Stand: 20.09.2020 17:04 Uhr

Ungewollt kinderlos: Für eine Eizellspende nach Spanien

In Deutschland dürfen sich Frauen für einen Kinderwunsch keine fremden Eizellen einsetzen lassen. Ein Paar, das am Stadtrand nordöstlich von Hamburg lebt, fuhr nach Spanien. Ist diese Praxis noch zeitgemäß?

VIDEO: Ungewollt kinderlos: Der schwere Weg zur Elternschaft (3 Min)

Im November soll das erste Kind kommen. Silke* und Thomas* freuen sich schon riesig darauf. Aber es war ein weiter Weg bis hierhin. Drei Jahre lang haben die beiden probiert, schwanger zu werden – erst auf natürliche Weise, dann mit Hilfe künstlicher Befruchtung. Ohne Erfolg. "Wir hatten relativ viele Eizellen, und die Befruchtung hat auch immer geklappt. Aber die Embryonen haben sich einfach nicht weiterentwickelt", sagt Silke. Drei Jahre lang Stress, Anspannung und Lügen. Dass sie in Behandlung sind, soll keiner wissen. Eine enorme Belastung.

"Es ist ja auch nicht so, dass man sich in den Gynäkologenstuhl setzt und die Eier entnimmt", erzählt Thomas. "Sondern das passiert ja alles unter Vollnarkose, und wenn es dann wieder nicht klappt, ist das auch eine sehr starke seelische Belastung."

Spanien als letzte Chance

Schließlich entscheiden sich die beiden in Absprache mit ihrem Arzt für die allerletzte Chance: eine Eizellspende. Weil diese aber in Deutschland verboten ist, fahren sie nach Spanien. Dort werden die Eizellen einer fremden Frau mit Thomas' Sperma verschmolzen. Silke wird nach einigen Tagen der fitteste Embryo eingesetzt. Diesmal klappt es – doch es bleibt ein ungutes Gefühl.

"Man fühlt sich wie ein Krimineller, weil man weiß: Man ist dann schwanger und das Baby darf es hier eigentlich gar nicht geben", erzählt Silke. "Unser Baby ist, was die Zeugung angeht, illegal."

Georg Griesinger vom USKH Lübeck.
Reproduktionsmediziner Georg Griesinger: "Familien, die durch Eizellspenden entstanden sind, entwickeln sich gut."
Mediziner dürfen nur informieren

Auch Reproduktionsmediziner laufen nach aktueller Gesetzeslage Gefahr, sich strafbar zu machen. Sie dürfen nur informieren, aber nichts tun. Dabei sind Eizellspenden mittlerweile sicher, sowohl für die Spenderin wie für die Empfängerin. Und sie führen häufig zu einer Schwangerschaft. "Wir wissen auch, dass die Familien, die so entstanden sind, sich gut entwickeln", erklärt Georg Griesinger vom Universitären Kinderwunschzentrum Schleswig-Holstein. "Die Befürchtungen, dass es Identitätskonflikte bei den Kindern durch eine 'gespaltene Mutterschaft' gibt, sehen wir nirgendwo in der wissenschaftlichen Literatur."

Auch Hamburgs Ärztekammerpräsident Pedram Emami fordert eine Überarbeitung des 30 Jahre alten Embryonenschutzgesetzes, damit Paare auch in Deutschland eine moderne Behandlung bekommen, wie in den europäischen Nachbarländern. Mit weniger gesundheitlichen und finanziellen Belastungen. "Ich glaube, dass die moderne Medizin auch Möglichkeiten bietet, innerhalb eines tragbaren ethischen Rahmens zu handeln", sagt Emami. "Dafür das Zuhause und die Republik zu verlassen und Hilfe woanders zu suchen, würde ich nicht gerechtfertigt finden. Das tun wir bei anderen behandlungsbedürftigen Fällen ja auch nicht."

15.000 Euro ausgegeben

Silke und Thomas haben mittlerweile 15.000 Euro ausgegeben - nicht nur in Spanien, sondern auch für die legalen Befruchtungsversuche in Deutschland, die die Kassen nur noch in engem Rahmen bezuschussen. Eigentlich sollte ein Kinderwunsch keine Frage des Geldbeutels sein, finden die beiden.

*Anmerkung der Redaktion: Die Namen wurden auf Wunsch des Paares geändert.

Weitere Informationen
Ein Paar geht am Strand spazieren. © picture alliance Foto: Janis Meye

Hilfe bei unerfülltem Kinderwunsch

Viele Menschen versuchen lange vergeblich, auf natürlichem Weg ein Kind zu bekommen. Ein Ratgeber des Familienministeriums hilft weiter. extern

Eine junge Frau hinter einer spiegelnden Scheibe guckt nachdenklich nach unten (Themenbild). © Imago | Westend 61 Foto: Westend 61

Ungewollte Kinderlosigkeit: Was Betroffene bewegt

Warum eine professionelle psychosoziale Beratung hilfreich ist und sie unterstützen kann. Informationen vom Bundesfamilienministerium. extern

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.09.2020 | 19:30 Uhr

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