Stand: 08.09.2018 00:00 Uhr

Das Handy kann warten - die Kinder nicht!

Nicht nur Jugendliche, sondern auch viele Erwachsene sind inzwischen mehr mit ihrem Smartphone als mit Freunden beschäftigt. Das hat gerade eine neue Freizeitstudie ergeben. Bei jungen Eltern, die ihren Kindern doch ein Vorbild sein sollten, sieht es nicht besser aus. Viel Zeit fürs Handy, wenig für den Nachwuchs. Das darf nicht so bleiben.

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur vom "Hamburger Abendblatt"

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Der Handykonsum von Eltern muss sich dringend ändern, meint Lars Haider.

Legen Sie bitte jetzt einmal ihr Handy weg, wenigstens für die nächsten vier bis fünf Minuten. Und wenn Sie Kinder haben sollten: Denken Sie zumindest kurz darüber nach, das Ding für den Rest des Tages ganz auszumachen. Ich weiß, das klingt im Jahr 2018 nach einer unmöglichen Forderung, aber es wird höchste Zeit, dass sie jemand ausspricht. In Hamburg gibt es jetzt einen Jungen, der das so laut gemacht hat, dass man als Vater oder Mutter nicht anders kann, als ein schlechtes Gewissen zu haben.

Der Junge heißt Emil, er ist sieben Jahre alt und hat genug von Erwachsenen, die ständig auf ihre Smartphones gucken. Emil geht deshalb mit seinen Freunden und vielen betroffenen Erwachsenen auf die Straße, um zu demonstrieren: für mehr Zeit für Kinder und für weniger Zeit am Handy. Sein Schlachtruf: "Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr in Eure Handys schaut!"

Der siebenjährige Emil demonstriert gegen Eltern, die ständig auf ihr Smartphone schauen.

Kinder demonstrieren gegen Handy-Sucht der Eltern

Hamburg Journal -

"Spielt mit mir, nicht mit euren Handys" - 200 Kinder haben gegen den ständigen Gebrauch ihrer Smartphones ihrer Eltern demonstriert. Der siebenjährige Emil hat die Demo ins Leben gerufen.

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Das Handy absorbiert die Aufmerksamkeit

Fühlen Sie sich auch ertappt? Ich ja. Und es ist mir unangenehm, dass ein sieben Jahre alter Junge uns Erwachsene erwischt hat. Man muss sich an einem normalen Wochenende wie dem aktuellen ja nur mal umgucken: Mütter schieben Babywagen und starren auf ihre Handys. Väter geben Anschwung beim Schaukeln und starren auf ihre Handys. Und was antworten Eltern, wenn das Kind eine Frage oder eine Bitte hat? "Einen kleinen Moment, mein Schatz, ich muss nur noch schnell eine E-Mail beantworten." Geht's noch? Nein, es geht nicht mehr!

Eine aktuelle Studie über das Freizeitverhalten der Hamburger hat ergeben, dass diese sich mehr mit ihrem Smartphone als mit ihrem Partner beschäftigen. Bademeister bitten Eltern eindringlich, wenigstens beim Schwimmen besser auf ihre Kinder als auf ihre Handys zu achten. Weil es zu oft umgekehrt ist, wären etliche Jungen und Mädchen in diesem Sommer fast ertrunken.

Das Handy absorbiert die Aufmerksamkeit vieler Menschen in einer Art und Weise, dass es nicht nur nervig, sondern gefährlich wird. Ehepartner reden abends nicht mehr miteinander, sondern schicken sich Nachrichten im WhatsApp-Familienchat. Autofahrer checken E-Mails, auch wenn sie nicht an einer roten Ampel stehen. Und wer durch die Stadt rennt und nach vorn, nicht nach unten aufs Smartphone guckt, müsste eigentlich schräg angeguckt werden.

 Schlechte Vorbilder für die Kinder

Als das Telefon erfunden wurde, konnten sich damit Menschen verständigen, obwohl sie an unterschiedlichen Orten waren. Seit es das Smartphone gibt, reden Menschen nicht mehr miteinander, obwohl sie an ein und demselben Tisch sitzen. Geht's noch? Nein, es geht nicht mehr!

Wenn schon Kinder, die wie selbstverständlich mit Handys aufwachsen, das Verhalten ihrer Eltern nervt, muss sich daran dringend etwas ändern. "Spielt mit mir! Nicht mit euren Handys!" hat Emil auf die Zettel schreiben lassen, mit denen er in Hamburg für seine Demonstration am Sonnabend geworben hat. Der Junge hat recht: Zumindest wenn ein Kind in der Nähe ist, gehört das Handy in die Hosen- oder irgendeine andere Tasche. Erstens, weil das Ding sonst wertvolle Familienzeit klaut. Zweitens, weil ein unachtsamer Moment böse Folgen haben kann, sowohl auf dem Spielplatz als erst recht im Straßenverkehr. Und drittens wollen wir doch alle gute und nicht schlechte Vorbilder für unsere Kinder sein. Soll heißen: Wer den ganzen Tag am Handy klebt oder es immer und immer wieder rausholt, darf sich nicht beschweren, wenn seine Kinder früher oder später genau das Gleiche tun.

 Wie oft am Tag schaut man eigentlich auf das Smartphone?

Ich übertreibe, sagen Sie? Alles halb so wild? Dann machen Sie heute ruhig einmal den Test. Es gibt eine App, die zählt, wie oft man an einem Tag das Handy in die Hand nimmt. Probieren Sie es! Freundliche Studien haben ergeben, dass der Deutsche im Schnitt 88 Mal pro Tag auf sein Smartphone schaut. Wie oft schaut man auf oder nach seinen Kindern? Wie oft spricht man sie an? Und vor allem: Wie oft ist man voll und ganz bei ihnen?  

Emil und alle anderen haben es verdient, dass die Erwachsenen, wenn sie denn überhaupt für sie da sind, voll für sie da sind. Dass sie sich nicht immer von irgendeinem Piepen oder Vibrieren rausreißen lassen aus dem Familienleben. Viele von uns glauben, dass sie etwas verpassen, wenn sie nicht regelmäßig auf ihr Handy schauen. Könnte ja eine neue Mail gekommen sein, eine Frage vom Kollegen, eine Eilmeldung, weil irgendwo auf der Welt etwas Schönes oder Schreckliches passiert ist. "Ich muss nur mal kurz."

Wissen Sie, was wir Erwachsene müssen? Wir müssen uns Gedanken machen, wenn Kinder wie Emil gegen unseren Handykonsum auf die Straße gehen. Und wir müssen uns eingestehen, was wir wirklich verpassen, wenn wir uns immer und immer wieder über unsere Handys beugen. Wir verpassen das echte Leben.  

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 09.09.2018 | 09:25 Uhr

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