Emil Reisinger, Leiter der Abteilung für Tropenmedizin und Infektiologie der Unimedizin Rostock, in seinem Büro. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Bernd Wüstneck

Omikron-Varianten BA.4 und BA.5: "Diese Varianten beunruhigen mich nicht"

Stand: 08.06.2022 15:48 Uhr

Was steht uns in Sachen Corona mit Blick auf die Omikron-Varianten im Sommer und Winter noch bevor? Der Rostocker Tropenmediziner Professor Emil Reisinger, der in Pandemie-Fragen auch die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns berät, sieht der weiteren Entwicklung der Pandemie aus heutiger Sicht vergleichsweise entspannt entgegen, wie er bei NDR MV Live erklärt.

BA.4 und BA.5 - so heißen die aktuellen Omikron-Varianten, die sich ausbreiten. Aus Ihrer Sicht:  Wie gefährlich sind diese Varianten? Was macht sie aus?

Emil Reisinger: "Wir kennen ja die Omikron-Variante schon seit einigen Monaten, circa seit einem halben Jahr. Die Omikron-Varianten BA.1 und BA.2 haben ständig mutiert und sich verändert. Und jetzt haben wir BA.4 und BA.5, die sich gerade in Südafrika ausgebreitet haben und sich auch in Portugal ausbreiten. Diese Varianten beunruhigen mich nicht. Ich denke, dass - und das zeigen auch die Daten - der Impfstoff gegen Omikron BA.1 und BA.2 auch gegen BA.4 und BA.5 wirkt.

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Und dann haben wir zur Ausbreitung die Situation, dass BA.4 beziehungsweise BA.5 sich in Südafrika im April und Mai dieses Jahres ausgebreitet haben, dann aber die Ausbreitung wieder abflachte. Und ich hoffe, dass wir in Portugal eine ähnliche Situation haben. Dass wir jetzt einen Anstieg der Sieben-Tages-Inzidenz von 500 auf 1.500 haben in Portugal. Aber im benachbarten Spanien sind die Inzidenzen weiterhin sehr niedrig. Das beruhigt mich vorerst. Ich denke, dass diese BA.5-Variante sich möglicherweise auch bis Deutschland ausbreiten. Aber ich hoffe und ich denke, dass diese BA.5-Variante nicht zu einem dramatischen Wechsel führen wird im Hinblick auf vermehrte Krankenhausaufnahmen und vermehrte Aufnahmen auf Intensivstationen."

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Das heißt, dass diese beiden Varianten besonders ansteckend sind oder eher für einen schwereren Verlauf sorgen, das kann man nicht sagen?

Reisinger: "Bei BA.5 haben wir derzeit noch keinen Hinweis darauf, dass es zu einem schwereren Verlauf kommen würde. Wenn es sich durchsetzt gegenüber BA.1 und BA.2, dann würde das schon bedeuten, dass es sich in gewisser Weise vermehrt ausbreitet beziehungsweise ansteckender ist. Aber es muss ja nichts Schlechtes sein, wenn man an eine Durchseuchung der Bevölkerung denkt."

Bedeutet das, dass wir Gefahr laufen, eine kleine Sommerwelle zu bekommen?

Reisinger: "Ich denke, dass wir den Sommer über eine entspannte Situation haben werden. Im Herbst werden wir dann gegebenenfalls - wenn größere Mutationen auftreten - wieder mit einer Welle rechnen können. Aber im Sommer, denke ich, dass wir keine Sommerwelle bekommen werden aus heutiger Sicht."

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Ist es aus Ihrer Sicht realistisch, dass wir im Herbst und Winter noch einmal ganz andere Varianten als Omikron bekommen - und damit auch in eine ganz andere Situation rutschen?

Reisinger: "Wir haben in den letzten zwei Jahren gelernt, dass sich alle sechs Monate eine neue Variante entwickelt. Und innerhalb dieser Varianten wie beispielsweise Omikron gibt es alle paar Wochen Mutationen. Sodass ich mir vorstellen kann, dass wir sechs Monate nach Omikron – sprich: im Oktober - wieder eine neue Variante bekommen, die sich dann eventuell vermehrt ausbreitet. Aber wenn Viren mutieren, dann können sie immer in beide Richtungen mutieren. Sie können ansteckender werden oder nicht ansteckender. Allerdings nur die ansteckendere Variante setzt sich dann in einer Population durch. Viren können aber auch durch Mutationen krankmachender werden oder auch weniger krankmachend. Idealerweise würden wir erwarten eine Variante, die ansteckender ist, aber nicht krankmachend. Dann hätten wir so etwas wie eine natürliche Immunisierung oder Impfung."

