Stand: 01.05.2017 19:30 Uhr

Gutshäuser im Nordosten vor dem Zusammenbruch?

von Louisa Maria Giersberg

"Das macht wütend und tut richtig weh", sagt Ronny Illner. Der 42-Jährige ist mit Frau Christine und ihrem fünf Wochen alten Sohn Gustav nach Plennin im Landkreis Vorpommern-Rügen gekommen, um sich das Herrenhaus des Ortes anzuschauen. Die Familie aus Hamburg würde es gerne kaufen - zu einem realistischen Preis. Der Eigentümer wolle aber einen mittleren sechsstelligen Betrag, obwohl er selbst vor sechs Jahren nur 50.000 Euro bezahlt habe. "Das Haus ist mittlerweile eine Schrottimmobilie, weil jahrelang nichts gemacht wurde", klagt Illner. Das 200 Jahre alte Gebäude steht seit der Wende leer, es ging durch mehrere Hände. Mittlerweile wächst eine Birke durch das Dach, einziger Eingang ist ein Fenster, im Dach sind Löcher.

Verantwortungslose Eigentümer

Von den mehr als 1.000 denkmalgeschützten Guts- und Herrenhäusern in Mecklenburg-Vorpommern sind etwa 20 Prozent in einem schlechten Zustand. Es heißt, sie seien akut gefährdet. Gefährdet, den Denkmalschutz zu verlieren und gefährdet, nachhaltig Schaden zu nehmen oder sogar einzustürzen. Diese 200 Häuser haben jeweils einen Eigentümer, so wie das Gebäude in Plennin. Nur kümmert er sich eben nicht. Da gingen Kulturgüter kaputt, weil jemand seiner Verpflichtung nicht nachkomme, sagt Richard Petzold von der Arbeitsgemeinschaft Erhaltung und Nutzung der Gutsanlagen in Mecklenburg-Vorpommern e.V. "Die Behörden müssen ganz dringend Ersatzvornahmen durchführen. Aber die unteren Denkmalschutzbehörden sind unterbesetzt und nicht gewillt, die Gesetze anzuwenden, weil damit viel Arbeit verbunden ist."

Gesetzeslage ist klar

In § 6 Denkmalschutzgesetz heißt es, "Eigentümer, Besitzer und Unterhaltungspflichtige von Denkmalen sind verpflichtet, diese im Rahmen des Zumutbaren denkmalgerecht instand zu setzen, zu erhalten und pfleglich zu behandeln." Kommen sie dieser Verpflichtung nicht nach, können sie laut § 20 dazu gezwungen werden. Der Landkreis kann zum Beispiel Verfügungen erlassen, er kann drohen und Bußgelder verhängen. Weil diese aber meist niedriger sind als die Sanierungskosten, zahlt der Eigentümer lieber das Bußgeld, anstatt ins Haus zu investieren. Denn pro Quadratmeter kostet die Sanierung etwa 1.000 bis 1.500 Euro.

Der Landkreis kann auch Ersatzvornahmen veranlassen, also etwas auf eigene Kosten reparieren lassen und sich das Geld später vom Eigentümer zurückholen, oder - als Ultima Ratio - den Eigentümer sogar enteignen. Olaf Manzke vom Landkreis Vorpommern-Rügen winkt ab. Jeder Eingriff in Privateigentum habe jahrelange Rechtsstreitigkeiten zur Folge. "Eigentum verpflichtet", sagt er. Indem der Staat für diejenigen einspringe, die sich nicht kümmerten, bestrafe man doch indirekt diejenigen, die ihre Häuser pflegten. Außerdem: "Das Geld, um bei all unseren Denkmalen, die vom Verfall bedroht sein könnten, mit Ersatzvornahmen selbst tätig zu werden, ist im Haushalt nicht da."

Eigentümer und Behörden bleiben untätig

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Christine und Ronny Illner träumen davon, ein Gutshaus wiederherzurichten.

Dabei sieht die Förderrichtlinie von Mecklenburg-Vorpommern durchaus vor, dass auch Behörden Gelder vom Land beantragen können - zum Beispiel um Ersatzvornahmen zu finanzieren. Sie tun es nur nicht. Eine Behördenmitarbeiterin, die nicht genannt werden will, unterstellt aber auch dem Land, die Denkmalschutzbehörden systematisch unterzubesetzen. Leere Kassen und fehlende Mitarbeiter - so könne man den Denkmalbestand nicht im Blick behalten. "Wie will ich denn mit drei Mitarbeitern pro Landkreis 1.500 Denkmale betreuen?", fragt sie. "Und wenn Häuser erst mal verfallen sind, werden sie von der Denkmalliste genommen und dann hat der Spekulant schönes Bauland."

Geschichte des Landes in Gefahr

80 Prozent der mecklenburgischen Dörfer sind Gutsdörfer. Das heißt, das Gutshaus ist der Kern des Dorfes. "Wo ein Gutshaus gerettet und zu neuem Leben erweckt wird, profitiert das ganze Dorf. Da hat das Dorf wieder eine Zukunft. Wo das Haus weiter verfällt, stirbt in aller Regel das Dorf auch," sagt Manfred Achtenhagen vom Verein Guts- und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern. Deswegen sei das Land in der Pflicht. Seit 20 Jahren kämpft Achtenhagen für einen Notsicherungsfonds - zweckgebundene Mittel, die die Landkreise abrufen können, um Ersatzvornahmen anzuordnen. Und tatsächlich könnte jetzt Bewegung in die Sache kommen. Die CDU im Landtag möchte das Denkmalschutzgesetz novellieren. Dabei fällt auch immer wieder der Begriff des Notsicherungsfonds. Ann Christin von Allwörden, kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, hält ihn für notwendig. Sanierung von Gutshäusern sei Förderung des ländlichen Raums. Das sei eine Aufgabe, der sich das Land nicht entziehen dürfe.

Hoffnung für Plennin?

Noch hat sich Familie Illner nicht geschlagen gegeben. Obwohl das Herrenhaus von Plennin mittlerweile in einem so schlechten Zustand ist, will das Paar es unbedingt kaufen. "Wir haben uns nun mal in das Haus verliebt. Man muss sehen, wie es mal war und wie es wieder werden kann,"“ schwärmt Christine Illner. Und das Angebot steht: "Wir bieten dem Eigentümer einen Euro für das Haus und einen angemessenen Preis für das Grundstück. Und dann wollen wir dieses Haus wieder zum Leben erwecken."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.05.2017 | 19:30 Uhr

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