegangen, so Oguz. "Wir sind jedem muslimischen Verband gegenüber aufgeschlossen", sagte Michael Fürst, der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden. Das gelte auch für die DITIB. Auf Landesebene scheinen also Gespräche zu laufen.

Zukunft des Dialogs offen

In Göttingen gehört allerdings nur eine der beiden jüdischen Gemeinden diesem Landesverband an. Geht die Zusammenarbeit zwischen Christen, Juden und Muslimen in Göttingen also weiter? Bisher herrscht vor allem eines zwischen den Religionsvertretern und der DITIB-Gemeinde Göttingen: lautes Schweigen.

Wofür steht DITIB?

DITIB ist eine Abkürzung für "Diyanet İşleri Türk İslam Birliği", auf Deutsch: "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion". Der größte islamische Dachverband bundesweit hat seinen Sitz in Köln und umfasst rund 900 Moscheegemeinden. Das Ziel von DITIB ist es nach eigenen Angaben, Muslimen einen Ort zur Ausübung ihres Glaubens zu geben und einen Beitrag zur Integration zu leisten. Neben Gemeindezentren organisiert der Verein Bildungs-, Sport- und Kulturangebote. Immer wieder wird allerdings kritisiert, dass die DITIB der türkischen Religionsbehörde unterstehe und eine zu große Nähe zum türkischen Staat und der regierenden AKP von Präsident Erdogan habe.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 24.03.2021 | 07:40 Uhr

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