Stand: 25.03.2020 12:09 Uhr  - NDR 90,3

Bürgermeister Tschentscher: "Gemeinsam gegen Corona"

Warum gibt es keine Mundschutz-Pflicht? Darf ich meinen Enkel zum Geburtstag besuchen? Warum werden Fluggäste nicht strenger kontrolliert? Hamburgerinnen und Hamburger haben Peter Tschentscher (SPD) am Mittwochmorgen diese und viele weitere Fragen gestellt. Hamburgs Erster Bürgermeister war live bei NDR 90,3 am Telefon zugeschaltet. Moderatorin Nicoles Steins führte durch die Fragestunde.

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Peter Tschentscher hat am Telefon Fragen von Hamburgerinnen und Hamburgern beantwortet.

In mehreren Blöcken beantwortete Tschentscher die Fragen der Menschen und ging auf Vorschläge ein. Einer davon kam von einer Hörerin zu Supermärkten: Beim Einkaufen fühle sie sich nicht sehr sicher und hofft, dass dort noch mehr für die Sicherheit getan wird. Als Beispiel nannte sie die Stadt Nizza, wo sie Verwandtschaft habe: Dort dürften nur zehn Menschen gleichzeitig in den Markt, wodurch es kein Gedränge gibt.

"Ja, es ist schwieriger, im Supermarkt die Abstände einzuhalten", sagte der Bürgermeister. Auch in Hamburg gebe es bereits Pläne in den Schubladen, wie sie in Nizza schon gelten, aber bislang ginge es ohne strengere Regelungen. "Ich sehe auch, dass viele Läden bereits sehr Sinnvolles tun", sagte er und nannte durchsichtige Plastikscheiben zwischen Kunden und Kassierenden als Beispiel. "Das finde ich sehr gut."

Enkel und Großeltern sollten Abstand halten

Sich gegenseitig besuchen - das geht leider nicht immer, wie im Gespräch deutlich wurde. Die Frage einer Hamburgerin, ob sie ihre Nachbarin besuchen und mal zum Spaziergang treffen könne, bejahte der Bürgermeister. Doch einer Hörerin, die ihren Enkel besuchen möchte, riet Tschentscher entschieden von ab - auch nicht zum Geburtstag: "Das ist die traurige Lage, dass man gerade nicht zusammen feiern kann." Großeltern und Enkelinnen und Enkel sollen zurzeit Abstand halten, weil die Älteren oft besonders gefährdet sind und die Jüngeren das Coronavirus unbemerkt übertragen könnten.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher im Studiogespräch.

Coronavirus: Peter Tschentscher im Interview

NDR 90,3 - NDR 90,3 Aktuell -

Darf ich meinen Nachbar besuchen? Warum gibt es noch keine Massentests? Hamburgerinnen und Hamburger haben Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) bei NDR 90,3 live Fragen gestellt.

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Tut Hamburg genug zum Schutz der Menschen?

Sorge vor einer unnötigen Ausbreitung der Infektion durch fehlende Maßnahmen äußerten gleich mehrere Hamburgerinnen und Hamburger: "Warum gibt es noch keine Mundschutz-Pflicht?", wollte eine Frau vom Bürgermeister wissen. Tschentscher, der selbst Mediziner ist, betonte an der Stelle: "Wirklich wichtig sind die Masken im Krankenhaus für alle, die Umgang mit Corona-Patienten haben. Da sind wir gerade dabei, weitere zu beschaffen." Doch es gebe einen Engpass in ganz Europa an Atemschutzmasken, weshalb eine solche Pflicht keinen Sinn habe, da man ohnehin keine Masken kaufen könne.

Für Massentests noch keine Kapazitäten

Ein Hörer äußerte seine Verwunderung darüber, dass Fluggäste in Hamburg ankommen, trotz der Kontaktbeschränkungen Familie und Freunde direkt "innig umarmen und küssen" und dann in die Stadt fahren können. "Sie beobachten da einen richtigen Punkt", antwortete Tschentscher und zeigte Verständnis für die Bedenken, da von Urlaubsrückkehrerinnen und - rückkehrern eine hohe Ansteckungsgefahr ausgehe. Abstand halten sei "wirklich etwas, das für uns alle sehr, sehr ungewöhnlich ist."

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Eine Frage erreichte den Bürgermeister über die NDR Hamburg App: "Warum gibt es noch keine Massentests?" Zum einen hätte Hamburg dafür noch nicht die Kapazitäten, betonte Tschentscher, "gerade können wir einige tausend Tests pro Tag machen." Zum anderen empfehle das Robert-Koch-Institut, die Tests besser gezielt einzusetzen.

Sorgen und Nöte von Selbstständigen

"Wie schnell bekommen wir finanzielle Unterstützung?" - das fragten eine Handwerkerin und ein Handwerker, die beide als Solo-Selbstständige in Hamburg arbeiten. Der Bürgermeister "vertröstete" sie auf Freitag - dann ist Bundesratssitzung. "Danach werden wir ein Rettungspaket des Bundes haben, was wir Unternehmen und Kleinstbetrieben anbieten können." Tschentscher versicherte, dass dazu in den kommenden Tagen auch eine Internetseite freigeschaltet und weitere Informationen folgen würden.

