Stand: 27.04.2020 06:00 Uhr  - NDR 90,3

Expertin: Direkter Kontakt als Mittel gegen Gewalt

von Susanne Röhse
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Sabine Stövesand ist Professorin an der Fakultät Wirtschaft und Soziales an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW).

Schläge, Tritte, Erniedrigungen - und kaum einer bekommt es mit. Häusliche Gewalt findet meist hinter verschlossenen Türen statt. Und Betroffene schweigen häufig aus Scham. Das Nachbarschaftsprojekt "SToP" - Stadtteile ohne Partnergewalt will hier helfen. In sechs Hamburger Stadtteilen engagieren sich Menschen in dem Projekt. Die Idee: Eine funktionierende und aktive Nachbarschaft, die in Krisensituationen da ist und hilft. Entwickelt wurde "SToP" von Sabine Stövesand. Sie ist Professorin an der Fakultät Wirtschaft und Soziales an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Im Interview mit NDR 90,3 erzählt sie, warum das Projekt wichtig ist - gerade in der Corona-Zeit.

Wie äußert sich Gewalt in Partnerschaften?

Sabine Stövesand: Durch verbale Abwertungen und Drohungen. Durch physische und sexualisierte Angriffe wie Vergewaltigung und Schläge. Auch durch ökonomische Kontrolle, wenn es zum Beispiel ein Arbeitsverbot gibt, Geld weggenommen wird oder das Haushaltsgeld beschränkt wird. Außerdem gibt es noch Stalking und soziale Kontrolle - zum Beispiel über das Handy: Wo bist du? Was machst du? Mit wem triffst du dich? Es kann auch vorkommen, dass versucht wird, Kontakte zu unterbinden, dass ein Mensch eingesperrt wird. Häufig werden mehrere dieser Gewaltformen kombiniert und es kommt zu Wiederholungen und Eskalation, schlimmstenfalls zur Tötung. Betroffen sind zu 80 Prozent Frauen.

Es heißt, in dieser Corona-Krise hat häusliche Gewalt zugenommen, bundesweit mehr als 17 Prozent. Was befürchten Sie, was passiert hinter geschlossenen Türen in Zeiten des Kontaktverbots? 

Sabine Stövesand: Es gibt gute Gründe, sich Sorgen zu machen. Soziale Isolation ist einer der wesentlichen Risikofaktoren für Gewalt in der Partnerschaft und Kindesmisshandlung. Und genau die nimmt jetzt zu. Die Frauen sind isolierter, damit schutzloser. Sie sind außerdem familiär noch stärker eingebunden als zuvor, müssen sich intensiver kümmern. Freiräume verschwinden, es ist schwieriger, sich Hilfe zu holen. Männern wird aggressives Verhalten bis heute, durch ungleiche Ressourcenverteilungen, Erziehung und Rollenzuschreibungen, gesellschaftlich leider als Bewältigungshandeln und Machtmittel nahegelegt. Wenn jetzt Frustration und Existenzangst zunehmen ist erwartbar, dass Spannungen, Dominanzverhalten, Gewalt zunehmen. Vielleicht gibt es aber auch Fälle, wo Paare mehr zusammenrücken, solidarischer werden.

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Das Konzept des "SToP"-Projekts setzt auf soziale Netzwerke und Nachbarschaften. Wie funktioniert das?

Sabine Stövesand: Ein Ausgangspunkt ist, dass Gewalt gegen Frauen kein Frauenproblem ist, sondern etwas über die Qualität eines Gemeinwesens aussagt. Ein anderer Punkt ist, dass die Mehrheit der Gewaltbetroffen nicht vom etablierten Hilfesystem erreicht wird, das ohnehin erst dann einsetzt, wenn schon etwas passiert ist. Wir wollen Brücken bauen und möchten, dass sich in den Köpfen und dem Handeln der Menschen etwas verändert. Partnergewalt soll geächtet werden. Es soll eingeschritten werden, bevor es zu spät ist. Es gibt in unseren Projekten immer eine bezahlte Fachkraft. Die findet Menschen in den Stadtteilen, die sich gegen Gewalt gegen Frauen und für gleichberechtigte Partnerschaften engagieren möchten. Die Projektteilnehmer kommen in Nachbarschaftsgruppen zusammen, tauschen sich aus, bilden sich zum Thema weiter, machen Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit, holen andere mit ins Boot. Ein Schneeballsystem.

