Stand: 12.02.2020 10:01 Uhr

Suchtkranke Eltern: Millionen Kinder leiden

Diese Woche ist die bundesweite "Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien". Rund drei Millionen Kinder leben laut der Bundesdrogenbeauftragten Daniela Ludwig deutschlandweit bei suchtkranken Eltern. Das ist jedes sechste Kind. Bis zu 60.000 von ihnen leben bei drogenabhängigen Eltern, 2,65 Millionen Jungen und Mädchen bei alkoholsüchtigen. Eine von ihnen ist die inzwischen erwachsene Sabine.

von Irene zu Dohna

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Die Sucht von Eltern beeinträchtigt das Leben ihrer Kinder stark.

Sabine und ihre fünf Schwestern hüteten lange ein Familiengeheimnis: Ihr Vater war Alkoholiker. "Wenn mein Vater betrunken war, war er zu Hause auf Streit aus", sagt Sabine, die ihren Namen nicht in den Medien lesen - ihre Geschichte aber dennoch erzählen möchte. "Später habe ich mich geschämt für meinen Vater und gedacht: Hoffentlich weiß niemand, dass er mein Vater ist", sagt Sabine.

Unsicherheit und Angst

"Ich habe gelernt, den Mund zu halten und fand das irgendwann auch normal", sagt sie. Unsicherheit und Angst waren ständige Begleiter ihrer Kindheit. Hass empfand sie deshalb trotzdem nicht. "Selbstverständlich lieben suchtkranke Eltern ihre Kinder", sagt Suchttherapeutin Friederike Smilge.

Bei der Caritas in Duderstadt berät sie Alkoholabhängige, Drogen-, Medikamenten-, Spiel- oder Online-Süchtige. Mehr als 230 Betroffene sind es im Jahr. Die meisten Abhängigen seien nicht in der Lage, ihren Kindern zuverlässige, liebevolle Eltern zu sein. Smilge spricht von einer "geraubten Kindheit."

Verantwortung für die Eltern

Auch Sabine sagte nichts und schluckte ihre Emotionen herunter. "Die Kinder lernen schon ganz früh, Verantwortung für die Eltern zu übernehmen. Und dadurch übernehmen sie oft auch als Erwachsene Verantwortung für alles und jeden. Auch weit über ihre Kräfte hinaus", sagt Suchtberaterin Smilge.

Jahre später erkrankt Sabine an Depressionen und lernt in einer Therapie Schritt für Schritt über das Erlebte zu sprechen. "Mein Vater hat mir dabei doch gefehlt. Sei es, dass er mal mit uns gespielt oder sich für uns interessiert hat. Es hilft mir, zur Caritas zu gehen und dort Ansprechpartner zu haben, mit denen ich auch ganz offen darüber reden kann."

Beratungsstellen in Anspruch nehmen

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Sabine (Mitte) spricht mit den Therapeuten Friederike Smilge und Ulrichz Schmalstieg über ihre Kindheit.

Heute ist Sabine 61 Jahre alt, verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder. Inzwischen weiß sie, dass sie keine Schuld trifft. Sie hätte sie sich für ihre Kindheit aber gewünscht, dass ihre Mutter, ihre Großeltern, Freunde oder Lehrer ihre Not gesehen hätten. Für sie sei deshalb ganz wichtig: "Erwachsene sollten für Kinder einstehen. Professionelle Hilfe gibt es genug: Jeder Landkreis hat eine Suchtberatungsstelle."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.02.2020 | 07:38 Uhr

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