Das Bild zeigt einen Ausschnitt einer Internetseite für einen digitalen Marktplatz in Mecklenburg-Vorpommern. © NDR Foto: Screenshot

Online-Portal der Landesregierung steht in der Kritik

Stand: 09.02.2021 18:05 Uhr

Seit April des vergangenen Jahres gibt es den "digitalen Marktplatz MV". Die Federführung bei dem Projekt liegt im Digitalisierungsministerium. Händler kritisieren schwerwiegende technische Probleme.

von Anna-Lou Beckmann, NDR 1 Radio MV

Mitte März vergangenen Jahres, zu Beginn des ersten Lockdowns, hatte das Kabinett in Mecklenburg-Vorpommern beschlossen, dass eine Online-Plattform für den Einzelhandel entstehen soll. 18 Tage später war der "digitale Marktplatz MV" mit seinem ersten Standbein, einer interaktiven Karte, online. In dieser Karte können Händler und Gastronomen anzeigen, dass sie auch abseits ihrer regulären Öffnungszeiten für ihre Kunden da sind - beispielsweise durch einen Abholservice oder telefonische Bestellung. Rund drei Wochen später wurde die Website um einen Online-Shop erweitert. Laut Infrastrukturminister Christian Pegel (SPD) gab es die Idee schon lange, der Impuls habe nur gefehlt. Dabei soll der "digitale Marktplatz MV" nicht nur jetzt in Corona-Zeiten dabei helfen, weggebrochene Absatzwege aufzufangen. Pegel verspricht sich davon eine nachhaltige Lösung, damit Ladeninhaber langfristig dem Online-Handel gegenüber konkurrenzfähig sein können. Dafür müsse die Marke "Mecklenburg-Vorpommern" mit ihren Produkten vertreten sein.

Kosten in Höhe von knapp 600.000 Euro

Entwickelt wurde die Plattform vom Digitalministerium in Zusammenarbeit mit den Industrie- und Handelskammern (IHK), dem Handesverband Nord, dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, den Digitalisierungsbotschaftern des Landes sowie diversen externen Dienstleistern. Insgesamt hat die Website bis jetzt rund 575.000 Euro gekostet. Alle Mittel stammen dabei aus dem MV-Schutzfonds des Landes. Die Nutzung der Plattform für die Händler ist zumindest bis zum Ende diesen Jahres kostenlos.

Händler bemängeln technische Fehler

Nach nun rund zehn Monaten landeseigener Online-Plattform bemängeln Händler jetzt die technischen Fehler im Shop. Suchfunktionen würden nicht greifen, der Warenkorb breche regelmäßig zusammen, häufige Fehlermeldungen schreckten die Kunden ab, so die Kritik. Eike Peters vom Segelstore in Wismar ist von Beginn an gelistet. Er findet die Idee des "digitalen Marktplatz MV" gut. Schon lange hatte er einen eigenen Online-Shop geplant, die Landesinitiative kam ihm entgegen. Doch bereits beim Einstellen der Artikel habe es Probleme gegeben, der Support halte sich in Grenzen und die Oberfläche der Seite sei kompliziert. Er habe Angst, dass die Kunden dadurch abspringen. "Wenn es Standard-Artikel sind wie zum Beispiel ein Fischerhemd und du gehst auf unsere Seite und die Seite funktioniert nicht, dann bestellst du es woanders." Sein Mitarbeiter erstellte im November bereits eine Mängelliste zum "digitalen Marktplatz MV", welche scheinbar nie im Ministerium ankam. Für Peters funktioniert die Kommunikation zwischen Entwicklern und Händlern nicht. Er nutzt die Plattform nur noch als digitales Schaufenster und bittet seine Kunden, telefonisch oder per E-Mail zu bestellen.

