Corona-Schutz: Nutzen und Aufwand von Schnelltests in Heimen

Stand: 18.11.2020 13:43 Uhr

Seniorenheime sind anfällig für das Coronavirus, doch von der Außenwelt isolieren kann man die Bewohner nicht. Immer mehr Heime nutzen sogenannten Schnelltests, um Angehörigen Besuche zu ermöglichen.

Die Caritas in Bersenbrück nutzt sie bereits. Das Senioren- und Pflegezentrum Bethanien in Braunschweig ebenfalls - Antigen-Tests auf das Coronavirus. Bei diesem sogenannten Corona-Schnelltest handelt es sich um eine 15-Minuten-Version, um Bewohnerinnen und Bewohnern der Heime den Kontakt zu ihr Angehörigen zu ermöglichen, die Gefahr der Einschleppung des Virus durch Beschäftigte weitestgehend zu reduzieren und diejenigen zu schützen, die den Schutz am dringendsten benötigen - ältere bis alte Menschen mit Vorerkrankungen. "Die Schnelltests bieten zwar keine hundertprozentige Garantie", sagt Stefanie Rutsch, Heimleiterin im Seniorenzentrum Bethanien, "aber sie sind ein Mehrwert." Doch was heißt das eigentlich für die Einrichtungen?

Heim benötigt dreieinhalb Vollzeitstellen pro Tag

Dass man Lösungen für Seniorenheime benötigt, zeigen die schwerwiegende Entwicklungen der vergangenen Wochen, sobald sich das Coronavirus einmal in eine Einrichtung geschlichen hat - sei es in Bramsche, Bad Essen, Werlte oder aktuell in Peine und Melle. Doch die Bezeichnung Schnelltest täuscht offenbar auch über den Aufwand hinweg, der mit diesem Verfahren für die Heime verbunden ist, wie das Beispiel Bethanien zeigt. Platz, Personal und Zeit heißen die wichtigen Parameter - und dann sind da ja noch die Materialkosten. Um mehrere Hundert Kontrollen in der Woche bewältigen zu können, hat das Heim ein eigenes Testzentrum eingerichtet. Pro Tag hat die Einrichtung Kapazitäten für 42 Besucher - bei 238 Bewohnern. Wer nicht getestet ist, darf nicht rein. Die 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden zweimal pro Woche untersucht - unter anderem von der Chefin persönlich. "Das größte Problem ist die Personalkapazität", sagte Geschäftsführer Ulrich Zerreßen. Dreieinhalb Vollzeitstellen würden benötigt - jeden Tag. Steige der Corona-Inzidenzwert auf mehr als 100, sei ein weiterer Test in der Woche für die Beschäftigten vorgeschrieben. "Das werden wir nicht schaffen", sagt der Geschäftsführer.

Videos
Der Epedimiologe Gérard Krause im Interview.
2 Min

Corona Kompakt: Epidemiologe fordert mehr Schutz für Alte

Gérard Krause drängt auf Maßnahmen, um Menschen mit hohem Risiko zu schützen. Außerdem: Osnabrücker Zoo muss schließen. 2 Min

Wer übernimmt die zusätzlichen Kosten?

Das sei schwer zu kompensieren, sagt Zerreßen. Da nur geschultes Fachpersonal die Tests durchführen dürfe, gebe es Engpässe. In Bethanien springen Zeitarbeitskräfte in der Pflege ein. Doch welche Einrichtung kann das auf Dauer bezahlen? Derzeit erhält das Haus Bethanien für jeden Test sieben Euro Materialkosten. Das deckt sich ungefähr mit den Ausgaben. Allerdings mit der Einschränkung, dass nur 20 Tests pro Bewohner im Monat erstattet werden. Und die zusätzlichen Personalkosten, die Zerreßen auf sechs Euro pro Test taxiert, zahle das Heim. Ob diese irgendwann übernommen werden, ist offen. Allerdings sei der Krankenstand deutlich zurückgegangen, da die Mitarbeitenden bei Erkältungssymptomen nicht mehr eine Woche in Quarantäne verbringen müssten.

Im Ernstfall bewährt

Das niedersächsische Sozialministerium will Senioren- und Pflegeheime offenlassen und hält Schnelltests für eine vertretbare Schutzmaßnahme. Viele Heime nutzten inzwischen Schnelltests. Man wolle an dem eingeschlagenen Weg festhalten, sagte ein Ministeriumssprecher. In Braunschweig funktioniert das Konzept unter den schwierigen Bedingungen. Gleich zu Beginn der Phase habe es einen Ernstfall gegeben, erzählt Heimleiterin Rutsch. Eine Angehörige war nach ihrem Besuch im Heim positiv getestet worden. Daraufhin kontrollierte die Einrichtung noch in der Nacht 50 Kontaktpersonen. Es blieb bei einem Strich auf den Geräten. Es habe keinen Corona-Fall im Senioren- und Pflegeheim Bethanien in Braunschweig gegeben.

