Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg-St. Pauli (Luftaufnahme von 1999) © picture-alliance / akg-images Foto: Reimer Wulf

Hamburg ist Bunker-Hochburg

Stand: 22.06.2017 14:00 Uhr

Mehr als 1.000 Bunker gab es zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Hamburg. Hunderte liegen im Verborgenen, aber oft ganz nah. Einige Anlagen wurden abgerissen, andere umgebaut.

von Jochen Lambernd

In keiner anderen Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg so viele Bunker errichtet wie in Hamburg, der schon damals zweitgrößten Metropole Deutschlands. Die Nationalsozialisten hatten 1940 ein Sofortprogramm auflegen lassen. Adolf Hitler sah für Hamburg eine Bedrohung der wichtigen U-Boot- und Ölindustrie. Gegen Kriegsende zählte die Hansestadt 1.051 Anlagen. 1950 waren es aufgrund der von den Briten angeordneten - aber oft wenig erfolgreichen - Sprengungen noch 1.026. Darunter waren 76 Hochbunker, 415 Röhrenbunker und 356 Rundbunker sowie 11 Luftschutztürme. Während des Kalten Krieges waren viele Bunker weiterhin als Zufluchtsstätte vorgesehen. Inzwischen gibt es noch rund 650 Bunker in der Hansestadt, 57 davon sind Hochbunker. Viele Anlagen werden ganz unterschiedlich genutzt, einige stehen unter Denkmalschutz. Einer davon ist zum Beispiel der "Kaufmann-Bunker" in Pöseldorf.

"Riesenklötze" fallen ins Auge

Ein Bild vom Hamburger Bunker.
So grün könnte der Hochbunker auf St. Pauli nach einer Umgestaltung aussehen.

Der wohl bekannteste Bunker in Hamburg steht auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli. Der ehemalige Flakturm ist 75 Meter mal 75 Meter breit und 39 Meter hoch. Heute wird er "Medienbunker" genannt. In ihm haben verschiedene Firmen ihren Sitz. Außerdem siedelten sich Musik-Clubs wie Uebel & Gefährlich und Terrace Hill an. Dieses gewaltige Gebäude soll in einen "Grünbunker" verwandelt werden.

Sein ähnlich großer "Kollege" in Wilhelmsburg hat bereits einen Umbau zu einem Energiebunker erfahren. Diese "Klötze" fallen jedem ins Auge. Dabei hat Hamburg noch etliche weitere kleinere Hochbunker - auch Bunkerhäuser genannt -, die von den Menschen gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Zu sehr haben sich Anwohner an den Anblick gewöhnt. Viele Bunker verschwinden hinter Bäumen oder sind zugewuchert.

Große und kleine Anlagen unter Tage

Leere Sitzreihen prägen das Bild im Tiefbunker unter dem Hauptbahnhof in Hamburg. © dpa Foto: Fabian Bimmer
Tief unter dem Hauptbahnhof liegt der Bunker Steintorwall. Hier geht's spartanisch zu.

Die meisten Bunker sind unterirdisch, bleiben also im Verborgenen. Zu den größten Anlagen zählen die heute noch erhaltenen Tiefbunker Steintorwall (insgesamt 2.700 Plätze) und Hachmannplatz (1.000 Plätze) unter dem Hauptbahnhof sowie Berliner Tor (600 Plätze). Weitaus größer war der 200 Meter lange und 21,4 Meter breite Tiefbunker unter dem Spielbudenplatz auf St. Pauli (5.000 Plätze). Nach dem Krieg wurde er zu einem Parkhaus umgebaut (430 Plätze für Autos). Meist wurden Tiefbunker als Röhrenbunker errichtet. In die Erde eingelassen konnten auch vergleichsweise kleine Bauten auf geringer Fläche in bestehende Stadtgebiete gebaut werden. Solche Bunker finden sich noch recht häufig zwischen der "normalen" Bebauung, also oft in der direkten Nachbarschaft. Eine Nutzung - etwa als Lager - ist nur noch vereinzelt möglich. Häufig ist Wasser eingedrungen, die Innenräume sind modrig.

VIDEO: Hamburg damals: Bunkerwelten (4 Min)

Neben den Hoch- und Tiefbunkern gibt es viele Sonderbauten, die als Luftschutzräume genutzt werden konnten. Diese befinden sich an mehreren S- und U-Bahnstationen wie etwa Stadthausbrücke, Reeperbahn, Harburg-Rathaus, Jungfernstieg oder Steinfurther Allee.

