Stand: 01.08.2020 07:38 Uhr

Kommentar: CSD in Hamburg ist immer noch wichtig

von Daniel Kaiser

Seit jetzt 40 Jahren demonstrieren in Hamburg Schwule und Lesben für Gleichberechtigung. Auch an diesem Wochenende findet wieder der Christopher Street Day (CSD) statt - diesmal wegen Corona als Fahrrad-Demo. In den letzten vier Jahrzehnten hat sich viel verändert. Überflüssig ist der Christopher Street Day deshalb aber längst nicht, sagt Daniel Kaiser in seinem Kommentar.

Überraschung! Das Abendland ist nicht untergegangen, weil jetzt auch Schwule und Lesben heiraten. Die "Ehe für alle" hat der Ehe von Mann und Frau nicht geschadet. Und wir in Hamburg haben das früh geahnt und vor 21 Jahren mit der "Hamburger Ehe" wenigstens einen symbolischen ersten Schritt getan.

VIDEO: Kommentar: "Es ging immer nur um Gleichbehandlung" (3 Min)

Umgang mit Homosexuellen war eine Schande

Noch Jahrzehnte nach dem Krieg wurden Homosexuelle in unserer Stadt drangsaliert, verfolgt, eingesperrt und kriminalisiert. Nicht die Homosexuellen waren eine Schande, sondern der Umgang mit ihnen. Hamburgerinnen und Hamburger haben Schwule und Lesben bei der Polizei denunziert. Polizisten haben bis in die 80er-Jahre Männer beim Pinkeln in öffentlichen Toiletten beobachtet. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Aber so lange ist das noch nicht her.

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Bunte Luftballons sind bei der Parade zum Christopher Street Day (CSD) am 4. August 2018 vor dem Hauptbahnhof zu sehen. © picture alliance/dpa Foto: Markus Scholz

40 Jahre CSD in Hamburg

Am Wochenende demonstrieren in Hamburg wieder Schwule und Lesben für Gleichberechtigung. Der Christopher Street Day (CSD) gehört inzwischen zum Leben der Stadt. Bis hierhin war es allerdings ein langer Weg. mehr

Fortschritte wurden erstritten und erkämpft

Heute weht am Rathaus und an vielen Orten in der Stadt wieder die Regenbogenflagge. Sie zeigt: Wir Hamburger sind ein buntes, tolerantes Völkchen. Vieles hat sich seit dem ersten Hamburger CSD vor 40 Jahren bewegt. Das war kein einfacher Weg. Es war alles erstritten und erkämpft. Es gibt jetzt nicht nur die "Ehe für alle", es ist inzwischen auch verboten, Homosexuelle heilen zu wollen wie von einer Krankheit. Weltweit gesehen ist Hamburg eine glückliche Insel der Toleranz. Anderswo steckt man Schwule und Lesben immer noch ins Gefängnis oder ermordet sie.

Homosexualität bleibt in vielen Familien ein Tabu

Doch bis heute ist auch in unserer Stadt für viele das Outing eine Hürde. In vielen Familien ist Homosexualität ein Tabu. Lesbische und schwule Jugendliche haben eine vier- bis siebenmal höhere Suizidrate. Am Arbeitsplatz fürchten Schwule und Lesben Nachteile, wenn man von ihrer Homosexualität erfährt. Das Wort "schwul" ist auf Schulhöfen immer noch ein Schimpfwort. Man muss nicht erst mit dem Finger auf die LGBT-freien Zonen in Ostpolen zeigen, denn es gibt auch in Hamburg noch Viertel, in den Schwule oder Lesben besser nicht Hand in Hand spazieren gehen.

CSD ist ein Fest für die ganze Gesellschaft

Deshalb ist der Christopher Street Day immer noch wichtig. Eine Demokratie ist nur so stark, wie sie für ihre Schwachen sorgt und für ihre Minderheiten. Der Christopher Street Day ist deshalb kein "Schwulenfeiertag", sondern ein Fest für die ganze Gesellschaft, das dafür eintritt, dass jeder und jede sich ernstgenommen fühlen darf, egal wie er aussieht, was sie glaubt oder wen er liebt.

Es ging nie um Sonderrechte. Es ging nie um Vorteile. Es ging immer nur um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Es war und ist ein langer Weg. Und wir sind noch längst nicht da.

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Stefan Mielchen im Interview mit NDR 90,3. © NDR Foto: Screenshot

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Hamburger Rathaus mit blauem Himmel © digiphot - MEV-Verlag Germany

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 01.08.2020 | 08:40 Uhr

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