Stand: 06.02.2018 21:00 Uhr

Nikolaus Kramers ziemlich rechte Freunde

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AfD-Fraktionschef Kramer bestreitet, dass er im Jahr 2013 wusste, dass er damals Veranstaltungen mit mutmaßlichen Rechtsextremisten abhielt.

Das Leben eines Polizeibeamten ist strenger geregelt als das eines Zivilisten: Polizisten müssen sich auch im Privatleben so verhalten, dass das Ansehen ihres Dienstherren keinen Schaden nimmt. Umgangssprachlich nennt man das "Wohlverhaltenspflicht". Kontaktpflege zu rechtsextremen Vereinigungen gehört nicht dazu. Genau solche Kontakte aber hat der Fraktionsvorsitzende der AfD im Schweriner Landtag, Nikolaus Kramer, in seiner Zeit als aktiver Polizeibeamter unterhalten. Das geht aus Unterlagen hervor, die NDR Info vorliegen.

Kontakt zu rechtsextremer "Chattia Friedberg" im Jahr 2013

Kramer, der von 2000 bis zu seinem Einzug in den Schweriner Landtag im Oktober 2016 als Beamter der Landespolizei in Mecklenburg-Vorpommern tätig war, engagierte sich in seiner Freizeit als Mitglied einer als konservativ geltenden Schülerburschenschaft in Greifswald. Im Jahre 2013 war er in deren bundesweitem Dachverband, dem "Allgemeinen Pennälerring" (APR), als Sprecher tätig. Und in dieser Funktion unterhielt er Kontakte zu einer Gruppierung in Hamburg, die seit vielen Jahren im Visier des Verfassungsschutzes der Hansestadt steht, der "Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg". Im Jahre 2009 tauchte die "Chattia Friedberg" für jedermann nachlesbar zum ersten, aber nicht zum letzten Mal im Verfassungsschutzbericht der Behörde an der Elbe auf. Der Nachrichtendienst bescheinigte der Vereinigung schon damals eine "rechtsextremistische Prägung". Es gebe personelle Verbindungen zur NPD und zur neonazistischen Kameradschaftsszene.

2013: Rechte Burschen tanzen zu Antifa-Parolen

Kramers APR ließ Veranstaltung von "Chattia Friedberg" organisieren

Nikolaus Kramer hielt all das nicht davon ab, damals ein bundesweites Treffen seines Verbandes in Hamburg zu bewerben: "Wie ihr wisst, werden wir am ersten Wochenende des Juli 2013 unseren 23. Pennälertag in Hamburg begehen. Für die Durchführung und Organisation hat sich dankenswerterweise die pb! Chattia Friedberg zu Hamburg bereiterklärt. An dieser Stelle noch mal meinen Dank", heißt es in einem von Kramer verfassten Schreiben vom 20. Februar 2013 an seine "Lieben Verbandsbrüder in Nah und Fern". Das Schreiben liegt NDR Info vor. In einem zweiten Schreiben vom 10. April 2013 bestätigte er das Treffen: "Ich freue mich auf einen konstruktiven Pennälertag und auf ein Wiedersehen meiner Verbandsbrüder."

"Beobachtung durch Verfassungsschutz war mir nicht bekannt"

Von Distanzierung keine Spur - im Gegenteil: Weil die "Chattia Friedberg" sich auch an Schüler ab 16 Jahren wendete und über kein eigenes Haus verfügte, wurde als Austragungsort die Villa der "Hamburger Burschenschaft Germania" gewählt. Auch sie fand schon Erwähnung im Verfassungsschutzbericht.

NDR Info hat Kramer mit diesen Fakten konfrontiert und schriftlich diese Antwort erhalten: "Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz sowohl der Pennalen Burschenschaft Chattia Friedberg als auch der Burschenschaft Germania Hamburg war mir zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt." Einen Konflikt zur Wohlverhaltenspflicht eines Beamten habe er deshalb auch nicht erkennen können. Da es sich um eine rein private Veranstaltung ohne dienstlichen Bezug gehandelt habe, habe auch kein Anlass bestanden, den Arbeitgeber darüber zu informieren, so Kramer.

Zeitungsartikel verlinkt - aber nicht gelesen?

Doch wie glaubwürdig ist diese Aussage des heutigen AfD-Fraktionschefs? Als Sprecher einer bundesweit tätigen Organisation müsste er schon Kraft Amtes im Blick gehabt haben, wie es um die Reputation seiner Mitgliedsorganisationen bestellt war. Zweifel an seiner Darstellung weckt aber auch ein weiteres Schreiben Kramers vom 10. April 2013 an seine "Verbandsbrüder" - also weit vor dem Treffen im Juli: In diesem Schreiben ging er auf einen Zwischenfall vor dem Haus einer Hamburger Burschenschaft ein, der sich fünf Tage zuvor ereignet und bundesweit mediale Aufmerksamkeit erregt hatte. Ein früherer NPD-Mann war damals handgreiflich gegenüber einem Fotografen geworden. In seinem Schreiben sprach Kramer von medialer "Hatz" und verlinkte als Dreingabe zwei Zeitungsartikel, die sich mit dem Ereignis befassten. In einem dieser Artikel war ausdrücklich davon die Rede, dass die "Burschenschaft Chattia Friedberg" vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingeschätzt werde. Sollte dem Verbandssprecher ausgerechnet diese Botschaft verborgen geblieben sein?

Protestiert hatte gegen das Treffen im Juli 2013 mit einer Kundgebung das "Hamburger Bündnis gegen Rechts" (HBgR). Bündnismitglied Felix Krebs heute: "Hätten wir damals gewusst, dass ein Polizeibeamter zu einem Treffen von Minderjährigen und Neonazis einlädt, wäre der Protest sicher noch größer ausgefallen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 07.02.2018 | 06:20 Uhr

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