Stand: 14.12.2016 11:05 Uhr  | Archiv

Fürchtet Euch nicht (vor dem Falschen)!

Was ist hilfreich im Umgang mit Ängsten?

Was ist hilfreich im Umgang mit Ängsten? Ein NDR Info Interview mit dem Psychologen und Risikoforscher Prof. Gerd Gigerenzer, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin ist.

Prof. Gigerenzer, vor manchen Dingen haben wir also Angst, obwohl es eher unwahrscheinlich ist, dass sie uns treffen. Andere Risiken blenden wir dagegen aus. Warum ist das so?

Gerd Gigerenzer © picture alliance / dpa Foto: Horst Galuschka
Auch Medien sollten sich bewusst sein, dass sie - je nach Art der Berichterstattung - Ängste verbreiten können, meint Prof. Gerd Gigerenzer.

Prof. Gerd Gigerenzer: Nun, wir fürchten uns oft vor den Dingen, die uns wahrscheinlich nicht umbringen. Also nehmen wir an, Sie sind im Urlaub und Sie hören die Meldung, dass tödliche Haiangriffe um 100 Prozent gestiegen sind. Dann lassen Sie ihre Kinder noch ins Wasser? Das Problem dabei ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Sie bei der Fahrt mit dem Auto zum Strand ums Leben kommen viel höher ist. Oder nehmen Sie das Thema Fliegen. Viele Menschen haben Angst vor dem Fliegen, aber nicht davor, Auto zu fahren und zugleich mit dem Handy am Steuer zu texten. Das bringt etwa pro Tag einen Deutschen um.

Wie kommt es, dass so etwas mit uns geschieht, dass wir so darauf reagieren?

Mann senkt den Kopf in die Hände © Picture Alliance
AUDIO: Viele Ängste sind einfach unbegründet (8 Min)

Gigerenzer: Das hat mit unserer Psychologie zu tun. Eine der Ängste, die nenne ich die Angst vor Schockrisiken. Ein Schockrisiko ist eine Situation, wo viele Menschen zu einem Zeitpunkt sterben, wie zum Beispiel bei einem Flugzeugabsturz. Nehmen Sie etwa den 11. September 2001. Was haben die Amerikaner nach den Anschlägen auf das World Trade Center gemacht? Wir wissen, dass viele aufgehört haben zu fliegen. Ich habe die Verkehrsstatistiken angeschaut: Für zwölf Monate sind die gefahrenen Meilen bis zu fünf Prozent nach oben gegangen. In dieser Zeit sind ungefähr geschätzte 1.600 Amerikaner auf den Straßen ums Leben gekommen bei dem Versuch, das Risiko des Fliegens zu vermeiden - also 1.600 mehr als normal.

Was können wir daraus lernen? Wie können wir lernen, Risiken und Bedrohungslagen realistisch einzuschätzen, damit uns eben so etwas nicht passiert?

Gigerenzer: Nun, man kann eines lernen: Wenn viele Menschen zu einer Zeit ums Leben kommen oder auch nur könnten, dann ist es leicht, Angst in uns auszulösen. Wenn genauso viele Menschen verteilt über das Jahr ums Leben kommen wie beim Autofahren, beim Rauchen, dann ist es sehr schwer, in uns Angst auszulösen. Das ist ein Mechanismus, wie unsere Emotionen von außen gesteuert werden. Und dann kann man lernen, damit umzugehen und dann unser Leben wieder selber in die Hand zu nehmen.

Welche Verantwortungen haben auch Medien in diesem Fall dazu beizutragen, dass es eben dann gelingen kann, das Risiko doch realistischer einzuschätzen?

Gigerenzer: Medien könnten viel mehr tun als sie tun. Sie könnten Menschen informieren, was sozusagen die Risiken sind, an denen sie oder ihre Familienmitglieder, sagen wir mal in den nächsten zehn Jahren, nun umkommen könnten. Das passiert aber meistens nicht, sondern die Medien verwenden die gleichen psychologischen Mechanismen wie die Schockrisiken und machen große Angst vor der nächsten möglichen Katastrophe.

Können Sie uns einen Tipp geben, wie wir es schaffen, möglichst optimistisch und angstfrei ins neue Jahr zu starten?

Gigerenzer: Also, ich glaube, da hilft vieles. Erstens mal muss man sich einmal vorhalten, wir leben hier in Deutschland zu einer Zeit, wo es uns so gut geht wie kaum je zuvor. Die Kindersterblichkeit ist geringer. Die Lebenserwartung ist höher. Aber wir haben immer mehr Angst. Mit Angst kann man eine Bevölkerung steuern. Man kann sie politisch steuern. Das passiert immer wieder. Und das hilft vielleicht vielen, sich dagegen zu wehren und ein Leben zu beginnen, wo man die Fernsteuerung für die eigenen Emotionen wieder selbst in die Hand nimmt. Dazu braucht man allerdings Mut!

Das Interview - hier zusammen mit dem Beitrag zum Thema zum Nachhören - führte NDR Info Moderator Stefan Schlag.

"NDR Info Perspektiven"
Illustration: Zwei Hände umfassen eine Glühbirne © NDR

NDR Info Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

In der Reihe NDR Info Perspektiven beschäftigen wir uns mit Lösungsansätzen für die großen Herausforderungen unserer Zeit. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 14.12.2016 | 06:20 Uhr

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