Stand: 06.07.2018 06:08 Uhr

Vor einem Jahr: Die Gewalt von G20

von Elisabeth Weydt

Es war der größte Polizeieinsatz in der Geschichte Deutschlands: 31.000 Polizisten sollten beim Treffen der G20 im vergangenen Jahr in Hamburg für einen ruhigen Ablauf der Konferenz und des Protests sorgen. Doch am Ende standen Rauchschwaden über der Stadt, brannten Autos und Barrikaden. Läden wurden geplündert, Flaschen und Steine auf Polizisten geworfen. Nicht nur die Gewalt einiger Protestierender, auch die einiger Polizisten empfanden viele als unangemessen.

Lola D. wohnt nur einige Hundert Meter entfernt von dem Ort, an dem sie vor einem Jahr fast den Glauben an die Demokratie verlor. Damals hätte sie mit ein paar Freunden am Abend der großen Demonstration friedlich auf der Straße im Hamburger Stadtteil St. Pauli getanzt, erzählt sie.

"Auf einmal ist die Polizei richtig schnell auf uns zu gerannt, und hat auf alle Menschen eingeschlagen, mit Schlagstöcken." Sofort sei überall Blut auf dem Boden gewesen, sagt sie. Lola D. selbst habe an einer Wand gestanden, vor ihr ein Polizist. "Er hat weiter die Leute geschlagen und auf einmal hat er mein Bein getroffen."

Keine Anzeige gegen Polizei erstattet

So schwer hätte er es getroffen, dass ihr Unterschenkel davon brach, sagt sie. Die Spanisch-Lehrerin verbrachte die nächsten zehn Wochen mit Schmerzen im Bett, konnte ohne Hilfe nicht einmal duschen. Gegen die Polizei hat sie trotzdem keine Anzeige erstattet. Verschiedene Anwälte rieten ihr davon ab, es habe keine Erfolgsaussichten. In dem Chaos hatte sie den Polizist nicht identifizieren können. "Die waren so verdeckt mit Helmen, mit Brillen, mit Waffen, dass ich nicht mal ein Auge von ihm sehen konnte." Lola D. hat keine Beweise dafür, dass ihr Bein von dem Polizisten gebrochen wurde.

Grote: Furcht vor Anzeige der Polizei unbegründet

Außerdem fürchtet sie wie andere Betroffene in solchen Fällen eine Gegenanzeige von Seiten der Polizei. Diese Befürchtungen ärgern Hamburgs Innensenator Andy Grote. Das sei eine Legende, es gebe keine Gegenanzeigen, sagt er auf NDR Info. "Das ist ein großes Problem, dass Geschädigte nicht kooperieren." In einem großen Teil der Verfahren seien die Geschädigten unbekannt, und selbst wenn sie bekannt seien, kooperierten sie zum Teil nicht, machten keine Aussagen, so Grote. "Dann ist es fast unmöglich, einen solchen Sachverhalt so zu ermitteln, dass ich auch zu einer belastbaren Anklage komme."

Selten Anklage gegen Polizisten erhoben

Das Dezernat für interne Ermittlungen sammelte bisher rund 160 Verfahren gegen Polizeibeamte, meist wegen Körperverletzung im Amt. Bisher ist daraus keine einzige Anklage entstanden. Generell wird in Deutschland laut Statistischem Bundesamt bei weniger als zehn Prozent der Anzeigen gegen Polizeibeamte auch Anklage erhoben. Lola D. frustriert das: "Ich fühle mich machtlos. Auch wenn ich Recht habe, kann ich nicht kämpfen oder ich habe Angst."

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Demonstranten, Anwohner oder Randalierer während des G20-Gipfels verletzt wurden. Auf Seiten der Polizei waren es knapp 800 Beamte. Außerdem hat die Gewalt der Randalierer insgesamt einen Schaden von rund elf Millionen Euro verursacht.

