Stand: 05.12.2019 20:26 Uhr

Der bewegte Däne: Madsen 100 Tage OB von Rostock

von Martin Möller, NDR Nordmagazin

Der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen © NDR Foto: Martin Möller
Rostocks OB Claus Ruhe Madsen ist seit rund 100 Tagen im Amt.

Ein Möbelhändler mit dänischem Pass, ein Quereinsteiger ohne Parteibuch als Deutschlands erster ausländischer Oberbürgermeister: Das machte vor einem halben Jahr deutschlandweit und in Dänemark Schlagzeilen. "Rostock bewegen" hatte Claus Ruhe Madsen den Hansestädtern auf Hunderten Plakaten versprochen. Und einen langen Wahlkampf hinter sich, beim dem der 47-Jährige viel privates Geld einsetzte und fast zehn Kilogramm Gewicht verlor. Radfahr- und unternehmerfreundlich will Madsen die Hansestadt machen, ihre Verwaltung im Eiltempo digitalisieren. Vorbild ist für ihn seine alte Heimat, wo es flächendeckend zweispurige Radwege gibt und fast alle städtischen Dienstleistungen digital abgewickelt werden.

Neuer OB macht schnell Schlagzeilen

Der parteilose Madsen übernimmt eine schuldenfreie Stadt, deren Wirtschaft brummt, so scheint es. Am Anfang seiner Amtszeit setzt er erst einmal einen Kassensturz. Das Ergebnis ist ernüchternd. Es gibt kaum finanziellen Spielraum, weil zu lange auf Verschleiß gefahren wurde. Viele Schulen, Straßen und Wege sind kaputt, Denkmäler verfallen, die Verwaltung ist teilweise aufgeblasen und ineffektiv. Schnell macht der neue Oberbürgermeister Schlagzeilen. Planung für Mittelmole in Warnemünde gestoppt, Einstellungsstopp in der Verwaltung, Straßenbahnstopp. Selbst die BUGA stellt er infrage. Eine unfaire Verkürzung seiner Argumente, ärgert sich Madsen. Er möchte nicht stoppen oder verhindern, sondern die Zukunft der Stadt diskutieren.

VIDEO: Claus Ruhe Madsen: Hundert Tage OB in Rostock (5 Min)

Madsen will Diskussion über Mobilität der Zukunft

Beispiel Straßenbahn: Hierbei geht es um 120 Millionen Euro, die 39 neue Straßenbahnen kosten würden. Die alten sind verschlissen und müssen innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre ersetzt werden. Das diskussionslose Absegnen würde den Ist-Zustand einfrieren, ärgert sich Madsen. Er will lieber vorher die Mobilität der Zukunft diskutieren - über neue Technologien, über eine bessere Anbindung des Seehafens und von neuen Wohngebieten.  

"Das eine oder andere auch mal anders machen"

Der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen © NDR Foto: Martin Möller
Madsen will Rostock bewegen und für die Zukunft fit machen.

Die Bürgerschaft lehnt dies mit deutlicher Mehrheit ab. Nur bei der Finanzierung wollen die Abgeordneten Alternativen prüfen. Madsen ärgert sich nur kurz. "Ich werde aber trotzdem nicht aufhören, daran zu arbeiten, dass wir das eine oder andere im Leben vielleicht auch mal anders machen." Besonders am Herzen liegt dem passionierten Rennradfahrer der Aufbau von 28 Kilometern Radschnellwegen. Ein erster Entwurf seiner Verwaltung geht von 33 Jahren Bauzeit aus. Madsen: "Das ist doch nicht Euer Ernst. Ihr kriegt vier und in den vier Jahren will ich einen Plan umgesetzt sehen, wo wir alle mitbekommen, dass wir Fahrradstadt werden."  

Aktenberg muss noch abgearbeitet werden

Mit einer Ämter-übergreifenden Fachgruppe will er das erreichen. Und er plant einen Raum im Rathaus, wo die Zukunft der Verwaltung greifbar sein soll. Teamarbeit statt Einzelzimmer, digitale Formulare statt Papier, keine Wartezeit für Bürger, die Ausweise, Pässe oder Bescheinigungen brauchen. Das ist alles Zukunftsmusik. Noch arbeitet Madsen den Aktenberg ab, der nach der Amtsübergabe liegen geblieben ist. Seine Arbeitstage beginnen morgens um 8 Uhr und sind vollgestopft mit Sitzungen und Terminen. Meist kommt er erst sehr spät am Abend nach Hause. Für das Rennradfahren ist gar keine Zeit mehr, für die Familie nur morgens beim Frühstück. Selbst an den Wochenenden nimmt er sich Akten mit nach Hause nach Warnemünde. Seine alte Heimat Dänemark liegt direkt gegenüber, nur 40 Kilometer entfernt. Einen Antrittsbesuch im Königreich, wo er sich vieles abgucken will, hat er auch noch nicht geschafft.

"Rostocks schönster Job"

Madsen sieht es entspannt: "Ich bin ja nicht nur für 100 Tage, sondern für 2.000 Tage gewählt." Und wenn er eine kleine Auszeit braucht, klettert er hoch in den Dachstuhl, wo die Rathausuhr tickt. Dort hat er einen weiten Blick über die altehrwürdige Hansestadt. Auch wenn mit harten Bandagen gekämpft wird, den Wechsel in die Politik hat er nicht bereut. "Oberbürgermeister ist einfach Rostocks schönster Job."

Weitere Informationen
Der Rostocker Oberbürgermeister während einer Pressekonferenz im November 2019. © dpa Foto: Bernd Wüstneck

Rostocks OB: BUGA nicht "zwingend erforderlich"

Rostocks Oberbürgermeister Madsen hat Zweifel an der Ausrichtung der Bundesgartenschau 2025 in der Hansestadt angemeldet. Die BUGA sei eine nette Sache, aber nicht "zwingend erforderlich". mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.12.2019 | 19:30 Uhr

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