Empörung über Vorab-Impfung für SPD-Landrat Kerth

Stand: 23.02.2021 11:47 Uhr

Seit mehreren Tagen diskutiert Deutschland über den Umgang mit "Impfvordränglern". Jetzt gibt es mit Landrat Kerth offenbar auch ein prominentes Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern.

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV Aktuell

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es den ersten bekannten Fall eines Politikers, der vorzeitig gegen Corona geimpft wurde. Der Landrat der Kreises Vorpommern-Rügen, Stefan Kerth (SPD), räumte am Montagabend bei der Kreistagssitzung in Grimmen ein, dass er den Impfstoff bereits frühzeitig bekommt habe.

Kerth gehört zu keiner Risokogruppe

Kerth ist 47 Jahre alt. Der Sozialdemokrat gehört nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission und des Impfkonzepts des Landes damit nicht zur Risikogruppe. Bisher wurden vor allem über 80-Jährige und medizinisches Personal geimpft. Weil Impfstoff knapp ist, sind die Impfungen in den sogenannten vulnerablen Gruppen noch nicht abgeschlossen.

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Der Impfstoff, der von der Universität Oxford und dem Pharmakonzerns Astrazeneca produziert wird, liegt in einem Kühlschrank in einem geöffneten Karton.  Foto: Liam Mcburney/PA Wire/dpa

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Impfung bei Eröffnung von Impfzentrum

Herausgekommen ist Kerths vorzeitige Impfung bei einer Anfrage der Fraktion "Bürger für Stralsund/FDP". Kerth erklärte in der Fragestunde, er habe bei der Eröffnung des bisher einzigen Impfzentrums im Landkreis den Impfstoff bekommen. Er sei seinerzeit zum Dienstschluss in der Einrichtung in Stralsund gewesen. Er habe "mehrfach" gesagt, er wolle nicht geimpft werden. Da aber ansonsten der Impfstoff verfallen wäre, sei dann - so Kerth - "eine Impfung gesetzt worden". Er sei danach aber nicht ein zweites Mal geimpft worden. Kerth meinte, die Impfung sei vor drei Wochen gewesen - das Impfzentrum in Stralsund ging aber bereits am 12. Januar an den Start. Kerth würde folglich zu den wenigen gehören, die schon in der ersten Januarhälfte geimpft waren.

Linke: Landrat hätte Schutzbedürftige finden müssen

Kerths Eingeständnis hat noch am Montagabend massive Reaktionen ausgelöst. Die Vorsitzende der Linkspartei, Wenke Brüdgam, nannte Kerths Impfung "moralisch verwerflich". Als Landrat wäre es seine Aufgabe gewesen, Menschen zu finden, denen der Corona-Schutz tatsächlich zugestanden hätte, sagte Brüdgam, die Mitglied im Kreistag ist. Die Begründung, dass noch Impfstoff da gewesen sei, der sonst hätte weggeworfen werden müssen, wirke "fadenscheinig". Wenn das so wäre, sei das Impfen nicht gut vorbereitet gewesen. So entstehe jetzt das "ungute Gefühl, dass anderen der Impfstoff weggenommen wurde", meinte Brüdgam. Die Tatsache, dass Kerth sich nicht ein zweites Mal impfen lassen habe, verstärke diesen Eindruck noch.

Junge Union: Kerth nicht mehr tragbar

Der Chef der Jungen Union MV, Georg Günther, meinte, Kerth sei nicht mehr tragbar. Der Landrat habe offenbar seine berufliche Stellung genutzt, um an eine Impfung zu kommen, die ihm nicht zugestanden habe. Der gesamte Vorgang mache sprachlos. Wenn Kerth sein Fehlverhalten nicht einsehe, müsse seine Parteifreundin, Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) ein Machtwort sprechen. Denn die beklage, das Impfstoff fehle und dass Menschen sehnsüchtig auf ihre Impfung warten. Dann, so Günther, "rutschen plötzlich Genossen an Platz 1 der Warteliste."

CDU-Gesundheitsexperte: Anschein von Vordrängeln

Der Gesundheitsexperte der Landtags-CDU, Sebastian Ehlers, sagte, Kerth müsse es inzwischen dämmern, dass er sich nicht vorbildlich verhalten habe. Für viele Menschen gehe es in der Pandemie um Leben und Tod. Da habe es den Anschein, dass Kerth sich vorgedrängelt habe. Sollte das wahr sein, müsse das Folgen haben. Ehlers sieht den Landrat in Erklärungsnöten.

Prioritätenliste soll Umgang mit überzähligen Impfdosen regeln

Kerth war für eine Stellungnahme am Montagabend nicht zu erreichen. Im Kreistag sagte er, es sei bisher nicht geregelt gewesen, wie mit übriggebliebenen Impfdosen umgegangen werde. Das könne künftig nicht beliebig ablaufen. Jetzt werde deshalb eine "Prioritätenliste" für den Landkreis erstellt. Noch vor einem Monat versprach Kerth mit Blick auf das einzige Impfzentrum in Stralsund, er wolle vier weitere Einrichtungen aufbauen: "Es ist und war mir von Anfang an sehr wichtig, die Impfung für alle Menschen im Landkreis einfach zugänglich zu machen. Insbesondere für die Menschen, die jetzt als erstes geimpft werden können, sind lange Anfahrten oft problematisch." Die vier weiteren Impfzentren gehen mit deutlicher Verzögerung in Betrieb, sie sollen am 1. März einsatzbereit sein.

SPD durch unsolidarisches Verhalten angreifbar

In Kerths SPD klingeln wegen der vorzeitigen Impfung des Spitzengenossen die Alarmglocken. Ein Sozialdemokrat, dem der politische Gegner im Wahlkampf unsolidarisches Verhalten verwerfen kann, gilt als Schwachstelle. Dabei stehen Kerth und sein Landkreis im Kampf gegen die Pandemie bisher gut da. In Vorpommern-Rügen ist die Corona-Inzidenz landesweit am niedrigsten - sie liegt bei 21,4 Fällen auf 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche (Stand: 22.02.2021, 16:35 Uhr).

Ermittlungen gegen OB von Halle

Bundesweit hatte der Oberbürgermeister von Halle (Saale), Bernd Wiegand (parteilos), als einer der ersten "Impfvordrängler" für Schlagzeilen gesorgt. Auch Wiegand hatte vorab eine Impfung bekommen. Gegen ihn ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Es geht um den Verdacht der "veruntreuenden Unterschlagung" des Corona-Impfstoffs, erklärten die Ermittler. Die Staatsanwaltschaft Stralsund erklärte, ihr sei der Fall Kerth noch nicht bekannt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 23.02.2021 | 06:30 Uhr

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