Geschäftsmann wütend auf Politiker

Falk Hoquél ist einer der Betroffenen. In der Krawallnacht versuchte er, sein Café im Schanzenviertel vor den Randalierern zu schützen. Sie hätten trotzdem Teile der Fassade abgerissen und in die Feuer auf der Straße geworfen, erzählt er: "Ich hab keine Sympathie für Randalierer, weil sie die Arbeit anderer Menschen mit Füßen treten." Es macht ihn wütend, dass Läden angezündet oder geplündert wurden. "Das ist eine Eskalation, die will ich auf keinen Fall! Feuer auf der Straße, die mit Pech Häuser anzünden, wo richtig, richtig Gefahr bestand."

Trotzdem richtet sich seine Wut eher gegen die Politik. "Von Politikern erwartet man ja Weitsicht. Dass das passieren würde, weiß man seit vielen G20-Gipfeln. Das veranstaltet man dann nicht in einer Gegend wie dieser. Das macht man in Heiligendamm, oder sonst wo, aber nicht hier!"

Weitere Informationen
NDR Info

Grote: G20-Krawalle dürfen sich nicht wiederholen

05.07.2018 07:08 Uhr
NDR Info

Ein Jahr nach den G20-Ausschreitungen in Hamburg hat Innensenator Andy Grote (SPD) die Durchführung des Gipfels auf NDR Info verteidigt. Das Geschehene dürfe sich aber nicht wiederholen. mehr

Bisher 60 Urteile zu G20

Innensenator Andy Grote würde den G20-Gipfel wieder in Hamburg stattfinden lassen - wenn auch mit besser geschultem Personal und mehr Bürgerkommunikation. Die Nachbereitung hingegen sieht er als Erfolg: Mittlerweile werden mehr als 3.000 Strafverfahren gegen Randalierer und linksextreme Autonome in ganz Europa geführt. Es gibt mehr als 800 namentlich Beschuldigte. Bisher wurden knapp 60 Urteile gefällt. Das höchste Strafmaß liegt bei drei Jahren und sechs Monaten.

"Gewalt noch nicht verarbeitet"

Auch für die Spanischlehrerin Lola D. ist die Gewalt von G20 noch nicht abgeschlossen: "Ich glaube, ich brauche Zeit, um das innerlich zu verarbeiten und mich wieder auf eine Demonstration trauen zu können. Im Moment geht das nicht."

Warum der G20-Gipfel so viel Gewalt frei setzte, darüber gibt es auch ein Jahr danach unterschiedliche Erzählungen. Der Sonderausschuss zur Aufarbeitung der gewalttätigen Ausschreitungen will die Geschehnisse nach der Sommerpause abschließend bewerten.

Weitere Informationen

Ein Jahr nach G20: Friedliches Cornern

Wo vor einem Jahr während des G20-Gipfels die Barrikaden brannten, sind am Wochenende wieder Protestaktionen geplant. Ein erstes "Massencornern" im Schanzenviertel verlief friedlich. mehr

Ein Jahr danach: G20-Gipfel mitten in Hamburg

Vor einem Jahr waren in Hamburg die Staatschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer zu Gast. Die Aufarbeitung der Geschehnisse rund um den Gipfel ist nicht abgeschlossen. mehr

G20-Ausschuss: Viel Gewalt kam aus dem Ausland

Im G20-Sonderausschuss haben Experten die Krawalle der Gipfelgegner analysiert. Demnach wurden 5.500 gewaltbereite Linksextremisten mobilisiert, von denen ein Drittel aus dem Ausland kam. mehr

G20-Gipfel in Hamburg

Der G20-Gipfel 2017 fand am 7. und 8. Juli 2017 in Hamburg statt. Im Dossier finden Sie News, Videos, Bilderstrecken und Reaktionen auf das Gipfeltreffen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 06.07.2018 | 06:08 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:07
Hamburg Journal

Wann kommt der Fernbahnhof Diebsteich?

13.12.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:36
Hamburg Journal

Udo Lindenberg stellt neues Album vor

13.12.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
01:10
Hamburg Journal

31,5 Milliarden Euro will der Senat ausgeben

13.12.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal