Stand: 10.05.2020 14:06 Uhr  - NDR 90,3

Gottesdienst in Corona-Zeiten: Beten mit Maske

von Daniel Kaiser
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Auch in der St. Pauli Kirche sitzen die Gläubigen beim Gottesdienst weit auseinander.

Nach zwei Monaten Pause haben viele Kirchen in Hamburg am Sonntag wieder Gottesdienst gefeiert - allerdings mit Auflagen. Da hieß es Hände desinfizieren, Maske aufsetzen, sich mit Namen und Adresse auf eine Liste eintragen. Dann konnte es losgehen.

Auch in der Hauptkirche St. Trinitatis Altona am Fischmarkt versammeln sich am Sonntagvormittag Gläubige - mit Abstand. Trotz der Auflagen hört man immer wieder den Ausruf "Endlich!" "Es ist wie nach Hause kommen, sehr ergreifend und schön", freut sich eine Besucherin. Und nach dem Gottesdienst erzählt sie: "Weil wir nicht singen durften, haben wir die Lieder mit Gesten untermalt."

Abendmahl mit Gebäckzange

Dass ausgerechnet am traditionellen Singe-Sonntag mit dem Namen "Kantate" nicht gesungen werden darf, sei schon hart, sagt Pastor Torsten Morche. Für das Abendmahl, auf das die meisten Gemeinden verzichten, hatte er aber eine Idee. Die Lösung lag in seiner Küche. Im Besteckkasten. "Ich habe da eine Gebäckzange gefunden und mich daran erinnert, dass man im Mittelalter Kommunionszangen benutzte, um die Hostie nach der Wandlung nicht noch einmal zu berühren", erklärt Morche. "Den Wein habe ich allein getrunken. Das wirkt für unsere Verhältnisse vielleicht ein bisschen römisch-katholisch, aber jetzt muss es halt mal so gehen." Der Gottesdienst ist ein Erfolg. Es kommen mehr Menschen als vor der Corona-Pandemie. "Ich hatte das gar nicht erwartet und musste noch Liedzettel nachdrucken", berichtet der Pastor.

Die härteste Tür von St. Pauli

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Mit Mundschutz nimmt diese Frau am Gottesdienst in der Hauptkirche St. Michaelis teil.

Auch vor der St. Pauli Kirche gibt es eine Schlange wie beim Bäcker. Das Eintragen in die Liste dauert lange. "Wir brauchen nächsten Sonntag eine zweite Liste", murmeln die Pastoren. Sie beobachten genau, was funktioniert, und was nicht. Nur 35, höchstens 40 Menschen dürfen wegen der Abstandsregeln in den Gottesdienst. "Und so wird über Nacht die Kirche zur härtesten Tür vom Kiez, lacht "Türsteher" Pastor Martin Paulekuhn: "Es ist die härteste Tür von St. Pauli im ältesten Club der Welt." Es gebe strenge Einlassregeln. "Wenn es richtig voll wird, machen wir um 12 Uhr einen neuen Gottesdienst. Wir schicken niemanden weg", verspricht Paulekuhn. "Unter'm Kruzifix ist noch Platz", ruft sein Kollege Sieghard Wilm ins Glockengeläut in Richtung Warteschlange. In der Kirche stehen die Stühle auf Abstand. Alle tragen Masken. Keiner singt. Für viele fühlt es sich wohl anders und fremd an.

Gottesdienstlabor Ottensen

Wegen des fehlenden Gottesdienstgefühls und aus Vorsicht haben sich viele Gemeinden gegen Gottesdienste entschieden. Die evangelischen Gemeinden in Hamburg-Niendorf beispielsweise wollen voraussichtlich erst nach Pfingsten wieder Sonntagsgottesdienste anbieten. In der Christianskirche in Ottensen hat man den Gottesdienst einfach ganz neu erfunden. Die Kirche ist von morgens bis mittags geöffnet. Zur vollen Stunde gibt es eine Andacht mit Wort und Musik und danach einen Kaffee und Gespräche in der Sonne vor der Kirche. "Fehlt nur das Glas Sekt", lacht eine Besucherin. Die Christianskirche ist ohnehin ein Labor für neue kirchliche Formate. Pastorin Katharina Fenner freut sich über das gelungene Experiment. "Es ist ganz viel Luft da für Menschen, die etwas Neues erleben wollen. Gottesdienst fühlt sich jetzt ganz anders an."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 10.05.2020 | 09:00 Uhr

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