Stand: 23.11.2018 00:01 Uhr

Steilshoop: Nachbarn gegen Partnergewalt

von Susanne Röhse

Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November erinnert seit 1999 an die Opfer von Partnergewalt. Und die ist Alltag - wie die Zahlen beweisen, die die Familienministerin Franziska Giffey gerade vorgestellt hat. Allein in Hamburg haben mehr als 5.500 Frauen ihre Partner im vergangenen Jahr deswegen angezeigt. Die Dunkelziffer ist hoch, denn meistens schweigen Betroffene aus Scham und Angst. Das Nachbarschaftsprojekt "Stop - Stadtteile ohne Partnergewalt" in Steilshoop kämpft dagegen an.

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Rukiye Camli setzt sich im Nachbarschaftsprojekt "Stop - Stadtteile ohne Partnergewalt" ein.

Rukiye Camli hat es selbst erlebt: Die Mutter von drei Kindern hat lange gebraucht, bis sie sich eingestehen konnte, dass sie in einer gewalttätigen Beziehung lebt. "Meine Mutter hat es immer geahnt und gesehen. Ich wollte es nicht wahrhaben und habe gesagt 'Nein Mama'. Es war dann einfacher zu leben." Rukiye Camli hat die gewalttätigen Ausbrüche ihres Mannes jahrelang ertragen und geschwiegen.

Das Tabu brechen

"Man denkt immer, es kriegt keiner mit, aber das ist nicht der Fall. Gerade in Steilshoop sind das Hochhäuser, die Nachbarschaft kriegt alles mit und ist dann auch unsicher", erklärt Ewgenia Falkenberg. Sie koordiniert das "Stop"-Projekt in dem Stadtteil, bei dem 15 Frauen regelmäßig mitmachen. "Wir möchten das Tabu brechen. Wir möchten, dass das Thema Partnergewalt keine Privatsache mehr ist. Wir möchten den Betroffenen Mut machen, dass sie sich Hilfe holen. Wir betreiben Aufklärungsarbeit, wo welche Hilfsangebote sind."

Geballte Faust © picture-alliance / Design Pics

"Ich wollte es nicht wahrhaben"

NDR 90,3 -

Rukiye Camli hat sich aus einer gewalttätigen Beziehung befreit. Sie ist im Nachbarschaftsprojekt "Stop - Stadtteile ohne Partnergewalt" aktiv, das sich seit acht Jahren in Hamburg-Steilshoop engagiert.

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Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach: Nachbarn übernehmen Verantwortung für ihren unmittelbare Umgebung. "Es geht darum, dass jeder Bewohner in Steilshoop weiß, dass es Menschen gibt, die sich dagegen einsetzen und das man hier im Stadtteil auch Hilfe bekommen kann", erklärt Falkenberg.

Feste Ansprechpartnerinnen im Stadtteil

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Die Menschen in Steilshoop kennen Erika I Gusti Bagus vom Projekt "Stop - Stadtteile ohne Partnergewalt".

Die "Stoplerinnen" - wie sich die Frauen des Nachbarschaftsprojekts stolz nennen - lernen hinzuschauen. Sie kennen alle Hilfsangebote und sind Ansprechpartnerinnen in ihrem Stadtteil. Dazu zählt auch Erika I Gusti Bagus, die schon lange in Steilshoop lebt: "Unsere Plakate mit unseren Gesichtern und unseren vollen Namen waren in der ganzen Siedlung verteilt, so dass man uns kennt."

"Wo wart ihr vor 30 Jahren?"

Regelmäßig bauen sie ihre Infostände auf, reden mit Nachbarn über das Projekt. Dabei hören sie viele Geschichten, zum Beispiel von einem Kioskbesitzer, dessen Kundin regelmäßig mit blauem Auge bei ihm einkauft. Manche Gespräche steckt man nicht so leicht weg. Rukiye Camli denkt dabei an ein Gespräch mit einer 70-Jährigen. Diese kam mit einem Rollator zu ihr an den Infostand und fragte: "Wo wart ihr vor 30 Jahren?"

Vier Hamburger Stadtteile übernehmen Konzept

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Das Projekt "Stop - Stadtteile ohne Partnergewalt" gibt es in Steilshoop seit 2010.

Gewalt in der Partnerschaft gibt es schon immer und überall, aber in Steilshoop wird sie nicht mehr toleriert. Dafür kämpfen die "Stoplerinnen" in der Hochhaussiedlung seit acht Jahren. Das Konzept hat sich bewährt. "Stop"-Projekte gibt es in vier weiteren Hamburger Stadtteilen: Horn, Osdorf, Harburg und Hausbruch.

"Mir geht es jetzt tausendmal besser"

Rukiye Camli hat sich Hilfe geholt. Sie hat vor zwei Jahren ihren Mann verlassen. Mir und meinen drei Kindern geht es jetzt tausendmal besser, sagt sie. "Ich bin so froh, dass ich meine 'Stoplerinnen' hinter mir habe, die mich unterstützt haben. Aber diesen Weg musste ich allein gehen."

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Hilfe bei häuslicher Gewalt

Gewalt gegen Frauen hat viele Facetten. Auf der Internetseite der Hamburger Sozialbehörde werden Hilfsangebote für Betroffene aufgelistet - darunter ein Hilfetelefon. extern

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 23.11.2018 | 10:45 Uhr

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