 Wie können die Mitarbeiterinnen von "SToP" ganz konkret helfen?

Sabine Stövesand: Durch die "SToP"-Gruppen, die Weiterbildung und durch viele Gespräche wissen sie, was man praktisch tun kann und tragen dieses Wissen weiter: in den Sportverein, auf den Spielplatz, ins Stadtteilfest. Sie sprechen drüber, holen das Thema aus der Tabuzone in den Alltag. Dadurch werden sie dann auch angesprochen, um Hilfe gebeten oder mischen sich ein, vermitteln weiter zu Fachstellen, begleiten auch mal dorthin. Beratung findet dann als Alltagsgespräch statt. Es geht auch nicht nur um Hilfe, sondern um die Veränderung von eigenen Haltungen und von Geschlechterbildern. Es geht um gelebte Gleichberechtigung und Respekt. Bei Frauen und Männern, allen Geschlechtern.

In Hamburg gibt es sechs "SToP"-Projekte: in Steilshoop,  Neuwiedenthal, Osdorfer Born, Phoenixviertel, Horner Geest und Wilhelmsburg. Das alles sind eher sozial benachteiligte Stadtteile. Heißt das, hauptsächlich nur in solchen Stadtteilen kommt  Partnergewalt vor und eher selten in gut situierten Stadtteilen wie Eppendorf oder Blankenese?

Sabine Stövesand: Nein, alle Untersuchungen zeigen, dass Partnergewalt sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Bislang gab es aus Eppendorf oder Blankenese noch kein Interesse an einem "SToP"-Projekt. Eventuell sind dort die Tabus noch größer. Vielleicht existiert weniger Courage.

Geht Partnergewalt in "SToP"-Quartieren zurück? Holen Frauen sich eher Hilfe?

Sabine Stövesand: Aktive Nachbarn und Nachbarinnen berichten, dass sie vermehrt angesprochen werden. Zum Beispiel werden sie auf dem Spielplatz oder im Café um Rat gefragt. Dann wissen sie, wie sie helfen können. In der Horner Geest gab es in einem Jahr beispielsweise knapp 90 Erstkontakte, das heißt 90 Betroffene, die sich getraut haben, Hilfe zu suchen. Es gab teilweise mehr Meldungen bei der Polizei und den sozialen Diensten.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, um Opfer besser schützen zu können?

Sabine Stövesand: Wichtig ist mehr Prävention. Das wird unterschätzt. Meistens passiert erst was, wenn etwas passiert ist. Wir müssen Projekte und Strukturen aufbauen, die im Alltag der Menschen wirken. Wir müssen Zivilcourage und gute Nachbarschaft stärken. Polizei und Sozialarbeit können und sollen nicht 24/7 vor der Tür stehen. Gerade die Corona-Krise zeigt, dass es leicht zugängliche, niederschwellige Zugänge zu Hilfe braucht. "SToP"-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind im Stadtteil unterwegs, bringen momentan Tüten mit Lebensmitteln und "SToP"-Infoflyern an die Türen, bieten sich zum Gespräch an. Sie kennen die Leute vor Ort, rufen von sich aus an, legen Hinweise mit Unterstützungsmöglichkeiten aus. Es würde helfen, wenn ein Ansatz wie der von "SToP" von mehr Bundesländern übernommen würde. Helfen würde auch, wenn dieser Ansatz in Hamburg regelhaft gefördert würde. Es ist absurd, dass Projekte, die an anderen Ländern mit einem ähnlichen Ansatz wie "SToP" arbeiten, als Best Practice ausgezeichnet und mit Millionen von Dollar von internationalen Institutionen gefördert werden, in Deutschland sich dazu aber bundesweit nichts bewegen lässt. Nachhaltig wäre bestimmt der weitere Abbau des Ungleichgewichts zwischen den Geschlechtern,  eine bessere Bezahlung in Frauenberufen, die gleiche Aufteilung der Erziehungs-und Hausarbeit sowie mehr Veränderung in den Köpfen, was Frauen- und Männerbilder angeht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 27.04.2020 | 10:15 Uhr

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