Stand: 22.03.2020 11:41 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Corona-Partys: Ist manchen die Gefahr nicht bewusst?

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Sozialpsychologin Margarete Boos äußert sich im NDR Interview zu "Corona-Partys" und Generationenkonflikt.

Bis zuletzt das Bild in den niedersächsischen Großstädten: Cafés und Parks, Plätze und Eisdielen voll - trotz zahlreicher Warnungen vonseiten der Behörden. Wie ist dieses Phänomen zu erklären? NDR.de hat mit Prof. Dr. Margarete Boos gesprochen. Sie ist Leiterin der Abteilung für Sozial- und Kommunikationspsychologie an der Universität Göttingen.

Warum halten sich noch immer Personen in Gruppen draußen auf, obwohl es seit Tagen ernste Hinweise und Warnungen gibt?

Prof. Dr. Margarete Boos: Zunächst einmal finden wir es bemerkenswert, dass so viele Menschen tatsächlich ihre Sozialkontakte herunterfahren. Eine Kommunikation in diese Richtung, wie viele Menschen sich schon an die Verhaltensempfehlungen halten, erscheint uns hilfreich, da Informationen darüber, was andere Menschen tun, zur Orientierung für unser eigenes Verhalten dient. Andererseits ist es natürlich so, dass wir alle soziale Bedürfnisse haben - nach Kontakt und körperlicher Nähe - und diese nicht leicht zu kontrollieren sind. Deshalb ist es nicht überraschend, dass sich nicht alle Personen immer an die Verhaltensempfehlungen halten. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zunächst einen sehr einfachen Grund: Reaktanz - diese Trotz-Reaktion entsteht, wenn Menschen in ihrer Freiheit eingeschränkt werden oder glauben, dies zu werden. Wahrung der eigenen Freiheit wird als ein sehr starkes menschliches Motiv angenommen. Freiheit wird wieder hergestellt, indem man Regeln sabotiert, umgeht oder dagegen kämpft. Dies geschieht oft unreflektiert.

"Verhalten selbst zu kontrollieren, ist schwierig"

Ein zweiter Grund liegt in der Schwierigkeit, unser Verhalten selbst zu kontrollieren. Wir erleben einen Konflikt zwischen unseren unmittelbaren Wünschen - Freunde treffen, geliebten Personen nah sein, sich frei in der Öffentlichkeit bewegen - einerseits und einem übergeordneten Ziel - Übertragung des Virus zu verhindern - andererseits. Die Wünsche streben nach meist unmittelbarer kurzfristiger Erfüllung, wohingegen das übergeordnete Ziel durchdacht und auf längerfristigen Nutzen ausgerichtet ist. Dieser Konflikt braucht Kapazität. Ich muss meine Wünsche nach sozialen Kontakten zurückstellen und die Wünsche anderer zurückweisen im Dienst des längerfristigen Ziels, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Wir schätzen unsere Freiheit, aber unter manchen Umständen kann es attraktiv sein, den Gesetzgeber einzuschalten. An der Universität Zürich wird nun erforscht, unter welchen Bedingungen Menschen Eigenverantwortung abzugeben bereit sind und externe Kontrollen akzeptieren.

Inwiefern ist dieses Phänomen Teil eines beginnenden Generationenkonflikts zwischen "Alt" und "Jung" - Stichwort #boomerremover?

Boos: Konflikt wohl noch nicht, jedoch unterschiedliche Einschätzungen. Es wurde von Anfang an darauf hingewiesen, dass vor allem ältere Menschen durch Covid-19 gefährdet sind und auch die Todesfälle vor allem diese Altersgruppe betreffen. Dies legt eine Kategorisierung nahe, hier die alten Menschen, dort die Jüngeren, die selbst passiv nicht betroffen sind. Die aus natürlichem Egoismus heraus primäre Sorge um die eigene Gesundheit lässt die Gefahr, die von einem selber als Überträger oder Überträgerin des Virus ausgehen kann, zunächst in den Hintergrund treten, zumal Kinder, denen evolutionspsychologisch die größte Sorge gilt, bisher nicht erkrankt sind. Andererseits ist es auch verständlich, dass vor allem Jugendliche, für die soziale Kontakte und soziale Findung ganz besonders bedeutsam sind, sich schwer damit tun, die Vorgaben zur sozialen Distanzierung umzusetzen. Jugendliche empfinden auf Grund von hormonellen und kognitiven Veränderungen während der Pubertät die oben genannten unmittelbaren Wünsche besonders stark und sind deshalb oft auch in ihrer Selbstkontrolle weniger erfolgreich. Diese Gruppe nimmt ja auch sonst mehr Risiken in Kauf und strebt nach Autonomie und Selbstbestimmung. Es wäre hilfreich, das Augenmerk in der Berichterstattung vermehrt darauf zu legen, was aktuell funktioniert, um Menschen zu motivieren und zur Nachahmung zu ermuntern, Beispiele für Nachbarschaftshilfe etwa.

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RKI warnt vor "Coronapartys"

Das Robert-Koch-Institut (RKI) warnt vor sogenannten privaten "Coronapartys", zu denen offenbar teilweise eingeladen werde. Mehr bei tagesschau.de. extern

Was würde aus Ihrer Sicht helfen, in der ganzen Gesellschaft einen verantwortlicheren Umgang mit der aktuellen Situation herbeizuführen?

Boos: Die Soziale Norm der Solidarität stärken, unter Umständen verstärkt durch ein Wir-Gefühl. Das Ziel ist nicht direkt ich-bezogen sondern gemeinschaftsbezogen, das heißt ich habe keinen unmittelbaren und kurzfristigen Nutzen aus meinem Verhalten. Solidarität beinhaltet jedoch  genau das, den positiven Zusammenhang zwischen individuellem Verhalten und dem Nutzen für die Gemeinschaft.

  • Konkrete Verhaltensbeispiele geben, damit wir gute und konkret auf unser Verhalten bezogene Verhaltensabsichten bilden können. Es besteht viel Unsicherheit, da helfen anschauliche Hinweise, was darf ich, was darf ich nicht. Welches Verhalten hat welche Wirkung, welchen Nutzen.
  • Informationen über die erwartete Wirkung einzelner Maßnahmen und – wo diese Information schon besteht - Information über tatsächliche Wirkung/Erfolg vermitteln.
  • Sozialen Vergleich der Menschen untereinander unterstützen im positiven Sinne, das heißt positive Berichterstattung über förderliche Verhaltensweisen.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis hier ein Umdenken stattfindet?

Boos: Das ist schwer einzuschätzen. Es kommt auf die Wirksamkeit der schon angesprochenen Maßnahmen und Verhaltensweisen an. Rein aus der Beobachtung heraus, dass die Menschen innerhalb von Tagen ihr Verhalten umgestellt haben, sind wir zuversichtlich, dass wir mit der Beteiligung jeder/s Einzelnen diese Krise bewältigen können.

Das Interview führte Nils Hartung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.03.2020 | 17:00 Uhr

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