Stand: 12.04.2019 16:06 Uhr

VW-Chef Diess wird auch weiter anecken

Herbert Diess hat im ersten Jahr als Volkswagen-Vorstandschef den Umbau des Wolfsburger Autokonzerns angestoßen. VW will zum Weltmarktführer bei der Elektromobilität werden. Das bringt auch Umbrüche bei Jobs und Stellen mit sich. Beim Thema Digitalisierung setzt er auf Kooperation mit einem anderen Weltkonzern, Amazon. Aber auch die Schatten des Dieselskandals fallen noch auf Diess. Als früherer VW-Markenchef gehört er zu den Beschuldigten in den laufenden Verfahren.

Ein Kommentar von Jürgen Webermann, NDR Info Wirtschaftsredaktion

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Herbert Diess hat Volkswagen klar positioniert, meint Jürgen Webermann in seinem Kommentar.

Die Autobranche steckt in ihrem wohl größten Umbruch - und nirgendwo ist das so ersichtlich wie bei Volkswagen. Mit einem dramatischen Kursschwenk will VW-Vorstandschef Diess nicht nur den gigantischen Diesel-Betrug hinter sich lassen, sondern Volkswagen für die Zukunft rüsten. Dabei setzt er - wie kein anderer Konzern - voll auf die Elektromobilität. Die große Zukunftsoffensive hatte bereits Diess' Vorgänger Matthias Müller eingeläutet. Aber Diess treibt sein Unternehmen, seit er an der Spitze steht, konsequent an - es geht ihm nie schnell und produktiv genug.

Und es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht in den Schlagzeilen steht: Mehr als 40 Milliarden für die Zukunftsmobilität. Tausende Stellen, die er dafür opfern will. Ein daraus resultierender öffentlicher Zoff mit dem Betriebsrat. Tète-à-Tètes mit Microsoft, Amazon und Siemens, um die Digitalisierung voranzutreiben. Seitenhiebe in Richtung BMW und Daimler, die zögerlicher sind und auch andere Technologien wie synthetische Treibstoffe im Blick behalten wollen.

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Betriebsrat hält Diess Fehler vor

Kurzum: Da ist richtig Dampf bei Volkswagen. So viel Dampf, dass einige schon befürchten, die Belegschaft sei überfordert, und die Vorstandskollegen könnten Diess sogar die Gefolgschaft verweigern. Einige stecken pikante Interna durch. Andere, wie der Betriebsratschef Bernd Osterloh - übrigens mit einem ähnlich starken Ego ausgestattet wie Diess selbst - murren laut auf.

Dabei verweist Osterloh übrigens zu Recht auch auf Managementfehler des Vorstandsvorsitzenden selbst: Diess war, bevor er Konzernchef wurde, für die Kernmarke VW zuständig. Die Umstellung auf das neue Abgas-Testverfahren WLTP hat VW nicht in den Griff bekommen. Die Folge war ein Absatzeinbruch.

Der neue Golf 8, der im Herbst auf den Markt kommen soll, ist offenbar so fehleranfällig, dass VW seine ehrgeizigen Produktionsziele wohl korrigieren muss. Der Betriebsrat hält Diess diese Fehler vor. Grundsätzlich weiß aber auch Bernd Osterloh: Diess' Zukunftskurs ist richtig, und das Tempo wahrscheinlich ebenfalls, und das nicht etwa, weil der Konzern dringend ein positiveres Image braucht.

Tiefgreifender Umbruch kann nicht leise vonstatten gehen

Volkswagen hat, wie alle anderen Autobauer, strenge CO2-Vorgaben der EU zu erfüllen. Immer mehr Länder wollen zudem schon in wenigen Jahren keine Verbrenner mehr zulassen. Große Absatzmärkte wie China rüsten sich für die Elektromobilität. Die Zeiten, in denen die Autobranche zwar gerne von "Technologieoffenheit" und Alternativen zum Benziner und zum Diesel redet, aber dann doch nichts unternimmt, sind definitiv vorbei.

Zwar ist nicht ausgemacht, dass E-Autos den Markt wirklich dominieren werden, aber es ist doch sehr wahrscheinlich. Und Volkswagens Kursschwenk hat noch einen Vorteil: Er könnte auch der Bundesregierung endlich Beine machen, denn die steckt, was die Mobilitätswende angeht, immer noch im Tiefschlaf. Allen voran das Verkehrsministerium versagt auf krasse Weise - es scheint wie gefangen im düsteren Diesel- und SUV-Zeitalter.

Diess dagegen hat Volkswagen klar positioniert. Damit wird er weiter anecken. Es wird weiter rumoren im Konzern und in der ganzen Branche. Ein so tiefgreifender Umbruch, wie er jetzt ansteht, wird jedoch nie leise daherkommen.

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NDR Info | Kommentar | 12.04.2019 | 17:08 Uhr

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