Stand: 14.03.2019 13:44 Uhr

Studie belegt: DDR-Dopingopfer leiden bis heute

Schätzungen gehen davon aus, dass 10.000 Kader-Athleten zu DDR-Zeiten gedopt haben. Unter den Folgen leiden viele bis heute. (Archivbild)

Das Thema Doping in der DDR ist auch rund 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht vollständig aufgearbeitet. Betroffene Sportler haben bis heute mit den Folgen zu kämpfen. Erstmals belegt jetzt eine Studie: DDR-Doping-Geschädigte leiden wesentlich häufiger unter tiefgreifenden seelischen und körperlichen Schädigungen als die normale Bevölkerung. "Das hat uns in diesem Ausmaß selbst überrascht", sagte der Chefarzt für Psychosomatische Medizin an den Helios Kliniken Schwerin, Jochen Buhrmann, bei der Vorstellung der Studie "Staatliches Doping in der DDR" am Donnerstag.

"Vielfach erhöhtes Risiko für Depressionen"

Für die in ihrer Art bisher einzigartige Untersuchung hatten Experten Fragebögen von 270 Betroffenen ausgewertet und dann mit Ergebnissen einer repräsentativen Studie der allgemeinen Bevölkerung verglichen. Es zeigten sich erhebliche Abweichungen, die laut Buhrmann auf einen Zusammenhang zwischen den heutigen Krankheitsbildern und dem damaligen DDR-Doping schließen lassen. "Für Depressionen und für posttraumatische Belastungsstörungen gibt es ein vielfach erhöhtes Risiko." Dementsprechend sei auch die Erkrankungshäufigkeit deutlich höher.

Medikamente © NDR Foto: NDR

Spätfolgen von Doping größer als angenommen

Nordmagazin -

Seit 2016 haben Mediziner vor allem die psychischen Spätfolgen von Doping in der DDR untersucht. Das Ergebnis: Die Opfer leiden bis heute immens.

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Viele sind kaum in der Lage zu gehen

Hinzu kommen erhebliche körperliche Erkrankungen, wie die Landesbeauftragte in MV für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anne Drescher, erklärte. Sie arbeitet eng mit den Medizinern zusammen. Skelett- und Muskelprobleme kämen häufig vor. Die Krankheiten sind der Studie zufolge erheblich und lang anhaltend - und für die Betroffenen sehr beeinträchtigend. "Wir haben viele, die schwerst erkrankt sind. Die kommen zu uns im Rollstuhl, die kommen mit Stützapparaten, die sind kaum in der Lage zu gehen", so Drescher.

"Jeder kämpft für sich allein"

"Auffallend ist die Einsamkeit dieser Menschen", sagte Drescher. Sie seien Einzelkämpfer, zu solchen habe sie ihre sportliche Vergangenheit geprägt. "Jeder kämpft für sich allein." Das setze sich auch fort in ihren Versuchen, die Spätfolgen ihrer Sportkarrieren aufzuarbeiten. Doch in der Gesellschaft stießen sie auf Unverständnis. "Es gibt erhebliche Vorurteile." Den Betroffenen schlage immer wieder Ablehnung entgegen - teilweise auch von eigenen Sportkameraden, die ihre sportliche Vergangenheit noch nicht kritisch hinterfragt haben.

Beratung für Dopingopfer

Anne Drescher
Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern
für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR
Bleicherufer 7
19053 Schwerin

Tel. 0385/734006
Fax 0385/734007
http://www.landesbeauftragter.de/beratung/dopingopfer/
email: post@lstu.mv-regierung.de

Bei Fragen und Anliegen bzw. zur Vereinbarung eines Beratungstermins bitte an die Bürgerberaterin der Landesbeauftragten Frau Ortmann wenden: 
Tel.: 0385 734006
email: c.ortmann{at}lstu.mv-regierung.de

Von ehemaligen Kameraden beschimpft

"Sie werden als Nestbeschmutzer beschimpft", so Buhrmann. Auf Ehemaligen-Treffen würden sie von Trainern vor versammelter Mannschaft heruntergeputzt wie sie es aus ihrer aktiven Zeit noch kennen. "Ihre Kameraden befürchten, dass das dann auf den Kader zurückfällt, und sie ihre Medaillen und Weltrekorde zurückgeben müssen."

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Drescher betreut derzeit rund 200 ehemalige Sportler aus der DDR. Sie geht davon aus, dass insgesamt rund 10.000 Kader-Athleten zu DDR-Zeiten gedopt haben - ohne dass sie es selbst wussten oder einschätzen konnten. "Es geht nicht nur um die sogenannten blauen Pillen." Vielmehr sei den Betroffenen ein umfangreicher Medikamenten-Mix verabreicht worden: Anabolika, Diuretika, Schmerzmedikamente, Wachstumshormone, psychotrope Substanzen, Psychopharmaka. "Sie erzählen uns von angeblichen Vitamingaben, Blutwäsche und Blutbestrahlung, die sie bekommen hätten. Aufgeklärt wurden sie darüber nicht - bis heute."

Opfer brauchen Hilfe mehr als Entschädigung

Laut Drescher geht es den Doping-Geschädigten in erster Linie nicht um einen Antrag auf Entschädigung, sie bräuchten vielmehr Hilfe und Begleitung zum Verständnis der eigenen sportlichen Vergangenheit. Am Freitag wollen die Studien-Macher weitere Ergebnisse bei einem Symposium in Schwerin vorstellen. Es haben sich bereits rund 150 Ärzte, Therapeuten und ehemalige Sportler angemeldet.

Esther Nicklas war Leistungssportlerin in der DDR.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.03.2019 | 16:00 Uhr

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