"Mutter aller Passagen": 40 Jahre Hanseviertel in Hamburg

Stand: 15.11.2020 05:59 Uhr

Am 14. Nobember 1980 wird in der Hamburger Innenstadt das Hanseviertel eröffnet. Heute beherbergt es rund 60 Geschäfte und gilt als die "Mutter aller Passagen".

Ende der 1970er-Jahre will ein britisches Immobilienunternehmen zwischen der Poststraße und Große Bleichen ein gigantisches Kaufhaus bauen. Doch als das britische Pfund im Verhältnis zur D-Mark fällt, werden die Pläne hinfällig. Die Allianz-Versicherung übernimmt das gewagte Projekt. Denn eine Passage auf einem Flickenteppich aus Gründstücken, Altbauten und Leerstellen zu bauen gilt damals als Mammutaufgabe.

Die erste Passage

Der Hamburger Architekt Volkwin Marg hat damals eine Idee. "Wir restaurieren die Randbebauung des Blocks, erhalten alle wertvollen Gebäude, bebauen die Lücken dazwischen", erinnert er sich im Gespräch mit dem Hamburg Journal an das Vorhaben. "Und damit sich das Ganze lohnt, erschließen wir den inneren Block durch eine Passage. Das wurde dann die 'Mutter aller Passagen', denn es war die allererste", erzählt er - nicht ganz ohne Stolz.

"Gearbeitet wie ein Zahnarzt"

Einzelne Bauten werden aufwendig restauriert. Doch Alt und Neu zu verbinden und das mitten in enger Bebauung mit unterschiedlichen Geschosshöhen und Erbbaurecht, gestaltet sich schwieriger als gedacht. "Wir haben gearbeitet wie ein Zahnarzt arbeitet. Einige Sachen bekamen nur eine Plombe, einige bekamen einen Stiftzahn, der einzeln eingesetzt wurde, woanders wurde praktisch wieder eine Brücke gebaut", erinnert sich Marg. "Es war eine ganz differenzierte, komplizierte Wiederherstellung des Blocks. Alt und Neu - aber immer im Dialog. Was alles vereinigte, war der Backsteinbau."

Polnische Maurer verewigen sich

Ein Maurer bei der Arbeit. (Aufnahme aus den 1970er-Jahren)
Viele Maurer aus Polen bauen das Hamburger Hanseviertel mit auf - und verewigen ihre Heimat im Mauerwerk.

Für die aufwendigen Backstein-Arbeiten holt das Bauunternehmen damals Maurer aus Polen - zu einer Zeit, in der Ost und West noch strikt getrennt sind, verewigen sich die Handwerker heimlich in der Fassade. Farblich ausgewählte Klinker ergeben das Wort "Polen" und erinnern so bis heute an die Heimat der Arbeiter. "Wir waren beeindruckt und irritiert und haben gedacht: Das sollten die Hamburger auch sein", sagt Marg. "Es ist ein wunderbarer Hinweis auf die Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs."

Flanieren und Einkaufen in exklusiven Fachgeschäften

Für Licht und Leichtigkeit sorgen Kuppeln aus Glas und Stahl. So entsteht neben Parkhaus, Hotel, Büros und Wohnungen eine überdachte Passage mit 9.000 Quadratmetern zum Flanieren und Einkaufen in kleinen, exklusiven Fachgeschäften. Eines davon ist der Lederwarenhandel der Familie Müller. "Ich habe als Kind schon hier gespielt. Während meine Eltern gearbeitet haben, bin ich mit dem Skateboard durchs Hanseviertel-Parkhaus gefahren oder habe ihnen geholfen", erinnert sich Händler Andreas Müller an früher. "Das war hier schon so etwas wie mein Zuhause, weil ich hier groß geworden bin."

20.000 Kunden täglich

Das Hanse Viertel in Hamburg. © NDR Foto: Screenshot
Rund 20.000 Menschen strömen anfangs täglich durchs Hanseviertel.

Schnell etabliert sich die Passage als beliebte Shopping-Meile - auch über Hamburgs Grenzen hinaus. Anfangs strömen 20.000 Menschen pro Tag durchs Hanseviertel. Die Gastronomie wirkt wie ein zusätzlicher Kundenmagnet. "Es wurde alles geboten, nicht nur Frühstück, sondern auch Mittagstisch und Abendessen", sagt Müller. "Besonders war auch der 100-jährige Klavierspieler, der unten gespielt hat. Der hat immer Atmosphäre reingebracht."

Unter Denkmalschutz gestellt

Doch über die Jahre wandelt sich das Konsumverhalten. Die Kunden bleiben weg. 2017 droht aus wirtschaftlichen Gründen der Abriss des Hanseviertels, nachdem es an das US-amerikanische Unternehmen CBRE Global Investor verkauft wird. Geplant wird ein höherer Gebäudekomplex mit Geschäften, Büros und etwa 100 Wohnungen. Doch ein Jahr später folgt die Rettung des bestehenden Ensembles: Es wird unter Denkmalschutz gestellt. Müller war erleichtert: "Da sind mir tatsächlich Tausend Steine vom Herzen gefallen. Das war schon ein Erlösung. Das hätte mir auch sehr wehgetan, wenn es das Hanseviertel nicht mehr gegeben hätte."

Der große Globus mit den Schifffahrtslinien der Welt soll 2021 neuer Gastronomie weichen und nach draußen verlegt werden. Ein stolzes Symbol des Handels vor Hamburgs "Mutter aller Passagen".

Weitere Informationen
Eine Gebäude mit dem Schriftzug Hanseviertel.

Hanseviertel soll doch nicht abgerissen werden

Das Hanseviertel in der Hamburger City wird nicht abgerissen. Das Gebäude soll unter Denkmalschutz gestellt werden. (15.01.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 15.11.2020 | 19:30 Uhr

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