Stand: 07.04.2018 08:16 Uhr

AfD-Mitglieder wählen neuen Landesvorsitzenden

von Carsten Wagner

Seit mehr als zwei Monaten hat die Niedersachsen-AfD keine richtige Führung mehr und wird seitdem von einem Notvorstand geleitet. Der Landesvorstand war über Wochen derart zerstritten, dass der ehemalige Vorsitzende Armin-Paul Hampel einen für Januar geplanten Sonderparteitag absagte. Daraufhin zog die Bundesspitze die Notbremse und setzte den gesamten Landesvorstand um Hampel ab. Heute und morgen kommt es zum Showdown in der niedersächsischen AfD. In Braunschweig sollen die Mitglieder ihren neuen Vorsitzenden - oder neue Vorsitzende - und einen neuen Landesvorstand wählen.

Hampel ist gegen "Schmusekurs"

"Eine falsche Entscheidung", sagt Hampel heute wie damals. Seit Wochen wirbt er in der AfD dafür, ihn wieder zum Vorsitzenden zu wählen - trotz allem. Denn zuletzt machte die Niedersachsen-AfD unter Hampel durch Streit und Intrige von sich reden. Dafür fühlt er sich rückblickend allerdings nicht oder nur sehr eingeschränkt verantwortlich. Stattdessen zieht er eine positive Bilanz seiner Arbeit. Die Mitgliederzahl und die Wählergunst seien ständig gestiegen. Das ernüchternde Ergebnis bei der Landtagswahl mit knapp über sechs Prozent? "Ein anderes Thema", sagt Hampel, ohne konkret zu werden. Dass er mit der damaligen Spitzenkandidatin und heutigen Fraktionsvorsitzenden im Landtag Dana Guth über Kreuz liegt, ist allerdings kein Geheimnis. Auf einer parteiinternen Veranstaltung kritisierte Hampel den "Schmusekurs" der Fraktion im Landtag. Und auch Guth sparte in der Vergangenheit nicht mit Kritik am Führungsstil des damaligen Landesvorsitzenden. Die kurzfristige Absage des eigentlich für Januar geplanten Parteitages durch Hampel bezeichnete sie damals öffentlich als "unglaubliche Unverschämtheit gegenüber den Mitgliedern". Auf dem Parteitag sollte unter anderem über Hampels Abwahl entschieden werden.

"Die Mitglieder sind genervt"

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Dana Guth stellt sich zur Wahl für den neuen Landesvorstand der AfD. (Archivbild)

Am Wochenende treten nun beide an, Hampel und Guth, um den Landesvorsitz zu übernehmen. Schon einmal hatte Guth versucht, Hampel zu entmachten. Fast genau ein Jahr ist das her, als sie schon einmal gegen ihn kandidierte und verlor. Was, wenn sie jetzt wieder scheitert? "Ich persönlich will das so nicht durchdenken", sagt Guth. "Ich sähe das auch nicht als Scheitern. Meine Kandidatur ist ein Angebot an die Mitglieder und nichts weiter." Für sie steht allerdings fest: "Die Mitglieder sind genervt. Die wollen Ruhe haben und vernünftige politische Arbeit sehen und ein Ende der Streitereien."

Friedhoff will mehr Harmonie

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Dietmar Friedhoff will sich am Wochenende in Braunschweig ebenfalls wählen lassen.

Endlich die zerstrittene Partei vereinen - das will auch Dietmar Friedhoff. Der Bundestagsabgeordnete ist der dritte von insgesamt vier Kandidaten. Der psychologische Berater und Coach beschreibt seine Mission so: "Es mag in der Partei zwei Flügel geben. Ich habe aber noch keinen Vogel gesehen, der nur aus Flügeln bestand." Der Rumpf in der Mitte halte alles zusammen. "Ich will, dass diese Flügel im Gleichklang schlagen, vor allem braucht diese Partei aber ein Herz, eine Seele und eine vernünftige Stimme." Nur so könne die niedersächsische AfD ihre Arbeit endlich mit Inhalten füllen. Dass er in der aktuellen Lage als Außenseiter antritt, bestreitet er nicht. Allerdings sieht er in seiner Werbung für mehr Harmonie in der Partei auch seine Chance. Was aber, wenn Hampel sich doch wieder durchsetzt? "Lernen müsste er auf alle Fälle", sagt Friedhoff. "Er müsste sich mehr öffnen, mehr mitteilen, was er denn vorhat."

Hampel gehört zum rechten Flügel der Partei

Letzteres macht Armin-Paul Hampel derzeit tatsächlich. Allerdings beschwört er nicht die Einigkeit seiner Partei, vielmehr sieht er sie vor einer wichtigen Richtungsentscheidung. Oder, wie er sagt: einer Positionierung. Von einem gemäßigten Kurs der AfD hält er nichts. Die Partei müsse nicht an ihrer Koalitionsfähigkeit arbeiten, sondern sich vielmehr komplett vom bestehenden Mainstream lossagen. Lieber "ein Schmuddelkind in der Politik", als sich bei anderen "anzubiedern." Damit steht Hampel programmatisch dem rechten Flügel mit dessen Leitfigur Björn Höcke nahe. Zwar betont Hampel, nicht zu dieser Gruppierung zu gehören, aus seiner Freundschaft zu Höcke macht er allerdings keinen Hehl, im Gegenteil: Er betont sie sogar.

Guth: Landesvorstand kein Geheimbund

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Auch Jörn König (links) und Armin-Paul Hampel stellen sich dem Votum der Mitglieder. (Archivbild)

Dana Guth hält sich mit Positionierungen dieser Art vor dem Parteitag zurück. Für sie steht die Frage im Vordergrund, wie man im Landesverband künftig miteinander umgeht. Über Inhalte hätten letztendlich die Mitglieder zu entscheiden. "Mir wäre es ein wichtiges Anliegen, die Mitglieder in die Arbeit des Vorstands einzubinden, etwa über Arbeitsgruppen." Das sei basisdemokratisch. "Der Landesvorstand ist schließlich kein Geheimbund", sagt Guth.

König: Vom Freund zum Gegner Hampels

Der vierte Kandidat für den Landesvorsitz ist der Bundestagsabgeordnete Jörn König. Früher war König Vize-Vorsitzender und glühender Verehrer Hampels. 2017 wandelte er sich allerdings zum heftigen Kritiker und Gegner seines damaligen Landes-Chefs und nahm die Spaltung des Landesvorstands in Kauf, steht seitdem eher auf der Seite von Dana Guth. Gerne hätte der NDR gefragt, mit welchen Gefühlen er in das kommende Wochenende geht, allerdings war König telefonisch nicht erreichbar.

Jedes Mitglied darf wählen

Entscheiden werden schließlich die Mitglieder in Braunschweig. Wie viele es sein werden, weiß niemand. Jedes der offiziell rund 2.500 Mitglieder aus Niedersachsen kann am Parteitag teilnehmen, die Landessatzung sieht es so vor. Somit sind auch Überraschungen möglich, eine Prognose fällt schwer, und alles scheint möglich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 07.04.2018 | 08:00 Uhr

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