Zahlreichen Windkraftanlagen stehen auf einem Feld in Schleswig-Holstein bei strahlender Sonne leich bewölktem Himmel. © imago images / penofoto

"Für Windparks gibt es eine sehr hohe Zustimmung"

Stand: 10.04.2023 06:50 Uhr

Die Bundesregierung setzt bei der Energiewende auch auf die Windenergie. Um die Klimaziele bis 2030 zu erreichen, ist ein rasanter Zuwachs von Windparks nötig. Wie ist es um die Akzeptanz von Windrädern in der Bevölkerung bestellt? Wie lassen sich Bürger am besten beteiligen? Und was hat es mit der Sorge vor Infraschall auf sich?

Über diese Fragen hat NDR Info mit der Umweltpsychologin Gundula Hübner gesprochen. Die Professorin lehrt an der Universität Halle sowie an der MSH Medical School in Hamburg - und forscht seit Jahrzehnten zur Akzeptanz von Windkraft.

Wie groß ist die Akzeptanz von Windparks in der Bevölkerung?

Gundula Hübner: Zu dieser Frage haben wir bundesweite Daten, die immer wieder von der Agentur für Erneuerbare Energien oder auch von anderen erhoben werden. Und da sehen wir konstant eine sehr hohe Zustimmung: Das liegt bei einem Wert um 80 Prozent. Mal geht es ein bisschen runter, aber insgesamt gibt es eine sehr hohe Zustimmung - auch eine sehr hohe Zustimmung zur Energiewende.

Häufig heißt es, dass es mit der Zustimmung schnell vorbei sein kann, wenn Windanlagen in der eigenen Nachbarschaft aufgestellt werden. Wie groß ist das Problem tatsächlich?

Hübner: Ich würde erst mal nicht von einem "Problem" sprechen. Ich finde, das ist eine falsche Bezeichnung. Dieser Begriff diskreditiert Menschen, die sich Gedanken um ihre Heimat machen. In der Regel sehen wir im Rahmen unserer Forschung eine Mehrheit, die für einen Windpark ist. Diese Mehrheit wird aber in der Regel nicht so aktiv, weil es ja schwerer ist, für eine Sache einzutreten. Während dann die Menschen, die eine Minderheit sind und dagegen sind, Angst haben, etwas zu verlieren. Und diese Furcht oder auch Sorge ist ein sehr starker Motivationsfaktor. Die Menschen, die sich diese Sorgen machen, werden dann sehr viel stärker aktiv. Deswegen haben wir in der Öffentlichkeit häufig das Bild, dass die Mehrheit dagegen ist. Aber das ist nicht so.

Das heißt: Die Mehrheit ist in der Regel dafür, auch wenn die Windräder im eigenen Dorf oder in der Umgebung stehen?

Hübner: Ja, aber - und das ist ein wichtiger Punkt - die Menschen müssen mit einbezogen werden. Dann wird häufig gesagt: Ja, wir müssen die Bürger informieren! Aber das reicht nicht aus. Es ist ja eine Veränderung der eigenen Heimat. Das heißt wir als Bürger und Bürgerinnen, die vor Ort leben, sind ja in der Regel Expertin für unsere Heimat. Das heißt, hier ist es sehr wichtig, das Expertenwissen mit einzubeziehen. Wichtig ist, dass nicht einzelne Projekte vor Ort nur diskutiert werden, sondern dass für eine Region - weil das eine Größenordnung ist, die wir als Menschen überschauen - ein Konzept gemacht wird, in das die Bevölkerung mit einbezogen wird - und zwar schon auf Ebene der Regional-Planung.

Können Sie ein Beispiel für eine solche Regional-Planung nennen?

Hübner: Ja, zusammen mit der Deutschen Umwelthilfe und der Technischen Universität München haben wir in einem Landkreis in der Nähe von München - im Landkreis Ebersberg - versucht, eine solche Bürgerbeteiligung konkret umzusetzen. Wir haben vor Ort nach Bürgern und Bürgerinnen gesucht, die schauen wollen, wie sie ihre Region für die Energiewende gestalten möchten. Schließlich ergab sich eine Gruppe von elf Personen. Und ihre Aufgabe war es dann, einen bestimmten Anteil von Megawatt an erneuerbaren Energien aus ihrem Landkreis zu ernten. Zur Verfügung standen Windenergie, Biomasse und Solarenergie - also Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen. Und das Ergebnis war nachher, dass in der Gruppe zunächst gesagt wurde: Wir wollen keine Windenergie-Anlagen! Aber im Endergebnis, nachdem sie sich mit Flächen-Verbrauch und ökonomischen Aspekten beschäftigt hatten, haben diese Bürger*innen gesagt: Bei uns im Landkreis geht man fair miteinander um. Deswegen möchten wir, dass jede Kommune ein Windrad bekommt. Wir wollen auch keine Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen haben, weil das unser Landschaftsbild stark verändert. Da halten wir dann doch Windenergie für geeigneter.

Oft heißt es, dass es auch wichtig ist, dass die Bürgerinnen und Bürger vor Ort finanziell von den Windrädern profitieren. Wie wichtig ist das für die Akzeptanz einer Windenergie-Anlage?

