Stand: 19.06.2020 09:07 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Fall "Maddie": Was ist bekannt, was Spekulation?

von Claudia Gorille
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2007 ist Madeleine "Maddie" McCann verschwunden. Neue Ermittlungen machen Hoffnung, den Fall jetzt aufzuklären.

Die Nachricht vor zwei Wochen kam völlig überraschend und machte weltweit Schlagzeilen: 13 Jahre nach dem Verschwinden der dreijährigen Madeleine „Maddie“ McCann gehen deutsche Ermittler davon aus, dass die kleine Britin tot ist - und haben einen Mordverdächtigen. Seitdem gibt es fast täglich Schlagzeilen im Fall "Maddie", es kursieren viele Spekulationen und es gibt eine Menge offener Fragen. Anlass für uns, einmal zu sortieren: der Stand der Ermittlungen.

Wie kamen die Ermittler auf den Tatverdächtigen?

Darum machen die Ermittler ein Geheimnis. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig, Hans Christian Wolters, teilt am 4. Juni 2020 in einer Pressekonferenz lediglich mit, dass es einen Verdächtigen gebe, der das damals dreijährige Mädchen aus der Anlage entführt haben könnte. Der Staatsanwalt lässt offen, wer der Verdächtige ist, er nennt keinen Namen und kaum Details. Er sagt, dass es sich um einen 43-jährigen Deutschen handele, einen mehrfach vorbestraften Sexualtäter, der eine längere Haftstrafe in anderer Sache verbüßt. Die Staatsanwaltschaft verweist auf die Internetseite des Bundeskriminalamts (BKA), auf Bilder von Fahrzeugen, ein Haus und eine Wohnung, die mit dem Verdächtigen in Verbindung stehen. Die Öffentlichkeit solle Hinweise dazu geben.

Ist der Verdächtige der Staatsanwaltschaft Christian B.?

Kaum ist das Pressestatement vorüber, präsentieren einige Medien als Verdächtigen Christian B., veröffentlichen seinen vollständigen Namen, zeigen Fotos von ihm. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig kommentiert nichts, aber sie dementiert auch nicht. Es ist anzunehmen, dass die Medien tatsächlich den Tatverdächtigen der Staatsanwaltschaft recherchiert haben. Es gibt viele Hinweise, die auf ihn als mutmaßlichen Täter zeigen: Er hat im portugiesischen Praia da Luz gelebt, dem Ort, in dem "Maddie" verschwand, er ist mehrfach vorbestraft, auch wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Es passt ins Bild, dass das Landgericht Braunschweig ihn 2019 wegen Vergewaltigung einer 72-jährigen US-Bürgerin in Praia da Luz verurteilte. Aktuell verbüßt er eine Haftstrafe in Kiel wegen Drogenhandels.

Welche Indizien weisen darauf hin, dass er "Maddie" entführt hat?

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Der Fall "Maddie" beschäftigt die internationale, insbesondere britische, Presse seit Jahren.

Auch hier hüllen sich die Ermittler in Schweigen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Nur ein Indiz gibt der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, Wolters, preis: Der 43-jährige Verdächtige soll mit einem Handy am Tattag in der Nähe des Tatorts gewesen sein, es gebe einen Funkzellentreffer, so Wolters. Die Ermittler sind sich sicher zu wissen, welches Handy der Tatverdächtige nutzte. Die britische Zeitung "Mirror" zitiert Hans Christian Wolters mit den Worten: "Wir glauben, wir haben 90 Prozent der Beweise zusammen." So eine Zahl habe er nie genannt, so Wolters gegenüber dem NDR. Richtig sei, "dass bislang noch kein hinreichender Tatverdacht besteht. Ein solcher liegt vor, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung größer ist als die Wahrscheinlichkeit eines Freispruchs." Die Anwälte von Christian B., der Hamburger Jurist Johann Schwenn und sein Kieler Kollege Friedrich Fülscher, kündigten gegenüber RTL/n-tv auch an, sie wollten "zivil- oder strafrechtlich" gegen Falschverdächtigungen ihres Mandanten vorgehen. Über seine Anwälte lässt Christian B. erklären, dass er nichts mit dem Verschwinden von "Maddie" zu tun hat.

Was ist über Christian B. bekannt?

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Derzeit sitzt der Verdächtige noch in Kiel eine Haftstrafe wegen Drogendelikten ab.

