Stand: 10.12.2019 07:21 Uhr  - NDR 90,3

Stutthof-Prozess: Zeuge schildert Qualen

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Abraham Koryski berichtete vor Gericht über die Zustände im KZ Stutthof.

Im Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof hat das Hamburger Landgericht heute einen Zeugen aus Israel gehört. Der heute 91-Jährige berichtete von schwersten Misshandlungen der Gefangenen. "Wir wurden ständig verprügelt, die ganze Zeit, auch während der Arbeit", sagte Abraham Koryski nach den Worten eines Dolmetschers. Er habe 1944/45 mehrfach erlebt, wie die SS sadistische "Shows" veranstaltete. Einmal habe ein Sohn vor den versammelten Häftlingen seinen Vater zu Tode prügeln müssen. Koryski war 1944 als 16-Jähriger aus Litauen in das Lager gebracht worden. Anfang 1945 überlebte er einen Todesmarsch mit tausenden Gefangenen Richtung Westen, bis ihn die Rote Armee befreite. Heute lebt der Mann in Israel.

Beihilfe zum Mord in mehr als 5.000 Fällen

Dem 93 Jahre alten Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vorgeworfen. Als KZ-Wachmann soll er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben, wie es in der Anklage heißt. Zu den Aufgaben des damals jungen Mannes habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern.

"Was hätte ich tun sollen?"

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Ein Justizbeamter bringt den Angeklagten Bruno D. am Montag in einem Rollstuhl in den Gerichtssaal.

Am vergangenen Verhandlungstag hatte der 93-Jährige erklärt, er sei sich keiner Schuld bewusst. Er sagte: "Warum sollte ich daran Schuld haben? Das frage ich mich immer wieder. Was hätte ich tun sollen?" Als Einzelner hätte man den Menschen in den Konzentrationslagern nicht helfen können. "Die Menschen haben mir leid getan. Aber ich konnte ihnen nicht helfen", beteuerte der Angeklagte. Zur Tatzeit war der Angeklagte erst 17 Jahre beziehungsweise 18 Jahre alt. Darum findet der Prozess vor einer Jugendstrafkammer statt.

Auschwitz-Überlebende fordert Verurteilung

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Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano kam als Zuschauerin.

"Ich erwarte, dass dieser Mann verurteilt wird", sagte die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, die als Zuschauerin im Landgericht war. "In unserer jetzigen politischen Lage ist es ganz wichtig, dass dieses Gerichtsverfahren weitergeführt wird", auch wenn der Angeklagte wegen seines Alters nicht mehr im Gefängnis müsse.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. hat 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof begonnen. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind. Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 10.12.2019 | 07:00 Uhr

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