Weitere Informationen
Eine Altenpflegerin kümmert sich um eine alte Frau. © dpa Foto: Markus Scholz

Trotz Corona: Besuche in Pflegeheimen sollen möglich bleiben

Das versichert das niedersächsische Sozialministerium. Zuletzt waren etliche Heime von Corona-Ausbrüchen betroffen. (18.11.2020) mehr

Ein Rollstuhl steht in einem Pflegeheim © Colourbox

58 Corona-Fälle in Pflegeheim in Melle

Betroffen sind 50 Bewohnerinnen und Bewohner sowie acht Beschäftigte der Einrichtung. Drei Senioren sind im Krankenhaus. mehr

Ein Mensch in Ganzkörperschutzanzug mit blauen Handschuhen hält ein Corona-Test-Röhrchen in Händen. © picture alliance/Fotostand Foto: Havergo

Bersenbrück: Caritas setzt Schnelltests in Seniorenheim ein

Im Landkreis Osnabrück hofft die Caritas, mithilfe des Verfahrens schneller Infektionen unter Mitarbeitern nachzuweisen. mehr

Ein Mann wird per Stäbchen in einem Testzentrum auf das Coronavirus getestet. © Lino Mirgeler/dpa

Mehr Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen

84 Heime sind laut Gesundheitsministerium betroffen. Die erhoffte Entspannung durch Antigen-Schnelltests verzögert sich. mehr

Eine Person in Schutzkleidung mit einem Abstrichset in den Händen © Colourbox Foto: laurentiu iordache

Coronavirus: Wie zuverlässig sind Schnelltests?

Antigen-Tests sollen helfen, die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Das Ergebnis liegt bereits nach 15 Minuten vor. mehr

Weitere Informationen
Eine Mund-Nasen-Bedeckung liegt auf einem weihnachtlich gedeckten Tisch. © picture alliance Foto: Richard Brocken

Corona in Niedersachsen: Alle müssen Kontakte reduzieren

Das gilt für die gesamte Adventszeit. Weihnachten sollen Familien aber dann im größeren Kreis feiern dürfen. mehr

Ein Mensch in Ganzkörperschutzanzug mit blauen Handschuhen hält ein Corona-Test-Röhrchen in Händen. © picture alliance/Fotostand Foto: Havergo

Corona in Niedersachsen: Mehr als 70.000 Fälle insgesamt

859 Menschen haben sich innerhalb eines Tages infiziert. Die Sieben-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner sinkt auf 87,7. mehr

Spaziergänger sind am Ostseestrand von Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern) unterwegs, der leicht bewölkte Himmel lässt bei eher herbstlichen Temperaturen immer wieder mal die Sonne durch. © dpa bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

Corona-Blog: Hotels in MV dürfen über Weihnachten öffnen

Drei Übernachtungen sind über die Feiertage für Gäste erlaubt, die ihre Familie besuchen. Mehr Corona-News im Blog. mehr

Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

Coronavirus-Update: Der Podcast mit Drosten & Ciesek

Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 18.11.2020 | 17:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Eine junge Frau geht in einem Einkaufscenter an einem Weihnachtsbaum vorbei. © dpa - picture alliance Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON

Weihnachtsgeschäft startet in Niedersachsen gedämpft

Der große Ansturm blieb von Lingen über Hannover bis Braunschweig am ersten Adventssonnabend aus. mehr

Wout Weghorst jubelt © imago images/MIS

VfL Wolfsburg - Werder Bremen: "Stadion hätte gebebt"

Der 5:3-Sieg der Wolfsburger im Nordduell gegen Bremen geriet in Corona-Zeiten zu einem stillen Spektakel. mehr

Daniel Meyer von Eintracht Braunschweig © imago images/Hübner Foto: Michael Tager

Eintracht Braunschweig: Zu viele Gegentore, zu viele Fehler

Spätestens seit dem 0:4 in Darmstadt hat die Eintracht mehr als eine reine Ergebniskrise. Trainer Meyer hadert mit seinem Team. mehr

Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) hält eine Rede zur Feierstunde zu 75 Jahre Mitbestimmung bei Volkswagen. © dpa Bildfunk Foto: VW-Konzernbetriebsrat

75 Jahre Mitbestimmung bei VW: Lob von Altkanzler Schröder

Der Festakt wurde wegen der Corona-Pandemie online begangen. Auch Ministerpräsident Weil sprach zum Jubiläum am Freitag. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen