Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg, kommt zu einem Missbrauchsprozess in das Landgericht Köln. Er ist als Zeuge vor Gericht geladen. © picture alliance/dpa Foto: Oliver Berg

Erzbischof Heße in Missbrauchsprozess: "Konsequent gehandelt"

Stand: 18.01.2022 18:04 Uhr

Mit dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat am Dienstag erstmals in Deutschland ein katholischer Bischof in einem Missbrauchsprozess vor Gericht ausgesagt. Vor dem Kölner Landgericht ist ein heute 70 Jahre alter Priester wegen Kindesmissbrauchs angeklagt. "Wir haben konsequent gehandelt", sagte Heße, er räumte aber auch Fehler ein.

Heße war im Erzbistum Köln Personalverantwortlicher in den Jahren von 2006 bis 2012 - zu der Zeit, als erstmals Vorwürfe gegen den Priester aus Gummersbach erhoben wurden. Dem Mann wird vorgeworfen, drei seiner zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt minderjährigen Nichten sexuell missbraucht zu haben. Die ersten Taten sollen in den 1990er-Jahren stattgefunden haben. Zudem soll er sich 2011 an einem elfjährigen Mädchen vergangen haben.

Heße: "Entschlossen und schnell gehandelt"

Der Hamburger Erzbischof Heße stellte sich bei seiner Aussage am Dienstag als entschlossenen Aufklärer dar. "Wir haben konsequent gehandelt", sagte er vor dem Landgericht. Heße schilderte, wie er 2010 als damaliger Personalchef des Erzbistums Köln den Priester beurlaubt hatte, nachdem ihm bekannt geworden war, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Mann ermittelte. Er habe den Pfarrer "sofort aus dem Verkehr gezogen", sagte Heße. Man habe "entschlossen", "prompt" und "schnell" gehandelt. Nach einiger Zeit stellte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen jedoch ein, weil die Nichten des Priesters, die ihn beschuldigt hatten, ihre Aussage zurückzogen. "Ich hab an dem Tag die Welt nicht mehr verstanden", sagte Heße.

Priester wurde erneut eingesetzt

Für ein kirchliches Verfahren habe es danach nach Einschätzung der Fachjuristen des Erzbistums auch keine Grundlage mehr gegeben, weil die Nichten zu keiner weiteren Aussage bereit gewesen seien. "Damit brach auch dieses Kartenhaus in sich zusammen", sagte Heße. "Und dann standen wir vor dem Nichts." Auf Anweisung des damaligen Erzbischofs Joachim Meisner wurde der Priester erneut eingesetzt. Er hatte wieder mit Kindern zu tun und soll erneut Missbrauch begangen haben.

Brisanter Aktenvermerk: Heße kann sich "keinen Reim" machen

2020 war bekannt geworden, dass es aus der Zeit, in der die Vorwürfe gegen den Priester geprüft wurden, einen brisanten Aktenvermerk des Erzbistums gibt. Darin hieß es, der Priester habe im Generalvikariat in einem Gespräch "alles erzählt". Weiter heißt es: "Es sollte über dieses Gespräch jedoch bewusst kein Protokoll angefertigt werden." Heße habe zu diesem Vorgehen sein Einverständnis gegeben.

Heße sagte dazu vor Gericht, er könne sich "keinen Reim" auf diese Aktennotiz machen. Der Priester habe ihm gegenüber immer alle Vorwürfe bestritten und als "Quatsch" bezeichnet. "Er wies das alles von sich. Da bin ich mir hundertprozentig sicher." Außerdem seien die Akten ja alle noch vorhanden.

Heße räumt Fehler ein

Heße räumte in der Verhandlung aber auch Fehler ein. Die 2010 bekannt gewordenen Vorwürfe gegen den Priester hätten an den Vatikan gemeldet werden müssen, so der Erzbischof.

Gutachten hatte Heße belastet

Der Fall findet auch besondere Erwähnung in einem Rechtsgutachten über den Umgang des Erzbistums mit sexualisierter Gewalt, das im März vergangenen Jahres veröffentlicht wurde. Das Gutachten wirft in einem Zwischenfazit Heße eine Verletzung der Aufklärungspflicht in seiner früheren Funktion vor.

Papst nahm Rücktrittsangebot nicht an

Heße hatte nach der Veröffentlichung des Gutachtens dem Papst seinen Rücktritt als Hamburger Erzbischof angeboten, den der Papst jedoch nicht annahm. Zwar sah auch der Papst "persönliche Verfahrensfehler Heßes". Das Gutachten habe aber nicht ergeben, dass diese Fehler "mit der Absicht begangen wurden, Fälle sexuellen Missbrauchs zu vertuschen".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 18.01.2022 | 17:00 Uhr

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