Stand: 19.03.2018 11:55 Uhr

Studie: Politisch motivierte Adoptionen in der DDR?

von Siv Stippekohl, NDR 1 Radio MV

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Anne Drescher, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern sagt: "Es gibt keine seriösen Zahlen".

Im Auftrag von Iris Gleicke (SPD), der kürzlich aus dem Amt ausgeschiedenen Ostbeauftragten der Bundesregierung, hat das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZFF) eine Vorstudie über die Dimension und wissenschaftliche Nachprüfbarkeit von politisch motivierten Adoptionen in der DDR von 1966-1990 vorgelegt.Das Thema sei zwar lange bekannt, aber bislang nur punktuell erforscht, meint Gleicke. Dies liege auch daran, dass die Aufarbeitung dieses Kapitels der DDR-Geschichte nicht zuletzt aus Datenschutzgründen schwierig sei und bislang vorrangig "in unterschiedlicher Qualität" in den Medien sowie durch die Tätigkeit von Betroffenen- und Opferverbänden erfolgte. Eine grundlegende wissenschaftliche Untersuchung fehlt bis heute.

Drescher: "Es gibt keine seriösen Zahlen"

Die Zahl der wissenschaftlich belegten Fälle von Zwangsadoptionen und Schätzungen von Opferverbänden gehen dabei weit auseinander. Ein in den 1970er Jahren aufsehenerregender Fund von in Zeitungspapier gewickelten Adoptionsakten in Berlin, führte zur Einrichtung von Clearingstellen in den ostdeutschen Ländern. Belegt werden konnten den Auswertungen zufolge allein sieben Fälle von Zwangsadoptionen.

Wann spricht man von Zwangsadoption?

Eine per Definition eindeutige Zwangsadoption liegt vor, wenn Eltern gegen ihren erklärten Willen - allein wegen ihrer politischen Haltung oder so genannten staatsfeindlicher Handlungen - die Kinder entzogen und diese zur Adoption freigegeben werden, ohne dass dabei eine Gefährdung des Kindeswohls aus anderen Gründen vorliegt. Zwangsadoptionen sind demnach ein politisch motivierter Missbrauch staatlicher Gewalt gegen den Bürger.

Dem gegenüber stehen Schätzungen von Opferverbänden, die teilweise von 10.000 Betroffenen ausgehen - Eine Zahl, die regelmäßig von anderen Medien aufgegriffen und von den Forschern des ZFF als zu hoch eingeschätzt wird. "Es gibt keine seriösen Zahlen", sagt die Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen für Mecklenburg-Vorpommern, Anne Drescher. Selbst grobe Schätzungen seien ihrer Meinung nach angesichts des derzeitigen Forschungsstands unzulässig.

Oftmals Zustimmung - unter politischem Druck?

Drescher bemängelt an der öffentlichen Diskussion, dass verschiedenste Aspekte von Adoptionsverfahren in der DDR miteinander vermischt würden. In den meisten Fällen haben die leiblichen Eltern jedoch einer Adoption zugestimmt, aus unterschiedlichsten, teils auch sehr persönlichen Gründen. Inwieweit politisch motivierter Druck dabei eine Rolle gespielt haben mag, müsse im Einzelfall geprüft werden.

In Bezug auf manche Fälle der Jugendfürsorge damals, würden heutzutage in schwierigen Familiensituationen, beispielsweise bei minderjährigen Müttern andere, ergänzende Maßnahmen und Hilfen zur Vermeidung einer endgültigen Familientrennung greifen, etwa eine zeitweilige Unterbringung in Pflegefamilien, so Drescher.

Forderung nach differenzierter Untersuchung der DDR-Adoptionsverfahren

Die Wissenschaftler des ZFF betonen in der Vorstudie, dass die überwiegende Mehrheit der in der DDR durchgeführten Adoptionen ausschließlich am Kindeswohl orientiert gewesen seien. Generelle Anweisungen, beispielsweise der Ministerien für Staatssicherheit oder Volksbildung wurden nicht gefunden. Es müsse aber in weiteren Untersuchungen geprüft werden, inwieweit insbesondere bei Erziehungsrechtsentziehungen nach § 249 des Strafgesetzbuchs der DDR, dem so genannten "Asozialenparagraphen", politische Motivationen und Instrumentalisierungen des staatlichen Erziehungsziels zur "sozialistischen Persönlichkeit" eine Rolle gespielt haben.

Inszenierte Todesfälle?

Wo wenig wissenschaftlich belegt ist, bleibt Raum für Spekulationen. In zahlreichen Sozialen Netzwerken, Suchpools im Internet und Medienberichten sind Geschichten von und über Eltern zu finden, die noch nach Jahrzehnten verzweifelt Kinder suchen, die sie verloren haben. Über hundert Familien haben sich nach Angaben von Drescher in den vergangenen Jahren hilfesuchend an die Geschäftsstelle der Landesbeauftragten gewandt. Vertreten werden Sie häufig von dem Verein "Gestohlene Kinder".

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Mittagsschau kompakt | 19.03.2018 | 12:00 Uhr

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