Rundbunker mit neuer Funktion

Rundbunker an der Rothenbaumchaussee in Hamburg, genutzt als Bar und Party-Location. © NDR Foto: Jochen Lambernd
Beliebte Bar und Party-Location ist der Zombeck-Rundbunker an der Rothenbaumchaussee.

Eine weitere Bunker-Variante sind die Rundbunker wie etwa am Bahnhof Barmbek, an der Rothenbaumchaussee gegenüber des Dammtor-Bahnhofs, an der Sternschanze oder zwischen Baumwall und St. Pauli-Landungsbrücken. Sie wurden zwischen 1939 und 1941 gebaut. Die nach ihrem Konstrukteur Paul Zombeck benannten Türme - von diesen sind neun von ehemals elf noch erhalten - haben bis zu zwei Meter dicke Wände. Im Inneren gibt es keine Stufen, sondern eine ansteigende Rampe, sodass die Struktur eher einem Schneckenhaus ähnelt. In Kriegszeiten sollen sich dort bis zu 1.800 Menschen gedrängt haben. Eigentlich hatten die Rundbunker 600 Schutzplätze. Häufig stehen sie in direkter Nähe von Verkehrsknotenpunkten. Ihr Merkmal ist neben dem kegelförmigen Dach die Verklinkerung. Diese ist dem Stadtbild der damaligen Zeit angepasst. Heute werden sie unter anderem als Bar, Restaurant, Geschäft oder Sportheim genutzt.

Einziger Ringtreppenturm 2009 abgerissen

Ringtreppenturm im Hamburger Rosshafen (2009 abgerissen) (Freigestellt auf Fond) © Hamburger Unterwelten e.V.
Mehrere Eingänge und innen Treppen statt einer Rampe unterscheiden den Ringreppenturm vom Zombeck-Turm.

In Hamburg gab es bis 2009 im Rosshafen noch einen seltenen Ringtreppenturm, der auf dem ehemaligen Werftgelände der Howaldtswerke stand. Diese Bauart ähnelt äußerlich den Zombeck-Türmen, ist jedoch von innen ganz anders aufgebaut. Damit in Kriegszeiten möglichst viele Menschen möglichst schnell hineinkommen konnten, ließ der Konstrukteur mehrere Eingänge bauen. Jeder Eingang führte zu einem Stockwerk. Die Treppen wurden versetzt an der Innenseite der Außenwände angesetzt. Der Ringtreppenturm im Hafen wurde Anfang der 1940er-Jahre gebaut. Der Werksluftschutzbunker bot 465 Plätze. Bis zu seinem Abriss aufgrund der Hafenerweiterung war das Bauwerk noch fast vollständig im Originalzustand.

Führungen nicht nur für Touristen

In Hamburg kümmern sich seit 2006 zwei Vereine um die Welt der Bunker und unterirdischer Bauwerke: "Unter Hamburg" und "Hamburger Unterwelten". Die jeweiligen Führungen und weiteren Angebote sind nicht nur für Touristen interessant. Auch die meisten Hamburger können hier viel Neues erfahren. Im Stadtteil Hamm, auf dem Grundstück der Wichernkirche, ist Hamburgs Bunkermuseum - natürlich ein Bunker, ein Vier-Röhren-Bunker von 1940/41, um genau zu sein. Seit 1997 können Besucher einen Eindruck von der beklemmenden Enge in einem Bunker bekommen. Gezeigt werden unter anderem Berichte von Zeitzeugen, Fotos, Gasmasken oder Bombensplitter.

Nutzung als Wohnraum

Aufgestockter Hochbunker in Hamburg-Eimsbüttel © NDR Foto: Jochen Lambernd
Wie hier an der Ecke Heußweg/Unnastraße wurde ein Bunker um ein Wohngeschoss aufgestockt.

Oft stehen die Bunker Wand an Wand mit Wohnhäusern. Weil Grundstücke in attraktiven Lagen sehr teuer sind und Abrissarbeiten genauso, haben einige Hamburger in den vergangenen Jahren aus den Kriegsnachlässen Wohnobjekte geschaffen und die Bunker entsprechend umbauen lassen. Größtes Problem dabei: die dicken Mauern. Um ein Fenster oder eine Tür in die Meter starken Wände zu schneiden, sind viel Geduld und teure Diamantsägen notwendig. Häufig wird deshalb aufgestockt. Über einem alten Hochbunker entsteht dann ein luftiges Loft. Wer sich für einen "Wohn-Bunker" interessiert: Die Stadt verkauft einige der alten Gemäuer, die nicht mehr in der sogenannten Zivilschutzbindung sind.

VIDEO: Heimatkunde: Bunker (2 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 Aktuell | 14.06.2017 | 10:00 Uhr

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