Fast jedes dritte Kind psychisch auffällig während Pandemie

Stand: 10.02.2021 12:40 Uhr

Schule und Kita sind geschlossen und viele haben seit Wochen ihre Freundinnen und Freunde kaum gesehen: Wie sehr Kinder und Jugendliche unter dem Lockdown leiden, zeigt eine Studie, die das Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) am Mittwoch veröffentlicht hat.

Fast jedes dritte Kind zeigt demnach ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste hätten noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden wie zum Beispiel Niedergeschlagenheit oder Kopf- und Bauchschmerzen seien verstärkt zu beobachten, sagte die Leiterin der Studie, Ulrike Ravens-Sieberer. Die Lebensqualität habe sich weiter verschlechtert.

"Ein Ausdruck der Erschöpfungen"

Die Ergebnisse seien "ein Ausdruck der Erschöpfungen durch die langanhaltenden Belastungen", sagte Ravens-Sieberer. "Mit den geschlossenen Schulen und Freizeiteinrichtungen ist ein Großteil der Lebensräume der Kinder weggefallen." Ihnen würden die Freunde und die sozialen Kontakte fehlen. Schwierigkeiten beim Lernen und beim Distanzunterricht drückten zusätzlich auf die Stimmung.

Mehr Smartphone und Süßigkeiten, weniger Sport

Die Leiterin der COPSY-Studie bei einer Pressekonferenz im UKE. © icture alliance/dpa/dpa-Pool Foto: Daniel Reinhardt
Die Leiterin der Studie, Ulrike Ravens-Sieberer.

Zehnmal mehr Kinder als vor der Pandemie und doppelt soviele wie in der ersten Befragung machen demnach überhaupt keinen Sport mehr. Aber Freunde und Freundinnen treffen, sich in einer Mannschaft einordnen, mit Sieg und Niederlagen umgehen - das alles sei für die Entwicklung von Kindern enorm wichtig, so die Studienleiterin. Gleichzeitig würden die Mädchen und Jungen mehr Süßigkeiten essen und noch häufiger vor Tablet und Handy sitzen.

Es komme außerdem häufiger zu Streit in den Familien. Auch die Eltern, so Ravens-Sieberer, kämen zunehmend an ihre Grenzen. Bei ihnen und bei den Kindern und Jugendlichen hätte sich auch im zweiten Teil der Untersuchung bestätigt: Wer vor der Pandemie gut dastand, wer sich in seiner Familie gut aufgehoben fühlt, der komme auch gut durch die Pandemie. "Sorgen machen uns die Familien aus schwierigen sozialen Verhältnissen", sagte Ravens-Sieberer. Sie wies aber auch darauf hin, dass psychische Belastungen nicht das gleiche wie psychische Erkrankungen seien.

Mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche befragt

Die "COPSY"-Studie ist den Angaben zufolge die bundesweit erste ihrer Art. Von Mitte Dezember bis Mitte Januar nahmen mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche und mehr als 1.600 Eltern per Online-Fragebogen teil. Im Zentrum der Untersuchung standen 7- bis 17-Jährige.

In einer ersten Auswertung Mitte Juli hatten die Forscher ermittelt, dass sich mehr als 70 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Krise seelisch belastet fühlten und sich das Risiko für psychische Auffälligkeiten fast verdoppelt habe.

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Ein Mädchen mit Schulranzen und Schutzmaske auf dem Schulweg. © panthermedia Foto: Hannes_Eichinger

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 10.02.2021 | 12:00 Uhr

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