Familie in Hohen Wangelin, Torsten Zarnikow: "Viele im Stich gelassen"

Stand: 19.06.2021 10:14 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt? Um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Carolin Kock

Felix Zarnikow aus Hohen Wangelin hat den größten Teil der Pandemie zu Hause gelernt, denn sein Vater gehört zur Risikogruppe. Die meiste Zeit des Tages saß Felix am Computer, um die Schulaufgaben zu lösen. Kontakt zu seinen Mitschülern hatte der 14-Jährige nur schriftlich, telefonierte ab und zu mit der Klassenlehrerin. Im Dezember hatte Torsten Zarnikow deshalb große Sorge, dass sein Sohn den Anschluss verliert - im Unterricht und im sozialen Leben. "Diese Sorgen haben sich bestätigt", sagt Torsten Zarnikow heute.

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Rückstand trotz Nachhilfe

Trotz Nachhilfe ist viel Schulstoff auf der Strecke geblieben. Felix' Versetzung stand auf der Kippe, denn seine Lehrer konnten ohne Noten nur schwer beurteilen, auf welchem Wissensstand er ist. Freiwillig wiederholen will Felix das Schuljahr aber nicht - er hat sich viel Mühe gegeben und um jede Zensur gekämpft. So einen Bildungsrückstand sieht sein Vater auch im Bekanntenkreis: "Ob im Kindergarten oder in den Berufsschulen - alle haben ein Jahr verloren. Alle haben eine Bildungslücke, die wir nie wieder aufholen können. Das macht Angst."

"Ich hatte mir noch mehr erhofft"

Dass noch ein dritter Lockdown kommt und die Schulen wie im Frühjahr noch einmal komplett schließen müssen, das hätte Torsten Zarnikow im Dezember nicht für möglich gehalten. "Ich habe mir mehr erhofft, zum Beispiel, dass die Impfungen schneller kommen und es verlässliche Konzepte für die Schulen gibt. Ich hätte gedacht, wir sind weiter." Torsten Zarnikow hat deshalb jetzt auch Sorge, dass es noch einen vierten Lockdown geben könnte.

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Freude und Angst zum Schulbeginn

Mittlerweile ist Torsten Zarnikow geimpft und Felix kann wieder zur Schule gehen - dass das vor den Sommerferien überhaupt möglich ist, hätte er nicht gedacht. Der Einstieg in den Schulalltag ist Felix aber nicht leicht gefallen. Für ihn kam viel Stoff auf einmal. Sein Vater sagt: "Er hat sich auf seine Mitschüler gefreut, aber hatte gleichzeitig große Angst, dass er das Lernen verlernt hat." Diese Sorge bleibt, auch mit Blick auf das kommende Schuljahr. Felix hofft, dass der Leistungsdruck nicht zu groß wird.

"Wir brauchen ein Kinderfest in jeder Stadt"

Felix' einziger Wunsch im Moment: "Keine Maske mehr!" - zumindest im Unterricht ist der erfüllt. Torsten Zarnikow wünscht sich jetzt vor allem Perspektiven für die Kinder. Die bräuchten jetzt ein Dankeschön, sagt er, zum Beispiel mit einem Kinderfest in jeder Stadt oder Ferienfahrten, soweit es eben möglich ist: "Wir brauchen etwas, worauf die Kinder sich freuen können. Es wurden einfach zu viele Familien im Stich gelassen."

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"Es geht uns gut, es ist Sommer und wir sind gesund"

Gespräche über Corona führen Felix und seine Freunde kaum: "Man wird wohl noch sehr lange an Corona denken. Aber dass es wieder normal wird, das glaub' ich schon." Sein Vater sieht das anders: "Das Virus ist da, das Virus verändert sich. Wir müssen mit den Hygienestandards dran bleiben, um nicht nochmal böse auf die Nase zu fallen." Die Zarnikows freuen sich, dass sie trotz allem gut durch die Pandemie gekommen und gesund sind. Sie wollen jetzt den Sommer genießen: Im letzten Jahr war der Familienurlaub in Sellin das Highlight - und auch in diesem Jahr soll es dort wieder hingehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.06.2021 | 05:00 Uhr

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