Nach einer Attacke auf einen jüdischen Studenten liegt ein Blumenstrauß vor einer Synagoge. © NDR Foto: Anna Rüter

Jüdischer Student vor Hamburger Synagoge schwer verletzt

Stand: 05.10.2020 11:03 Uhr

In Hamburg hat es einen offenbar antisemitischen Angriff gegeben. Vor der Synagoge in Eimsbüttel wurde ein jüdischer Student am Sonntagnachmittag attackiert und schwer verletzt. Politiker und jüdische Verbände verurteilten den Angriff.

Der Student war auf dem Weg in die Synagoge Hohe Weide, um mit anderen Gemeindemitgliedern das jüdische Laubhüttenfest zu feiern. Landesrabbiner Shlomo Bistritzky sagte NDR 90,3, der jüdische Student habe eine Kippa getragen. Vor der Synagoge dann schlug ein Mann in Tarnkleidung mit einem Klappspaten völlig unvermittelt auf den 26-Jährigen ein. Nach Polizeiangaben fügte der Tatverdächtige dem Opfer eine erhebliche Kopfverletzung zu, auch ins Gesicht soll er den Studenten geschlagen haben. Der Angreifer wurde noch am Tatort von Objektschutzkräften festgenommen, die die Feierlichkeiten begleitet hatten. Das Opfer konnte sich nach dem Angriff in Sicherheit bringen. Der Mann wurde bis zum Eintreffen von Rettungskräften von Passanten erstversorgt und anschließend in ein Krankenhaus gebracht.

Hakenkreuz in der Tasche

Nach einer Attacke auf einen jüdischen Studenten liegt ein Blumenstrauß vor der Hamburger Synagoge. © NDR Foto: Anna Rüter
Menschen haben Blumen und Kerzen vor der Synagoge abgelegt.

Bei dem Angreifer handelt es sich um einen 29 Jahre alten Deutschen mit kasachischen Wurzeln, der in Berlin lebt. Sein Motiv ist noch unklar, die Polizei befragt Zeugen. Ihren Angaben nach war der 29-Jährige bei seiner Vernehmung psychisch auffällig. Er soll einen Zettel mit einem Hakenkreuz bei sich gehabt haben. Bistritzky geht darum von einem antisemitischen Hintergrund aus. "Jemand mit Hakenkreuz in der Tasche kommt hier vor die Synagoge, dafür gibt es keine andere Erklärung", so der Rabbiner. Die Ermittlungen übernehmen der Staatsschutz und Beamte vom Fachdezernat für Tötungsdelikte.

Tschentscher: "Hamburg steht fest an der Seite jüdischer Mitbürger"

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zeigte sich nach dem Angriff betroffen. "Ich bin bestürzt über den Angriff vor einer Synagoge in Hamburg", schrieb er am Abend auf Twitter. "Die Polizei hat den Täter festgenommen und klärt die Hintergründe der Tat auf." Er wünsche dem Opfer viel Kraft und baldige Genesung. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) verurteilte den Angriff. "Das ist kein Einzelfall, das ist widerlicher Antisemitismus und dem müssen wir uns alle entgegenstellen", erklärte er auf Twitter. Seine Gedanken seien bei dem Studenten. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak erklärte, die Attacke sei "ein widerwärtiger Akt". Jüdisches Leben in Deutschland zu schützen, "bleibt unsere tägliche Pflicht", twitterte er.

"Jüdisches Leben in Deutschland schützen"

Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert nach Angriff mehr Einsatz gegen Judenfeindlichkeit. "Wir erwarten von der gesamten Gesellschaft, dem Hass gegen Juden entschieden entgegenzutreten - im Sinne unserer Demokratie, unserer Freiheit, und damit jüdisches Leben uneingeschränkt in Deutschland möglich ist", erklärte Verbandspräsident Josef Schuster am Montag in Berlin. Die Situation, dass Juden in Deutschland vermehrt zur Zielscheibe von Hass würden, dürfe niemanden in einem demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland kalt lassen, mahnte Schuster. Die Erfahrungen aus dem Vorfall sollten genutzt werden, um zu prüfen, wie die Sicherungsmaßnahmen vor Ort verbessert werden könnten. In Hamburg gibt außerdem, anders als in anderen Bundesländern, bisher keinen Antisemitismusbeauftragten. Der Zentralrat der Juden kritisierte dies. Hamburg solle "zügig" und "in enger Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde" einen Antisemitismusbeauftragten benennen, forderte Schuster. 

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) bezeichnete den Vorfall als "erneuten Schock für die jüdische Gemeinde in Deutschland". Es sei "unerträglich zu erleben, dass sich Hass und Gewalt gegen Juden immer wieder auf deutschen Straßen entlädt, und das ausgerechnet während der höchsten jüdischen Feiertage sowie ein Jahr nach dem schrecklichen Attentat von Halle", erklärte der ORD-Vorstand Avichai Apel. Er forderte einen besseren Schutz jüdischen Lebens in Deutschland. Auch der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, äußerte sich erschüttert. Er sei traurig darüber, dass ein Jahr nach dem Anschlag von Halle erneut eine deutsche jüdische Gemeinde mit einem "gewalttätigen, antisemitischen Terrorakt" konfrontiert worden sei, erklärte Lauder. 

Militärische Kleidung erinnert an Anschlag von Halle

Sowohl die militärische Kleidung als auch das Datum der Attacke wecken Erinnerungen an den Anschlag auf die Synagoge von Halle an der Saale vor knapp einem Jahr. Dort hatte am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur ein schwer bewaffneter Rechtsradikaler versucht, in die Synagoge einzudringen. An diesem Sonntag nun wurde Sukkot gefeiert, das Laubhüttenfest, das im jüdischen Kalender unmittelbar auf Jom Kippur folgt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 05.10.2020 | 06:00 Uhr

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