Hübner: Es ist natürlich wichtig, dass man auch Vorteile hat, wenn sich die vertraute Landschaft verändert. Wichtig ist aber, dass nicht einzelne Personen durch hohe Pacht-Einnahmen profitieren, sondern die Gesamtheit als Ganzes profitiert. Es ist ja so, dass die Gewerbe-Einnahmen früher so waren, dass der Großteil abfloss. Heute bleibt der Großteil in der Gemeinde. Was ganz wichtig ist, dass es nicht als Bestechung wahrgenommen wird oder auch nicht als Kompensation verstanden wird, sondern als ein Vorteil davon, dass eine Kommune sich an der Energiewende beteiligt.

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Im niedersächsischen Dorf Thomasburg ist beim Bau von drei Windrädern ein Förderverein entstanden, der jedes Jahr 50.000 Euro von den Betreibern an Vereine, den Kindergarten oder die Kirche verteilen kann. Sind solche Ideen auch wichtig?

Hübner: Ja, natürlich, weil die Menschen dann erst wahrnehmen, was ein Windpark für Vorteile bringt. Was aber auch möglich ist: Dass man günstigere Strompreise für die Menschen vor Ort aushandelt. Denkbar wäre auch: Wenn der Strom aus einem Windpark nicht abfließen kann, weil die Stromnetze überlastet sind, dass er vor Ort über das Verteilnetz kostenlos genutzt werden könnte. Das sind Aspekte, die man zukünftig stärker berücksichtigen könnte.

Bei Protesten gegen Windanlagen ist oft das Argument zu hören, es gebe einen störenden Infraschall. Ist da etwas dran?

Hübner: Wir müssen zunächst schauen, wie viele Menschen überhaupt belästigt sind. Studien, die wir in Deutschland, in der Schweiz und in den USA durchgeführt haben, zeigen, dass es eine Minderheit ist.

Wir hatten in einem Ort in Niedersachsen bei einer ersten Befragung zehn Prozent der Anwohner*innen, die sagten, dass sie gelegentlich oder mindestens einmal im Monat durch die Windenergie-Anlagen belästigt sind und sie die Sorge haben, dass es sie krank macht, weil es Infraschall sei. Wir haben dann mit den Bürger*innen zusammen eine Studie durchgeführt, und sie haben diese Geräusche mit einem einfachen Audiorekorder aufgenommen. Dann hat ein Psychoakustiker sie analysiert und hat festgestellt, dass dieses störende Geräusch ein wahrnehmbares, tieffrequentes Geräusch ist. Das heißt: kein Infraschall, sondern ein hörbares, tieffrequentes Geräusch, was aber unterhalb der Immissionsschutz-Richtlinie liegt. Wir haben damit klarstellen können, es ist kein Infraschall. Es macht nicht krank. Wir haben dann in einer zweiten Befragung gesehen, dass sich nur noch sechs Prozent belästigt fühlten. Weil sie uns dann gesagt haben: Wir wissen jetzt, was es ist. Es ist nicht gefährlich.

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Gibt es zum Infraschall bei Windparks aufschlussreiche Studien?

Hübner: Ja, in den letzten zehn Jahren sind nicht nur von uns, sondern auch von anderen Kolleginnen und Kollegen Studien zur Infraschall-Wirkung durchgeführt worden. Und da können wir inzwischen mit hoher Gewissheit sagen: Dieser Infaschall ist weit entfernt von der Wahrnehmungsschwelle. Was wir aber finden, sind eben diese hörbaren, leisen, aber tieffrequenten Geräusche, die störend wirken können.

Sie können sich das ganz leicht vorstellen, wenn sie zum Beispiel durch einen Park gehen. Und sie hören ganz leise aus irgendeiner Ecke ein kleines Stückchen knacken. Und sofort sind sie hellwach, obwohl es ganz leise ist. Wir nennen das einen Stresstrigger, also einen Auslöser von Stress, der uns genetisch mitgegeben ist, weil wir ja früher in weniger sicheren Umgebungen gelebt haben. Das heißt, wir mussten solche Signale sehr deutlich wahrnehmen, um zu überleben. Und das erklärt, warum Menschen tatsächlich auch Einschlafprobleme bei Windenergie-Anlagen haben können, wenn sie so ein Geräusch hören. Es ist aber kein Infraschall.

Auch wenn Infraschall demnach nicht die Ursache für Beschwerden von Menschen sein kann, dennoch fühlen sich Menschen in der Nähe von Windrädern belästigt. Wie viele sind davon betroffen?

Hübner: Wir als Umweltpsychologen definieren Belästigung als etwas, das etwas als störend erlebt wird. Und die Menschen sagen, dass sie Symptome haben, die sie im Zusammenhang mit der Windenergie-Anlage sehen. Wir werten auch schon als Symptom, mindestens einmal im Monat schlechte Laune wegen der Windenergie-Anlage zu haben. Und selbst wenn wir so offen fragen, wer mindestens einmal im Monat schlechte Laune oder mindestens einmal im Monat Einschlaf-Probleme wegen einer Windenergie-Anlage hat, dann finden wir in der Regel sehr geringe Zahlen. In den USA hatten wir unter zwei Prozent, in Deutschland lag der Wert bei verschiedenen Windprojekten im Durchschnitt bei rund vier Prozent.

Wir haben das dann ins Verhältnis gesetzt dazu, wie viele Menschen durch Straßenverkehr belästigt sind. Und da kommen wir teilweise zu deutlich höheren Zahlen.

Das Interview führte Arne Schulz, NDR Info.

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