Was ist aus Ihrer Sicht für den Herbst und Winter erforderlich? Müssen wir wieder mit drastischen Beschränkungen rechnen aufgrund einer möglichen neuen Variante?

Reisinger: "Ich will jetzt nicht dem Papier des Expertenrates vorgreifen, aber wir können für die jetzige Situation feststellen, dass wir in eine endemische Situation kommen. Endemische Situation heißt: Ein zeitlich unbegrenztes Vorhandensein eines Erregers in einer Population oder in einer Region. Und damit verbunden haben wir natürlich eine Einschränkung der Maßnahmen. Also Maßnahmen werden soweit möglich zurückgefahren, um der Bevölkerung ein normales Leben zu bieten.

Als Beispiel nenne ich hier gerne die Malaria. Wir haben in Afrika Malaria-endemische Gebiete, da kommt Malaria in der Regenzeit vermehrt vor und die Leute haben ein normales Leben. Aber trotzdem werden noch Maßnahmen ergriffen, um die Malaria einzudämmen. Die Menschen selbst verwenden Moskitonetze. Und der Staat sorgt für Mückenbekämpfung. Unter einer ähnlichen Situation werden wir auch bei Corona leben. Es werden die Maßnahmen weitestgehend zurückgefahren, aber einige Maßnahmen werden bleiben. Individuell: Die Menschen können sich selbst schützen durch Masken beispielsweise, die Menschen können sich sehr gut schützen durch Impfungen. Der Staat wird auch noch einschreiten, wenn Gefahr im Verzug ist. Gefahr im Verzug beispielsweise durch Überlastung der Intensivstationen oder wenn besonders viele Menschen sterben würden. Wenn das nicht der Fall ist, dann wird der Staat auch möglichst wenig eingreifen."

Vor allem im vergangenen Jahr war das Impfen die große Gretchenfrage, um die sich alles gedreht hat. Wird in dieser endemischen Lage die Impfung weiterhin diese tragende Rolle spielen? Oder reicht der bestehende Schutz in der Bevölkerung aus?

Reisinger: "Wir haben jetzt circa 75 Prozent der Menschen, die geimpft sind und das es ist zwar keine volle Herdenimmunität, aber zumindest eine Teilherdenimmunität. Und diese Teilherdenimmunität hat auch dazu beigetragen, dass in den letzten Monaten die Inzidenzen wieder zurückgegangen sind. Ich denke, dass mindestens drei Viertel der Menschen weiterhin so vernünftig sein werden, sich impfen zu lassen. Mit welchen Impfstoffen und wie oft  - Wir bis sehen jetzt neu Impfstoffe in der Entwicklung, die sind in Phase-3-Studien. Von einigen Impfstoffen weiß ich, dass in wenigen Wochen die Zulassung beantragt wird. Es werden Kombinationsimpfstoffe sein, nicht nur eine Variante. Dazu werden zwei Varianten oder vielleicht sogar ein trivalenter Impfstoff zugelassen werden. Das bedeutet, dass gegen mehrere Varianten gleichzeitig Schutz besteht, was auch indirekt dazu führt, dass dieses Virus nicht mehr in alle Richtungen mutieren beziehungsweise ausschlagen kann, sondern auch in eine gewisse Richtung mutieren kann, die wir dann leichter vorhersehen könnten molekulargenetisch und dann rechtzeitig Impfstoffe entwickeln können - so wie wir das bei der Grippe auch kennen."

Auffrischungsimpfungen bleiben also weiter das Gebot der Stunde?

Reisinger: "Ich denke, dass wir im Herbst wieder mit einer großen Impfaktion beginnen werden mit gegebenenfalls neuen Varianten-Impfstoffen. Es könnte sein, dass wenn wir gut über den Winter kommen - das ist jetzt eine Annahme von meiner Seite -, dass wir dann einmal im Jahr uns gegen Corona impfen lassen und dann die nächsten Jahre mit Corona einfach leben lernen."

Das Interview führte Robert Witt, NDR MV Live

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 08.06.2022 | 15:00 Uhr

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