"Warum bekommen Solo-Selbstständige nur 2.500 Euro und in allen anderen Bundesländern gibt es mindestens das Doppelte?", wollte eine andere Hörerin wissen. Tschentscher betonte, dass da ein Missverständnis vorläge: "Wir haben einmal die Unterstützung des Bundes, die können alle in Anspruch nehmen, und das, was wir hier in Hamburg machen, kommt noch dazu."

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Finanzielle Probleme wegen Kurzarbeit

"Darf ich in Kurzarbeit einen 450-Euro-Job machen?" - bei dieser Frage eines Hörers musste Tschentscher erst einmal passen, erklärte aber, dass gerade daran gearbeitet werde, die Bedingungen zu vereinfachen und es den Menschen in Kurzarbeit so einfach wie möglich zu machen.

Finanzielle Sorgen treiben auch eine vierköpfige Familie aus Hamburg um. "Wie sollen wir vier Personen versorgen und einen Hauskredit abbezahlen, wenn mein Mann in Kurzarbeit ist?", fragte die Frau den Bürgermeister. "Ich sehe das Problem. Die 60-Prozent-Regelung ist natürlich knapp", antwortete Tschentscher. Auch für sie hätte er gerade jedoch noch keine klare Lösung für das Problem.

Schnelle Rückfragen während des Live-Gesprächs

Ein Bürgermeister kann nicht alles wissen, aber mal schnell während eines Live-Gesprächs etwas in Erfahrung bringen - das zeigte sich beim Thema Angeln. "Darf ich alleine Angeln gehen?", fragte ein Mann. "Ich würde es als Aufenthalt an der frischen Luft, als Sport sehen. Deshalb würde ich davon ausgehen, dass das okay ist", war Tschentschers erste Antwort. Ein paar Minuten später hatte er schon Antwort von der Innenbehörde: "Angeln ist okay!"

Genauso war es auch beim Thema Entrümpeln. "Ich verstehe, dass den Menschen langweilig ist, wenn sie zu Hause sitzen und nicht arbeiten gehen können", berichtete eine Frau, "aber mein Sohn arbeitet auf dem Recyclinghof, wo er sich vor Arbeit kaum retten kann. Man sollte die Recyclinghöfe schließen. Entrümpeln ist nicht notwendig." Tschentscher versprach: "Das werde ich mitnehmen." Minuten später hatte er eine Rückmeldung von der Hamburger Stadtreinigung: "Es sollen wirklich nur unumgängliche Wohnungsauflösungen gemacht werden."

Große Sorge wegen Schule und Prüfungen

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Dauerbrenner bleiben Fragen rund um Schule und Berufsausbildung: "Wann bekommen wir verbindliche Informationen zum Abitur?", fragte eine Mutter. Schleswig-Holstein hatte mit einem Alleingang für Verunsicherung bei Betroffenen gesorgt. "Ohne Absprache" sei Karin Prien (CDU), Bildungsministerin des Nachbar-Bundeslandes, "nach vorne geprescht", sagte Tschentscher und ließ sich die Verärgerung darüber auch anmerken: "Zum Abitur gehört eine Prüfung. Deshalb bin ich sehr für Einheitlichkeit, und deshalb ist es nicht gut, wenn unabgestimmte Einzelabsprachen gelten. Unser Schulsenator wird das klären." Dabei gehe es ihm vor allem darum, dass Hamburger Abiturientinnen und Abiturienten am Ende kein Zeugnis ausgestellt bekommen, dass woanders nicht gilt.

Zu den Prüfungen am Ende der Berufsausbildung sagte der Bürgermeister: "Unsere Grundhaltung ist: Da, wo es machbar ist, sollten Prüfungen auch erfolgen." Jedoch gebe es viele verschiedene Einzelfälle mit ganz unterschiedlichen Bedingungen.

Weiter offen bleibt, ob und wann es in Schulen und Kindertagesstätten weitergeht. "Wenn es wieder möglich ist, Unterricht zu machen, dann machen wir das auch, aber das ist schwer vorauszusagen", antwortete Tschentscher einer Mutter und sagte im Hinblick auf die nächsten Ferien: "Ich kann mir vorstellen, dass wir mit den anderen Ferienzeiten anders verfahren. Vieles hängt jetzt von ab, wie es mit der Corona-Epidemie weitergeht."

Dank und ein kleiner Appell zum Schluss

"Halten wir zusammen?", wollte NDR 90,3 Moderatorin Nicoles Steins am Ende noch wissen. Ein klares "Ja" kam dazu von Tschentscher. Es sei schon beeindruckend, wie viel Hilfsbereitschaft es in Hamburg gäbe - zum Beispiel Helferinnen und Helfer in den Krankenhäusern. "Gemeinsam gegen Corona - das ist die Botschaft, und das wird in Hamburg schon gut umgesetzt", sagte der Bürgermeister. Zum Abschluss richtete er noch einen Appell an alle Menschen, nicht auf Fake-News reinzufallen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 25.03.2020 | 09:00 Uhr

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