Stand: 28.06.2020 20:37 Uhr

Erstes Abi an jüdischer Schule in Hamburg seit 1942

von Lennart Richter

Vor 13 Jahren nahm das Jüdische Bildungshaus Hamburg den Schulbetrieb im historischen Gebäude der ehemaligen Talmud-Tora-Schule im Grindelviertel wieder auf. Heute heißt sie Joseph-Carlebach-Schule, benannt nach dem letzten Oberrabbiner Hamburgs. In diesem Jahr feiert die Schule den ersten Abiturjahrgang seit der Zwangsschließung der Schule im Jahr 1942 durch die Nationalsozialisten.

Es ist ein besonderer Tag für den Abschlussjahrgang der jüdischen Schule im Hamburger Grindelviertel: Am Sonntag haben die Schülerinnen und Schüler gemeinsam ihr Abitur gefeiert. Sie sind die ersten, die seit der Wiedereröffnung der ehemaligen Talmud-Tora-Schule, dem heutigen Joseph-Carlebach-Bildungshaus, hier ihr Abitur gemacht haben. Alle haben es geschafft. Sabine Bogutsky ist eine von ihnen. "Für uns Schüler ist das etwas ganz Besonderes, weil man eine gewisse Verantwortung hat, wenn man der erste Jahrgang ist, der nach so einer langen Zeit hier Abitur macht", sagt sie. "Deshalb ist das schon ein sehr, sehr gutes Gefühl."

Unterricht hinter Eisenzaun und mit Polizeischutz

Vor fast 80 Jahren wurde die Schule geschlossen, die meisten Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler wurden deportiert und ermordet. Erst im Jahr 2007 wurde der Schulbetrieb wieder aufgenommen, hinter einem Eisenzaun und unter permanentem Polizeischutz. Für die Abiturientinnen und Abiturienten spielt das aber heute keine große Rolle: Sie freuen sich über ihr Abitur. "Natürlich ist da Stolz, weil man ein Teil von dieser Gruppe und von diesem Jahrgang ist, der das zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft hat", sagt Bogutsky.

Ein Junge mit Kippa geht am 12.09.2014 in Hamburg in der Talmud-Tora-Schule neben einer Gedenktafel an Joseph Carlebach eine Treppe hinauf. © dpa/picture allaince Foto: Daniel Bockwoldt
Die Talmud-Tora-Schule heißt heute Joseph-Carlebach-Bildungshaus und eine Gedenktafel erinnert an den Rabbiner.

Die Abi-Prüfungen in der Coronazeit fanden in der Aula statt mit reichlich Sicherheitsabstand und weit geöffneten Fenstern, erzählt Stefanie Szczupak, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde. "Wir hatten zusätzlich zwei Klassenräume, wo Schülerinnen und Schüler, die Risikopatienten in ihren Familien haben, getrennt von allen schreiben konnten", sagt sie. "Das Kollegium stand ihnen während Corona mit Homeschooling zur Seite. Sie haben viele persönliche Gespräche geführt, sodass die Schüler gut vorbereitet waren und ruhig in die Prüfung gegangen sind."

Joseph-Carlebach-Bildungshaus mit besonderem Charakter

Das Grundprinzip der Schule sieht so aus: von der Krippe bis zum Abitur, mit Liebe und Geborgenheit. Viele Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte kennen sich seit 13 Jahren, sind dabei, als die Schule zum ersten Mal wieder ihre Türen öffnete. "Die Kinder kommen bei uns in den Kindergarten, zum Teil in die Krippe, und wachsen immer weiter hoch", sagt Schulleiterin Franziska von Maltzahn. Darum gebe es an dieser Schule ein ganz besonderes Klima. "Das ist wie ein ein Internat, nur zum Schlafen geht man nach Hause. So haben wir einen sehr familiären Charakter."

Sabine Bogutsky kennt ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sowie die Lehrkräfte seit der dritten Klasse. "Diese Leute sind mir sehr ans Herz gewachsen und es ist schon schwierig, dass die Zeit vorbei ist, in der man sich jeden Tag gesehen hat", sagt sie. "Wir sind schon eine kleine Familie geworden und deshalb ist es traurig, dass man jetzt die Schule verlässt." Sie selbst wird ab Herbst Medizin studieren.

Tschüs sagen, mit einem weinenden und einem lachenden Auge. So geht es allen in der Abschlussklasse. Am Sonntagabend sollte dennoch gefeiert werden - in kleiner Runde nur mit den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern sowie den Lehrkräften. "Das ist ein bisschen so, wie wenn Eltern ihre Kinder zum Auszug verabschieden. Ein Teil der Familie wird jetzt fehlen", sagt Schulleiterin von Maltzahn. "Aber auf der anderen Seite sind wir glücklich, sie ins Leben entlassen und sehen zu können, wie sie ihren Weg machen."

Glückwünsche von Fegebank und Rabe

Glückwünsche gab es auch von Hamburgs Zweiter Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne): "Es ist ein bedeutender Moment, nicht nur für die Abiturientinnen und Abiturienten, sondern auch für das jüdische Leben in Hamburg", sagte sie. Dass der erste Jahrgang nun das Abitur ablegen konnte, sei "ein ermutigendes Signal und eine Stärkung für das jüdische Leben in Hamburg".

Auch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) zeigte sich bei der Abitur-Verleihung per Video-Einspieler. "Es ist immer wieder ein Wunder, zu beobachten, wie aus Turnbeutel werfenden Fünftklässlern elegante, charmante junge Abiturientinnen und Abiturienten werden, die mit Recht zuversichtlich ins Leben starten", so Rabe. Er gratuliere aber auch "einer besonderen Schule, die zu Recht ihren Platz in Hamburg hat und jetzt mit dem Angebot, zum Abitur zu führen, diesen Platz weiter gefestigt und ausgebaut hat".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 26.06.2020 | 14:32 Uhr

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