Stand: 20.11.2016 13:17 Uhr

Der Friedhof als Erlebnisort

von Jan Farclas
Martens Grabkapelle in Wismar © NDR Foto: Jan Farclas
Im größten Mausoleum Mecklenburg-Vorpommerns ruht der Kaufmann Johann Gottfried Martens mit seiner Familie.

Wenn man eine Stadt kennenlernen will, muss man zuerst auf ihren Friedhof gehen, so heißt es. Denn viele Friedhöfe haben ihre ganz eigenen geschichtlichen, kulturellen und künstlerischen Besonderheiten. Einer der ältesten in Mecklenburg-Vorpommern ist der Wismarer Friedhof, er existiert seit dem Jahr 1831. Wer dort spazieren geht, findet vor den Gräbern historischer Persönlichkeiten Infotafeln. In Wismar ist zum Beispiel der Verleger Dethloff Carl Joachim Hinstorff begraben. Auch die Künstlerin Sella Hasse liegt dort, sie hat ihre Grabstätte selbst entworfen. Auch der Logiker, Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege ist in der Hansestadt begraben worden.

Viele seiner Erkenntnisse haben die heutigen Programmiersprachen erst möglich gemacht, sagt die Leiterin des Friedhofs, Grit Schaller-Uhl. Sein Name sei trotzdem eher ausländischen Gästen der Stadt ein Begriff. Gerade Asiaten erkundigten sich häufig nach Professor Frege.

Geschichten aus der Gruft

Auf dem Friedhof Wismar steht außerdem das größte Mausoleum Mecklenburg-Vorpommerns, sagt Kunsthistorikerin Anja Kretschmer. Es ist die letzte Ruhestätte des Kaufmanns Johann Gottfried Martens und seiner Familie. Oberirdisch befindet sich der Andachtsraum, darunter liegt die katakombenähnliche Gruft. Regelmäßig führt Anja Kretschmer Besuchergruppen über den Friedhof. Bei speziellen, gut besuchten nächtlichen Führungen unter dem Titel "Friedhofsgeflüster" erzählt sie über Sitten und Aberglauben unserer Vorfahren rund um das Thema Sterben. Dann bekommen Besucher auch die alten Särge in den Grüften zu sehen. Die häufigste Frage, erzählt Anja Kretschmer, lautet: "Aber da liegt doch jetzt keiner drin, oder"? Und meistens liegt eben tatsächlich jemand drin.

Der Galgenberg mit exklusiver Aussicht

Das ehemalige Leichenwärterhaus in Wismar © NDR Foto: Jan Farclas
Im Leichenwärterhaus von 1832 befand sich das Schlafzimmer des Leichenwärters direkt neben dem Aufbahrungsraum.

Unweit der Martens Grabkapelle befindet sich eine Anhöhe in reizvoller Lage, sie ist Wismarern als "Galgenberg" bekannt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war sie die frühere Hinrichtungsstätte und später der Ursprung des heutigen Friedhofs. Zum Tode Verurteilte hatten, zumindest kurz, einen guten Blick auf die Stadt. Lange Zeit nach der letzten Hinrichtung war der frühere Galgenberg als Begräbnisstätte bei den Wismarern äußerst unbeliebt, er galt als "unehrlicher Ort", an dem Kriminelle den Tod fanden. Die Vorurteile wurden erst abgebaut, als der damalige Bürgermeister Anton Haupt ganz bewusst seine Grabstätte genau dort wählte, wo der Galgen stand.

Tür an Tür mit dem Tod

Ein weiterer, bemerkenswerter Ort auf dem Wismarer Friedhof, ist das alte Leichenwärterhaus. Das einzige dieser Art in Mecklenburg-Vorpommern, sagt Kunsthistorikerin Kretschmer. Heute ein graues, unsaniertes Gebäude mit bester Eignung als Kulisse für einen Gruselfilm. 1832 wurde es errichtet, als letzte Station für Verstorbene bis zur Bestattung. Aber aufgrund der damaligen Angst der Menschen vor dem Scheintod, hatte rund um die Uhr ein Leichenwärter anwesend zu sein. Er wohnte sogar mit seiner Familie in dem Haus. Das Schlafzimmer befand sich damals direkt neben dem Aufbahrungsraum für die Leichen - für den Fall, dass doch mal jemand aufwacht. Um 1900 war dann die Ära des Leichenwärterhauses vorbei. Und übrigens: Aufgewacht ist in dieser Zeit niemand.

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 20.11.2016 | 19:30 Uhr

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