Stand: 09.07.2020 05:57 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Wustrow: Kalter Grundstückskrieg am Salzhaff

von Martin Möller, NDR Nordmagazin

Mecklenburg-Vorpommerns Küste ist gefragt und deshalb teuer. In den Seebädern gibt es kaum noch freie Bauplätze, erst recht nicht in der ersten Reihe. Die Immobilienpreise erreichen mittlerweile das Niveau von Großstädten - unerschwinglich für Normalverdiener. Nur auf der Halbinsel Wustrow, dem letzten großen Filetstück mit Meerblick, ist die Zeit Anfang der 1990er-Jahre stehen geblieben. Eine steife Brise von See pfeift durch löchrige Dächer, Fensterläden klappern im Wind. Der Marktplatz der ehemaligen Flak-Artillerieschule der Wehrmacht wächst langsam zu. Die Pappeln überragen bereits die Dächer der umliegenden Häuser. Ein Schild in kyrillischen Buchstaben kündet von den Öffnungszeiten des Friseursalons der Roten Armee, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg das Kommando übernahm. Wenn es nach der Entwicklungs-Compagnie Wustrow (ECW) des Immobilien-Entwicklers Anno August Jagdfeld geht, soll hier bald wieder städtisches Leben einziehen.

Neuer Versuch: 100 Häuser, 500 Wohnungen

Von 100 Häusern mit 500 Wohnungen ist die Rede - im englischen Landhausstil. Hinzu kämen noch 500 Hotelbetten. Das ist zusammen etwas weniger als die aktuelle Einwohnerzahl von Rerik. Das 900 Hektar große Landschafts- und Naturschutzgebiet hingegen soll unbebaut bleiben, einzige Ausnahme könnte das ehemalige Gutshaus sein. "Wir glauben, dass die Zeit gekommen ist, das ganze Projekt anzuschieben", sagt ECW-Geschäftsführer Philip Hayessen. Es handle sich um ein Privatgrundstück. "Das ist damals erworben worden mit einer klaren Zusage auch der Stadt, dass hier gebaut werden darf", so Hayessen weiter. Auch das geplante Bauvolumen sei damals bestätigt worden.

Wustrow: Rerik wehrt sich gegen Investor

Nordmagazin -

Auf der Halbinsel Wustrow sollen Wohnungen und Ferienhäuser entstehen. Ein Vorhaben, gegen das die Reriker sich wehren. Sie sorgen sich, dass die Natur bei den Plänen zu kurz kommt.

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"Dann kommt hier kein Urlauber mehr her"

Von den Wählern bestätigt wurden die Reriker Stadtvertreter im Mai vergangenen Jahres. Allein die SPD hat 7 von 12 Sitzen gewonnen. Die Sozialdemokraten waren mit dem Versprechen angetreten, eine Bebauung der Insel zu verhindern. Ein Knackpunkt ist die enge Zufahrt zur Halbinsel. "Es muss eine autofreie Lösung geben", sagt Maria Pinkis von der SPD. "Ansonsten würde der Bauverkehr den Ort zerstören. Dann kommt hier kein Urlauber mehr her. Da würde keiner von profitieren, außer Herr Jagdfeld." Dementsprechend müsse man dagegenhalten. "Wenn ein Konzept vorgelegt wird, dass autofrei ist, dann kann man auch wieder ins Gespräch kommen", meint Pinkis.

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Spaltung der Stadt befürchtet

Die Entwicklungs-Compagnie betont, dass sie jederzeit gesprächsbereit sei. Bürgermeister und Stadtvertreter hätten aber bisher alle Angebote ausgeschlagen. Deshalb wolle man künftig Kontakte zu örtlichen Unternehmen knüpfen, alle einladen, die an einer Entwicklung der Halbinsel interessiert seien. Die Stadtvertreterin Karen Siegert befürchtet eine Spaltung ihres Heimatortes. "Solange Wustrow in Privatbesitz bleibt, müssen wir gegen eine Bebauung kämpfen." Sie würde sich wünschen, dass Jagdfeld darüber nachdenkt, ob es nicht besser für alle wäre, wenn er die Halbinsel zurück an die öffentliche Hand geben würde. "Das Kapital der Insel ist ihre Natur", so Siegert. Die Reriker würden ihm sogar ein Denkmal errichten, merkt die ehemalige Pastorin noch augenzwinkernd an.

Kein Kompromiss in Sicht

Birger Birkholz von der Entwicklungs-Compagnie kann sich das überhaupt nicht vorstellen. "Das Projekt steht für uns nicht in Frage. Wir werden nicht irgendwann sagen: Na gut, das war es. Dazu ist das Projekt viel zu interessant und erfolgversprechend. Wir haben Geduld bisher bewiesen und wir werden die auch weiter beweisen." Und so herrscht weiter "kalter Krieg" am Salzhaff. Die eine Seite wartet auf willige Stadtvertreter und die anderen darauf, dass der Eigentümer vielleicht doch noch der Geduldsfaden reißt und er sich zurückzieht. Beides scheint zurzeit unwahrscheinlich. Die Halbinsel Wustrow bleibt bis auf Weiteres eine Zeitmaschine, in der die Spuren der vergangenen Zeitenwenden langsam zuwuchern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nordmagazin | 08.07.2020 | 19:30 Uhr

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