Stand: 11.01.2018 14:11 Uhr

Glawe: "Die Mitarbeiter stehen vor dem Nichts"

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60 Zusteller der Nordkurier-Mediengruppe in Neubrandenburg sind entlassen worden. (Archivbild)

Die Landesregierung schaltet sich in den Streit um die geplanten Zusteller-Entlassungen bei der Neubrandenburger Nordkurier-Mediengruppe ein. Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) hat sich als Vermittler zwischen der Gewerkschaft Ver.di und dem Unternehmen angeboten. Glawe äußerte sich nach einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses im Landtag. Das Gremium hatte sich auf Antrag der Linksfraktion am Donnerstag mit den Entlassungen beim Nordkurier beschäftigt.

Glawe ruft Norkurier zur Besinnung

Es gehe sicherlich um eine unternehmerische Entscheidung, sagte Glawe. Die Landesregierung sei von dem Schritt jedoch überrascht worden und damit nicht glücklich. "Die Mitarbeiter stehen vor dem Nichts", sagte Glawe. Deshalb wolle er, falls es von Gewerkschaften und Unternehmen gewünscht sei, als Vermittler fungieren. Glawe meinte, er hoffe, der Nordkurier besinne sich und mache nicht "Tabula rasa".

Entlassungen wegen Betriebsratsgründung?

Der Nordkurier will Ende Januar rund 60 vollzeitbeschäftigte Zusteller in der Mecklenburgischen Schweiz entlassen. Sie hatten zuvor versucht, einen Betriebsrat zu gründen, auch um - wie Ver.di erklärte - gegen schlechte Arbeitsbedingungen und nicht bezahlte Überstunden anzugehen. Kurz danach kam Ende Dezember die Kündigung - wegen Betriebsschließung. Die Arbeitsagentur in Rostock prüft, ob diese Frist verlängert werden muss.

Weiter keine Reaktion der Geschäftsführer

Die Unternehmensspitze in Neubrandenburg hat unterdessen weiter nicht auf Anfragen des NDR reagiert. Fragen zu Art, Umfang und Grund der Entlassung ließ das Medienunternehmen unbeantwortet. Allerdings sieht sich Geschäftsführer Lutz Schumacher auch angesichts empörter Leserzuschriften zu rechtfertigenden Antworten an die Kunden genötigt. Der Nordkurier-Chef verweist darin auf den wirtschaftlichen Erfolg der Zustellbetriebe. Schumacher unterstreicht die Gesetzeslage: Die Mitarbeiter würden den Mindestlohn bekommen: Beim Nordkurier werde dieser Mindeslohn nicht - wie in den anderen Medien- und Verlagshäusern - unterlaufen.

Schumacher: Positive Aspekte nicht aus den Augen verlieren

Außerdem, schreibt Schumacher in einer Mail, seien die Zusteller vollzeitbeschäftigt. Der Nordkurier-Chef räumt gleichzeitig ein, "ein Vorgang wie dieser ist für eine Unternehmensgruppe nicht schön". Schnell würden dadurch "die vielen positiven Aspekte" aus den Augen geraten. Schumacher sieht sein Unternehmen offenbar als Opfer von Kritik. Der Nordkurier könne als einziges Medienhaus im Land "mit Recht behaupten, wirklich unabhängig von großen Konzernen und staatlichen Strukturen zu sein." Vielleicht habe die "erkennbar geschürte Erregung" auch damit zu tun, dass die Zeitung "für viele mächtige Netzwerke" sehr unbequem sei, als Beispiele nannte er die "Vorgänge rund um die AWO".

Nordkurier reagiert auf Facebook-Kommentare

Auf Facebook hat die Mediengruppe am Mittwoch nach empörten User-Kommentaren inzwischen mitgeteilt, dass die Kündigungen wegen "Qualitäts- und Organisationsmängeln" erfolgt seien. Es habe Kundenbeschwerden gegeben. Mehrere Landtagsabgeordnete halten das für fadenscheinig. Der CDU-Abgeordnete Marc Reinhardt - er wohnt im betroffenen Zustell-Gebiet Mecklenburgische Schweiz - spricht von einem "vorgeschobenen Grund". Er jedenfalls bekomme die Zeitung und die zugestellte Post zuverlässig. Der ganze Vorgang sehe "komisch" aus, der Nordkurier sollte sich "gut überlegen, dass wieder rückgängig zu machen".

Linke zweifelt an Glaubwürdigkeit

Der Arbeitsmarkt-Experte der Linken, Henning Foerster, hält die Begründung ebenfalls für "nicht besonders glaubwürdig". Wenn es Mängel bei der Zustellung gegeben hätte, dann hätte das Unternehmen mit einzelnen Zustellern sprechen und möglicherweise auch Abmahnungen erteilen können. Es gebe andere arbeitsrechtliche Möglichkeiten, machte Foerster klar, als "gleich den ganzen Betrieb zuzumachen". So sieht das auch der Wirtschaftsexperte der SPD, Jochen Schulte. Die Begründung sei doch eher eine Ausrede. Schulte kommt zu dem Schluss: "Letztendlich werden hier Arbeitnehmerrechte mit den Füßen getreten".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 11.01.2018 | 14:00 Uhr

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