Stand: 26.10.2018 08:23 Uhr

Hamburger Kolonialismus-Denkmal gefordert

von Daniel Kaiser

Die Hamburger Gedenkkultur hat mehrere große Baustellen. Kritik gibt es immer noch am Erinnerungsort im ehemaligen Gestapo-Hauptquartier, der sich in einer Buchhandlung befindet. Auch der „Kriegsklotz“ aus der Nazi-Zeit am Stephansplatz wirft Fragen auf. Fachleute haben jetzt in der Sendung „Treffpunkt Hamburg“ bei NDR 90,3 diese Problemfälle diskutiert und einen Gedenkort für die Kolonialzeit vorgeschlagen.

Hamburg entdeckt gerade ein altes Kapitel seiner Geschichte ganz neu - dass sich nämlich der Reichtum der Stadt auch auf Ausbeutung der Kolonien gründete. "Das mit einem sichtbaren Zeichen im Stadtzentrum und nicht nur am Stadtrand zum Ausdruck zu bringen, finde ich eine gute Idee", sagt Detlef Garbe, der Leiter der KZ Gedenkstätte Neuengamme. Ulrich Hentschel schlägt ein Mahnmal zwischen dem Woermannhaus (Afrikahaus), der Hauptkirche St. Petri und dem Rathaus vor. "Im Zentrum dieser Stadt ist der Kolonialismus betrieben und forciert worden. Dahin gehört auch ein solcher Ort", sagt der Pastor im Ruhestand, der die Hamburger Gedenkkultur seit Jahrzehnten begleitet und aktiv mitgestaltet. Wie Hentschel erinnert er auch an belastete Hamburger Straßennamen wie die Walderseestraße in Othmarschen. "Waldersee war ein deutscher General, der in China Massaker an der Zivilbevölkerung angerichtet hat." Dieses Erbe der Kolonialzeit zu diskutieren, sei eine Aufgabe, die noch vor den Hamburgern liege.

Das Schutztruppen-Denkmal in Hamburg-Aumühlen im Jahr 2009 © Reinhard Behrens Foto: Reinhard Behrens

Gedenken in Hamburg - aber richtig

NDR 90,3 - Treffpunkt Hamburg -

Überall in der Stadt stößt man auf Geschichte: Denkmäler, Gedenksteine, Mahnmal! Warum wir uns mit dem 'richtigen' Gedenken schwer tun, will Daniel Kaiser klären.

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„Wir fühlen uns verschaukelt!“

Auch beim Stadthaus, dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier, spricht Ulrich Hentschel Klartext: "Die Erinnerung ist hier in schlechten Händen." Dass das Gedenken dort in einer Buchhandlung auf wenigen Quadratmetern untergebracht werde, sei völlig unzureichend. "Nicht einmal ein Prozent der Gesamtfläche für so einen Gedenkort zur Verfügung zu stellen, halte ich für einen erinnerungspolitischen Skandal." Elinor Schües vom Denkmalrat, der das Denkmalschutzamt ehrenamtlich berät, lässt an den Investoren und dem Umbau der ehemaligen Gestapo-Zentrale in ein Shopping-Center kein gutes Haar. Anders als versprochen sei ein großer Teil der Originalsubstanz abgerissen worden. "Wir vom Denkmalrat fühlen uns mit diesem Projekt komplett verschaukelt."

Kunstwerk soll Diskussion beruhigen

Die Kulturbehörde will nun 250.000 Euro zur Verfügung stellen, um vor dem Shopping-Center ein Kunstwerk aufzustellen, das an die dunkle Geschichte des Gebäudes erinnert. Ulrich Hentschel fordert eine andere Lösung, auch wenn die mehr Geld koste – nämlich neue, größere Räume. "Eine Stadt, die für die Sanierung des Bismarck-Denkmals 7,5 Millionen Euro zur Verfügung stellt und mit Steuergeldern die Rückkehr der 'Peking' nach Hamburg finanzieren kann, aber für dieses Projekt nur 250.000 Euro ausgeben will, kann den Anspruch hier Erinnerungskultur betreiben zu wollen, nicht ernsthaft vertreten."

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Nazi-Denkmal im Licht - Opfermahnmal im Dunkeln

Seit Jahrzehnten gibt es noch eine andere erinnerungspolitische Baustelle: Mitten in Hamburg steht nach wie vor ein Denkmal aus der Nazi-Zeit: der 1936 errichtete sogenannte Kriegsklotz am Stephansplatz mit einem Relief marschierender Soldaten und der Inschrift: "Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen“. Dieses Denkmal ist derzeit nachts hell erleuchtet, während die benachbarten Mahnmale für die Nazi-Opfer im Dunkeln liegen. Deren Scheinwerfer sind seit Wochen kaputt. Auch die Tonspur im sogenannten Deserteurdenkmal, die eigentlich auf Knopfdruck Namen der NS-Opfer erklingen lassen soll, ist nach wie vor defekt. "Man hat den Eindruck, die Stadt habe ihre erinnerungspolitische Pflicht mit der Errichtung des Denkmals erfüllt und jetzt ist es auch gut", kritisiert Hentschel den Zustand.

Verwirrende Denkmäler

Schon in den 80er-Jahren hatte Hamburg den Künstler Alfred Hrdlicka beauftragt, ein Gegendenkmal zu erschaffen, um den Kriegsklotz zu kommentieren. Das Werk blieb unvollendet. Heute sieht man also drei Denkmäler aus drei Jahrzehnten mit drei Botschaften. "Es ist verwirrend. Das Ganze ist in seinem jetzigen Stadium nicht gelungen", urteilt Elinor Schües vom Denkmalrat. Gleichzeitig spricht sie sich dafür aus, den Kriegsklotz als Stein des Anstoßes zu erhalten, denn man dürfe sich unbequemer Geschichte nicht einfach entledigen. "Wenn man das Denkmal entfernt, gibt es nichts mehr zu interpretieren. Dann kann man sich das alles schönreden." Schües sieht Chancen für eine Neugestaltung des ganzen Gedenkortes, sollte die Hochbahn dort - wie angedacht - eine neue U-Bahn-Station bauen und das ganze Areal aufreißen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 25.10.2018 | 22:00 Uhr

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