Wenige Verkäufe, kaum Bekanntheit

Minister Pegel gab im NDR Interview an, dass die Seite aktuell nicht den Anspruch habe, perfekt zu sein. Das Ministerium brauche das Feedback der Händler: "So ist Digitalisierung. Sie fangen an und entwickeln sich weiter. Wer in die Geschichte von Amazon und ebay schaut, wird sehen, wie die sich entwickelt haben - über Fehler und Fehlerkorrektur." Rund zehn Monate nach Start der Plattform zählt das Ministerium rund 34.000 registrierte Seitenaufrufe. Für Christian Mirow vom Wismarer Segelstore ist die Resonanz auf die Website zu gering. Nur sieben Artikel konnte der Segelladen über die Plattform verkaufen. Das sei zu wenig. Eine nicht repräsentative Umfrage auf den sozialen Netzwerken des NDR bestätigt seinen Eindruck. Mehr als 250 Nutzer und damit die Mehrheit gaben an, den digitalen Marktplatz nicht zu nutzen. Viele User fragten zudem nach, was das überhaupt sei. Auf Nachfrage beim Ministerium, wie viele Artikel bislang über den "digitalen Marktplatz MV" verkauft wurden, heißt es: "Angaben zur Zahl der verkauften Artikel unterliegen dem allgemeinen Datenschutz und gehören zum Betriebsgeheimnis jedes Händlers, der einen eShop auf der Online-Handelsplattform des Landes eröffnet hat und betreibt."

Breite Werbekampagne für 125.000 Euro

Die Erlebnisse der Händler stehen scheinbar in einem Widerspruch zu den ergriffenen Werbemaßnahmen. Für rund 125.000 Euro wurde der Marktplatz in den Lokalzeitungen, im Lokalfernsehen, im Radio, in einer Sonderbeilage der Tageszeitung "WELT", auf digitalen Plakatwänden und über die sozialen Medien beworben. Über letztere wurden über ministeriumseigene Kanäle 634.000 Konten erreicht.

Große Differenz zwischen Marktplatz und Shop

Derzeit haben sich rund 760 Händler und Gastronomen in der interaktiven Karte sichtbar gemacht. Lediglich 32 von ihnen nutzen auch den angegliederten Shop. Das mache den gesamten Shop aus Kundensicht unattraktiv, so Peters. Das Ministerium schreibt auf Anfrage: "Die Motive dürften vielfältig sein. Ein Teil der Händler und Gastronomen auf dem Marktplatz hat bereits einen eigenen Onlineshop, andere wollen diesen Schritt noch nicht gehen." Der Minister führt im Interview weiter aus, dass er keine Händler zwingen könne, sich im Shop zu listen. "Wir können nur ein Angebot machen und wenn man am Ende der Zeit feststellt, dass das Angebot nicht funktioniert, dass es auf der Seite des Kunden oder des Handelns nicht angenommen wird, wir man im laufenden Jahr auch weiterschauen müssen, wie man mit dem Produkt weitermacht."

Weiterentwicklung für knapp 300.000 Euro

"Rein technische Dinge kann man meiner Überzeugung nach beheben", so Pegel im Interview. Nach entsprechenden NDR Hinweisen wurden bereits die ersten Mängel durch das Ministerium korrigiert. Für weitere Verbesserungen und Weiterentwicklungsmaßnahmen stehen derzeit knapp weitere 300.000 Euro aus dem MV-Schutzfonds bereit. Laut Pegel ist die Gesamtsumme ein verhältnismäßig überschaubarer Betrag, der unmittelbar in die Stärkung der Innenstädte fließe. Mit rund 50 Millionen Euro jährlich für Städtebauförderung habe man in der Vergangenheit daran gearbeitet, unter anderem die Innenstädte vorzeigbar und erlebbar zu machen. Jetzt müssten die Ladeninhaber langfristig gehalten werden und das gehe nur mit dem zweiten Standbein Online-Handel.

Wie sich der "digitale Marktplatz MV" dementsprechend konkret weiterentwickeln soll, das werde, so heißt es vom Ministerium schriftlich, "zu gegebenem Zeitpunkt" beantwortet. Auch die Ergebnisse einer Umfrage der Händler durch einen Auftraggeber des Ministerium wurden nicht mitgeteilt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.02.2021 | 19:30 Uhr

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