Laut "Bild" wird er 1976 in Würzburg in Bayern unter anderem Namen geboren, lebt in einem Kinderheim und wird dann adoptiert. Der "Spiegel" schreibt, "aufgewachsen in einem Heim, Hauptschulabschluss, abgebrochene Lehre - der einzige rote Faden, der in dem Durcheinander ständig neuer Jobs und Wohnorte aufleuchtet, sind Straftaten, Prozesse, Verurteilungen". Dem "Spiegel" liegt nach eigenen Angaben die Ermittlungsakte vor. 1994 verurteilt ihn demnach das Amtsgericht Würzburg wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu zwei Jahren Jugendstrafe. Er lebt viele Jahre in Portugal, er pendelt immer wieder zwischen Deutschland und Portugal. 2016 verurteilt ihn auch das Amtsgericht Braunschweig wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes, 2019 erfolgt eine Verurteilung wegen Vergewaltigung. Drogenhandel, Diebstahl, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch - laut "Spiegel" weist das Strafregister des Mannes insgesamt 17 Einträge auf. Christian B. soll eine Zeit lang in Hannover und Braunschweig gelebt haben. Das erklärt auch, warum jetzt die Staatsanwaltschaft Braunschweig zuständig ist, er war zuletzt in Braunschweig gemeldet. Dort soll er einen Kiosk betrieben haben. Freunde von damals beschreiben ihn in Interviews als gewalttätig gegenüber Frauen.

Lebt "Maddie" noch?

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Hans Christian Wolters von der Staatsanwaltschaft Braunschweig erklärt der Presse Anfang Juni, dass die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, das "Maddie" tot ist.

"Wir haben konkrete Erkenntnisse darüber, dass das Mädchen von unserem Beschuldigten getötet wurde und deshalb tot ist", schreibt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Hans Christian Wolters, auf NDR Anfrage. "Ein forensischer Beweis liegt allerdings nicht vor." Die britische Polizei ermittelt im Fall "Maddie" wegen eines Vermisstenfalls. Nach Einschätzung von Wolters tut sie dies so lange, bis ein forensischer Beweis, zum Beispiel eine Leiche, vorliegt. Wolters schreibt, dass der Staatsanwaltschaft bewusst gewesen sei, dass die Mitteilung, dass man vom Tod des Mädchens ausgehe, in Großbritannien zu einer besonderen Aufmerksamkeit führen werde. "Deshalb wurde die Familie McCann auch im Vorfeld darüber informiert."

Wie äußert sich Christian B.?

Der Verdächtige sei noch nicht vernommen worden, so Staatsanwalt Wolters. Eine Vernehmung erfolge häufig erst zum Abschluss der Ermittlungen, um dem Beschuldigten auch konkrete Vorhalte zu den Ergebnissen machen zu können. Die Ermittlungen liefen noch - wie lange, das könne er nicht sagen.

 Ist Christian B. auch für das Verschwinden anderer Kinder verantwortlich?

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Längst nicht abgeschlossen: Der Fall "Maddie"

Vor 13 Jahren verschwand die dreijährige "Maddie" McCann. Verdächtigt wird nun ein 43-jähriger Mann, der bereits in Haft sitzt. Er könnte auch für einen weiteren Fall verantwortlich sein. Video (02:02 min)

Aktuell prüft die Frankfurter Staatsanwaltschaft einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Fall "Maddie" und dem Fall Tristan. Es sei "eigentlich eine Routinemaßnahme", in solchen Fällen zu schauen, ob es Parallelen geben kann, sagt Oberstaatsanwalt Noah Krüger. Es sei zu früh, "um zu spekulieren". Die verstümmelte Leiche des 13-jährigen Tristan Brübach wurde 1998 im Frankfurter Stadtteil Höchst gefunden. Der Fall konnte bis heute nicht aufgeklärt werden.
Auch die belgische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen in einem alten Mordfall wieder aufgenommen. Es gehe um den Mord an der deutschen Jugendlichen Carola Titze, sagte ein Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Westflandern. Der verstümmelte Leichnam der 16-Jährigen war im Juli 1996 in einem belgischen Küstenort gefunden worden.

In welchen Fällen wird Christian B. als Tatverdächtiger mittlerweile ausgeschlossen?

Der Fall "Inga", die 2015 in Sachsen-Anhalt verschwand, wurde ebenfalls mit Christian B. in Verbindung gebracht. Nach einer Prüfung sieht die Staatsanwaltschaft Stendal aber keine Hinweise auf eine Beteiligung. Es habe keine Belege gegeben, dass dieser in der Nähe des Tatorts gewesen sei, sagt Staatsanwalt Thomas Kramer. So habe etwa eine Funkzellenabfrage ergeben, dass das Handy des Verdächtigen nicht im Tatortbereich eingeloggt gewesen sei. Medien hatten berichtet, Christian B. sei zum Tatzeitpunkt in der Nähe gewesen und besitze in der Nähe zum Tatort ein verfallenes Anwesen.
Keinen Zusammenhang stellen die Ermittler im Fall des sechsjährigen René aus Nordrhein-Westfalen fest. Er verschwand 1996 in Portugal. Auch sein Verschwinden ist noch immer rätselhaft.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.06.2020 | 16:00 Uhr

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