Stand: 25.11.2019 17:00 Uhr

Menschenrechtler kritisieren VW-Fabrik in China

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In der Region Xinjiang in China werden etliche Menschen in Lagern festgehalten.

Es ist die wohl größte Masseninternierung einer ethnisch-religiösen Minderheit seit dem Zweiten Weltkrieg: Im Nordwesten Chinas, in der Autonomieregion Xinjiang, werden nach Einschätzung von Experten mehr als eine Million Menschen in Lagern festgehalten. Betroffen sind vor allem Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren.

In diesen Lagern würden Menschen "psychisch zerstört und gewaltsam umerzogen", sagt Ulrich Delius von der Gesellschaft für Bedrohte Völker (GfBV), einer Menschenrechtsorganisation in Göttingen, die sich seit mehr als 20 Jahren mit der Lage der Uiguren in China beschäftigt.

Eine Frau sitzt im Halbprofil vor einem Sideboard mit Blumen und Bilderrahmen. © NDR

China Cables - Wie die Uiguren unterdrückt werden

NDR Info - Das Forum -

Geheimdokumente belegen: In China wird die muslimische Minderheit der Uiguren systematisch verfolgt und unterdrückt. Exil-Uiguren berichten über ihre Familienangehörigen

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Massenhafte Internierung

Dokumente, die dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) vorliegen, zeigen nun im Detail, wie die massenhafte Internierung organisiert und durchgeführt wird und auch, wie die Uiguren außerhalb der Lager systematisch überwacht und unterdrückt werden. Über den Inhalt der Dokumente berichten Medien weltweit, darunter NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung", unter dem Titel "China Cables".

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Grundsätzlich sind Menschenrechtsverstöße in Xinjiang seit Langem bekannt. In der Region sind deutsche Unternehmen aktiv, unter anderem Volkswagen. Der Konzern hat 2013 eine Auto-Fabrik in der Stadt Urumqi eröffnet, in Kooperation mit dem staatlichen chinesischen Fahrzeughersteller SAIC. Diese Fabrik zu errichten, sorgte damals für Kritik. "Wir waren gleich alarmiert", sagt Ulrich Delius. Seine Organisation habe sich auch direkt an Volkswagen gewandt. "Wir haben immer wieder gewarnt und gesagt, die Probleme in dieser Region werden eskalieren, sie werden euch um die Ohren fliegen", so Delius.

Fragwürdiger Fabrik-Bau

Aber auch wirtschaftlich erschien der Bau der Fabrik fragwürdig. Denn dort werden etwa 50.000 Mittelklasse-Modelle pro Jahr gefertigt - im Vergleich zu anderen Werken ist das eine kleine Stückzahl. Experten vermuteten, dass möglicherweise die chinesische Staatsführung VW zu dem Bau gedrängt und im Gegenzug die Genehmigung für ein anderes, deutlich größeres Werk in Aussicht gestellt habe.

Volkswagen hat sich auf eine Frage dazu nicht geäußert. Das Unternehmen teilte mit, man gehe davon aus, dass sich Xinjiang weiter wirtschaftlich entwickeln werde, und man weite deshalb "das Engagement in der Region aus". So wurde erst in diesem Jahr eine Teststrecke für Fahrzeuge eingeweiht. Ab dem kommenden Jahr soll in Urumqi auch ein SUV-Modell produziert werden.

Kritik an Engagement in der Region

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China-Experte Adrian Zenz kritisiert Unternehmen, die in Xinjiang aktiv sind.

Adrian Zenz, der seit Jahren zum Umgang der chinesischen Regierung mit religiösen Minderheiten forscht, kritisierte im Interview mit NDR, WDR und SZ grundsätzlich das Engagement von internationalen Unternehmen in der Region. Aus seiner Sicht würden zumindest einige Insassen der Internierungslager nach der Entlassung gegen ihren Willen als Arbeitskräfte eingesetzt. Auch die "China Cables" legen diesen Verdacht nahe. "Fabrik-Gebäude befinden sich teilweise im gleichen Areal wie die Umerziehungslager", sagt Zenz. Die Regierung baue die Internierungslager "vorausschauend auf industriellen Parks und Arealen", damit die Zwangsarbeiter keine weiten Wege haben, so der Wissenschaftler.

Keine Hinweise auf Zwangsarbeiter bei VW

Im Falle von VW liegen allerdings keine Hinweise vor, dass dort Zwangsarbeiter eingesetzt werden. Auch ein Sprecher des Unternehmens erklärte: "Alle unsere Mitarbeiter arbeiten ohne Zwang - auch in Urumqi." Man stehe zu seiner Verantwortung zur Wahrung der Menschenrechte "in allen Geschäftsbereichen, die wir direkt kontrollieren können".

Der China-Experte Zenz sieht das VW-Engagement dennoch kritisch: Selbst wenn "in der eigenen Belegschaft vor Ort nicht unbedingt Zwangsarbeit nachgewiesen werden kann", so könne kein ausländisches Unternehmen in der Region aktiv sein, "ohne dass man diesen unmenschlichen Überwachungsstaat auf irgendeine Art und Weise unterstützt". Wer als ausländisches Unternehmen in der Region wirtschaftlich aktiv sei, müsse sich fragen, ob dieses Engagement mit westlichen Werten zu vereinbaren sei, so Zenz.

Volkswagen dürfe nicht wegschauen

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VW baut in der Region Xinjiang zusammen mit einem chinesischen Unternehmen Autos.

Auch Ulrich Delius fordert das Unternehmen auf, sein Engagement in der Region zu stoppen. Er selbst gehe zwar nicht davon aus, dass innerhalb des Werkes Menschenrechte verletzt würden. Aber Volkswagen können nicht einfach wegschauen "und sagen hier in unserem Betrieb ist ja alles okay und draußen, das interessiert uns nicht". Es müsse Volkswagen interessieren, in welchem Umfeld sie dort operieren, sagt Delius. "VW sagt, sie fördern Menschenrechte weltweit. Wir sehen das nicht, dass sie das in China tun und fordern den Konzern auf, endlich Taten folgen zu lassen."

Kritik nach BBC-Interview mit VW-Chef Diess

Erst vor etwa einem halben Jahr hatte sich VW-Chef Herbert Diess auf einer Veranstaltung auf der Shanghaier Automesse zum Engagement seines Konzerns in China geäußert und auch zur Lage in der Region Xinjiang. Ein BBC-Reporter hatte ihn auf die Internierungslager angesprochen. Diess antwortete, er wisse nicht, was mit der Frage gemeint sei. Nach massiver Kritik von Menschenrechts-Organisationen auf diese Äußerung reagierte VW und erklärte, Volkswagen sei sich der Lage in der Region bewusst. Man sei bemüht, vor Ort einen Beitrag zur Entwicklung der Region und zum Zusammenleben der dortigen Volksgruppen zu leisten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Forum | 25.11.2019 | 20:30 Uhr

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