Uwe Kaspereit mit Sarah Klein (18) und Paul Petersen (17) vor dem Helene Lange Gymnasium © NDR Foto: Petra Volquardsen

Lehrstunde für Freiheit: DDR-Verfolgter geht an Schulen

Sendedatum: 01.10.2020 10:15 Uhr

Uwe Kaspareit kam in der DDR ins Gefängnis, weil er Flugblätter verteilte. Heute geht er regelmäßig an Hamburger Schulen und spricht über seine Erfahrungen.

Uwe Kaspareit © NDR Foto: Petra Volquardsen

AUDIO: DDR-Verfolgter spricht mit Jugendlichen (3 Min)

Uwe Kaspereit steht auf dem Schulhof des Helene-Lange- Gymnasiums in Harvestehude. Er ist aus seinem Haushaltswarenladen an der Hoheluftchaussee rüber geradelt. Es ist schon einige Jahre her, dass er gefragt wurde, ob er nicht als Zeitzeuge über sein Leben in der DDR zu berichten möchte. Seitdem macht er regelmäßig Besuche an Schulen, auch wenn sie in diesem Jahr wegen Corona ausfallen mussten. Heute trifft Kaspareit Sarah Klein (18) und Paul Petersen (17), die beim letzten Zeitzeugen-Tag mit ihm dabei waren.

Kritsche Fragen waren in der DDR nicht erlaubt

Uwe Kaspereit kommt gebürtig aus Bützow zwischen Schwerin und Rostock. Er geht in der DDR zur Schule und macht eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker. Je älter er wird, desto mehr Fragen kommen ihm: "Ich wollte schon mal wissen, warum ich nicht reisen durfte und warum ich nicht kritisch nachfragen durfte, damit wollte ich mich nicht abfinden. Insofern beschloss ich, nicht mehr in diesem Land leben zu wollen." Mit 19 stellt er einen Ausreiseantrag. Als der abgelehnt wird, hängt er - zusammen mit einem Freund - Flugblätter in der Innenstadt auf: "Da stand drauf, kämpft für den Frieden, kämpft für die Einhaltung der Menschenrechte, gegen Massenverdummung und Völkerhetze." Uwe Kaspereit kommt zum ersten Mal in ein Gefängnis; drei Monate in Untersuchungshaft in Schwerin, davon acht Wochen in Einzelhaft. Für Schüler Paul Petersen schwer vorstellbar: "Inwiefern haben die acht Wochen in Einzelhaft Ihre Denkweise verändert?" will er wissen. Und Uwe Kaspereit erzählt: "Ich hab mich die ersten Tage gezwungen, nicht emotional  zu wirken, aber dann brach es aus mir heraus, ich hab geweint, ich wusste ja auch nicht, was auf  mich zukommt."

Überwacht von der Stasi

Zu neun Monaten Haft wird Uwe Kaspereit damals verurteilt. Nach dem ersten Gefängnisaufenthalt wird er bespitzelt und überwacht und noch zwei weitere Male ins Gefängnis gesteckt. Natürlich, sagt er, habe er zwischendurch auch mal gezweifelt, ob das der richtige Weg sei: "Da hab ich dann aber gedacht: Du hast ja gar nichts gemacht. Sei stolz drauf und steh dazu." Schülerin Sarah Klein wird nachdenklich, wenn sie von den Erfahrungen hört, die Uwe Kaspereit gemacht hat: "Uns wird  ja beigebracht, kritisch zu denken. Aber wenn man in so einem Land lebt, frag ich mich, wie man dazu kommt."

Neuanfang in Hamburg

Mit 23 wird Uwe Kaspereit von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Er fängt in Hamburg ganz neu an. Für die beiden Jugendllichen ist es heute selbstverständlich, dass es ein vereintes Deutschland gibt. Für Uwe Kaspereit wird der 3. Oktober immer ein besonderer Tag sein: "Grundsätzlich ist die Tatsache, dass Deutschland wiedervereint ist, für mich das Größte". Schülerin Sarah Klein nimmt aus den Gesprächen mit dem Zeitzeugen vor allem eines mit: "Ich bin mit Freiheit aufgewachsen und nehme das als selbstverständlich. Aber das ist es nicht."  Nächstes Jahr kommt Uwe Kaspereit gern wieder als Zeitzeuge ins Helene-Lange-Gymnasium.  

 

Weitere Informationen
Susanne Daubner bei NDR 90,3. © NDR Foto: Alexander Dietze

Susanne Daubner über ihre abenteuerliche Flucht aus der DDR

"tagesschau"-Sprecherin Susanne Daubner floh kurz vor dem Mauerfall 1989 aus der DDR. Ihren Schritt hat sie nie bereut. mehr

Eine Familie überquert im November 1989 mit Einkaufstüten einen geöffneten Grenzübergang zwischen DDR und BRD. © dpa - Bildarchiv Foto: Wolfgang Weihs

30 Jahre Einheit - 30 Jahre Neuland

Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ändert sich für die Ostdeutschen alles. Ihr Alltag: Neuland. Ein Dossier. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 01.10.2020 | 10:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Zeitumstellung © by-studio/fotolia Foto: by-studio

Zeitumstellung: Nun gilt wieder die Winterzeit

Haben Sie daran gedacht, die Uhren umzustellen? Mit der Winterzeit wird es nun morgens früher hell, abends eher dunkel. mehr

Radfahrer fahren während einer Pop-up Radwegaktion des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) auf einer zeitlich begrenzt für sie reservierten Spur der Reeperbahn. © picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz

Petition für mehr Pop-up-Radwege in Hamburg übergeben

13.065 Menschen haben die Petition "Pop-up-Radwege in Hamburg jetzt!" unterschrieben. Sie wurde auf der Reeperbahn übergeben. mehr

Menschen, die Einkaufstüten tragen, von hinten fotografiert. © picture alliance / dpa Foto: Franziska Kraufmann

Verkaufsoffener Sonntag in Hamburg

In Hamburg haben am Sonntag ab 13 Uhr viele Geschäfte geöffnet. Ein im April ausgefallener verkaufsoffener Sonntag wird nachgeholt. mehr

HSV-Spieler jubeln nach dem Tor zum 2:1 gegen Würzburg von Simon Terodde. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Terodde wieder mit Doppelpack - HSV schlägt Würzburg

Die Hamburger feierten in der Zweiten Liga den fünften Sieg in Folge und bauten ihren Vorsprung an der Tabellenspitze aus. mehr