Stand: 07.09.2016 06:24 Uhr

Hamburg wirbt in London um Unternehmen

von Jonas Keinert

Rund 100 japanische Unternehmen gibt es im Moment in Hamburg. Wenn es nach der Hamburgischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (HWF) geht, sollen es bald noch viel mehr werden. Denn japanische Unternehmen beschäftigen in der Hansestadt schon jetzt knapp 6.000 Mitarbeiter und bringen Steuereinnahmen in Millionenhöhe. Das Brexit-Votum könnte der Wirtschaftsförderung in die Karten spielen.

"Internationale Unternehmen besser kennenlernen"

Denn seit der britischen Abstimmung über einen Austritt aus der Europäischen Union im vergangenen Juni machen sich zahlreiche internationale Firmen Gedanken darüber, wie sie ihren Zugang zum europäischen Binnenmarkt auch nach dem Brexit erhalten können. "Jeder spricht vom Brexit", sagt Stefan Matz, Bereichsleitung Internationale Unternehmen und Ansiedlung der HWF. "Wir wissen, dass das für Hamburg Chancen bringt. Es geht nicht von jetzt auf gleich. Aber es ist wichtig, dass wir die Netzwerke, die wir haben, intensivieren und neue aufbauen. Zielsetzung ist: Internationale Unternehmen in London besser kennenzulernen."

Auch andere europäische Metropolen werben gezielt

Aus dem Kennenlernen soll nach Möglichkeit mehr werden. Zum Beispiel Neuansiedelungen in Hamburg oder sogar die Verlagerung von Europazentralen in die Hansestadt. "Aber auch dann ist es keine Schwarz-Weiß-Entscheidung. Man flüchtet ja nicht von der Insel", so Matz. "Und es ist auch nicht so, dass wir meinen, wir müssten hier kurzfristige Abschlüsse tätigen." Zudem möchte die Wirtschaftsförderung auch Großbritannien als Handelspartner nicht verprellen. Ein Spagat, denn viele europäische Metropolen wie Düsseldorf, Paris oder Dublin werben im Moment um asiatische und nordamerikanische Unternehmen in Großbritannien.

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Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft: "Internationale Unternehmen bringen zusätzliche Steuereinnahmen."

"Kommunen sind aus einem ganz einfachen Grund daran interessiert, die Headquarters von internationalen Unternehmen an ihren Standort zu ziehen: Weil das zusätzliche Wertschöpfung bedeutet und mit zusätzlichen Steuern einher geht", weiß Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Dazu kommt, dass bei den international tätigen Unternehmen ein hoher Anteil von Hochqualifizierten beschäftigt ist, die dann auch ein höheres Einkommensniveau haben. Das heißt, dass pro Kopf noch einmal zusätzliche Steuern hinzukommen."

Japanische Firma Olympus gilt als Vorzeigebeispiel

Das Vorzeigebeispiel ist Olympus: Der Stammsitz der Firma ist in Japan, die Europazentrale seit 53 Jahren in Hamburg. Mit 1.984 Arbeitsplätzen ist Olympus der größte japanische Arbeitgeber der Stadt. "Ich denke, es wäre ein positives Signal, auch für die Metropolregion Hamburg, wenn wir noch weitere japanische Unternehmen begrüßen könnten", findet Matthias Jakob, Managing Director der Olympus Europa Management SE.

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Firma Olympus: Stammsitz in Japan, Europazentrale in Hamburg.

"Es fällt uns relativ leicht, gut ausgebildete Talente zu finden", sagt Jakob. Hamburg biete eine hervorragende, logistische Struktur. Für japanische Unternehmen sei die Hansestadt noch aus einem weiteren Grund attraktiv: Mit etwa 1.700 Japanern hat Hamburg deutschlandweit die zweitgrößte japanische Community. "Für unsere japanischen Mitarbeiter ist es zum Beispiel sehr interessant, dass wir auch eine japanische Schule hier in Hamburg haben", sagt Jakob.

Steuervorteile werden nicht angeboten

Für Ende des Jahres plant die Wirtschaftsförderung eine große Roadshow in London, um noch mehr Firmen zu werben. Steuervorteile könne man den Firmen nicht anbieten, so Matz. Hamburg will stattdessen eine Alternative als Tor zum Europäischen Binnenmarkt werden. "Japanische Firmen haben in der Vergangenheit London sehr oft als Landeplattform für ihre Investitionen verwendet", sagt Rolf Strittmatter, Geschäftsführer der HWF. "Wir haben aber auch einige japanische Unternehmen hier in Hamburg. Also wir haben eine gute Mischung und gute Anbindung an japanische Unternehmen, die dann gegebenenfalls ihre Zentralen hier zu Europa- oder Weltzentralen ausbauen können."

Hamburg könnte auf lange Sicht vom Brexit profitieren

Mit einigen Firmen sei man nach dem ersten Besuch in London sogar schon in sehr konkreten Gesprächen. "Wir bieten Netzwerke", sagt Matz. "Wir bieten Strukturen und wir bieten Kontakt zu potenziellen Kunden. Auch die weichen Faktoren sind wichtig. So etwas wie bilinguale Kindergärten. Japanische, koreanische und chinesische Infrastruktur. Ich glaube, wir haben ein ganz gutes Package." Seit 1. August beschäftigt die HWF mit Katharina Strenge sogar eine Projektleiterin für Großbritannien und die USA, die sich nur um die beiden englischsprachigen Märkte kümmert. So könnte das Brexit-Votum für Hamburg auf lange Sicht zu einem Glücksfall werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 07.09.2016 | 13:45 Uhr

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